Die niedersächsische Wirtschaft versumpft im Stimmungstief: Die Betriebe zwischen Harz und Küste bewerten die aktuelle Geschäftslage überwiegend schlecht und schauen besorgt in die Zukunft. Unternehmen, die sich auf die nächsten Monate freuen, bleiben eine Ausnahmeerscheinung. Der IHK-Konjunkturklimaindikator ist zum Jahresende 2023 zwar um zwei auf 77 Punkte gestiegen, liegt aber weiter deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt von 103 Punkten.

„Die Wirtschaft in Niedersachsen stagniert, Investitionen und Konsum sind schwach. Dazu verunsichert eine sprunghafte Politik die Wirtschaft. Unsere einzige Hoffnung ist derzeit, dass sich der private Konsum im Laufe des Jahres etwas erholen wird. Was auf jeden Fall fehlt, ist ein Schub von Seiten der Wirtschaftspolitik“, sagt Maike Bielfeldt, Hauptgeschäftsführerin der Industrie- und Handelskammern (IHK) in Niedersachsen. Deutschland müsse insbesondere beim Ausbau der Energieversorgung noch viel schneller werden, die Fachkräfteeinwanderung vereinfachen und das Steuersystem reformieren. „Eine verlässliche und möglichst bürokratiearme Politik kann wesentlich dazu beitragen, Investitionen wieder attraktiv zu machen. So geht Wachstum“, betont die Volkswirtschaftlerin.
Die Auftragslage in der Industrie hat sich zwar im Vergleich zum Herbst 2023 leicht verbessert, das produzierende Gewerbe bleibt jedoch im Krisenmodus. Wer in Niedersachsen investiert, macht das immer häufiger nur deswegen, weil er nicht anders kann: Nach den Investitionsgründen gefragt, ist „Ersatzbedarf“ die absolute Top-Antwort der Unternehmen – „Kapazitätsausweitung“ läuft nur noch unter ferner liefen. So wenig Interesse an einem Ausbau der Inlandsproduktion hatten die niedersächsischen Unternehmen zuletzt in der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/2009.

In der Automobilindustrie, dem Maschinenbau und der Elektrotechnik sind Ausgaben für heimische Produktionsanlagen für die knappe Mehrzahl der Betriebe derzeit kein Thema. In den energieintensiven Branchen Chemie, Glas, Papier, Metallerzeugung und Mineralölverarbeitung stehen die Zeichen sogar auf Deindustrialisierung: Per saldo erklärten 58 Prozent der energieintensiven Betriebe, dass sie derzeit kein Geld für Investitionsgüter in Deutschland ausgeben wollen. „Unternehmen, die auf keine anderen Energieträger ausweichen können, investieren weniger, bauen Kapazitäten ab und haben in erster Linie Ersatzbedarf“, erklärt Bielfeldt.
Als Ziele für Auslandsinvestitionen ist die Euro-Zone am attraktivsten, Nordamerika hat sich allerdings einen klaren zweiten Platz erobert – der „Inflation Reduction Act (IRA)“ lässt grüßen. Investitionen in China hatten während Corona ihren Reiz verloren, werden aber für die niedersächsische Wirtschaft allmählich wieder interessanter. Der Reiz des übrigen Asiens schwindet dagegen etwas. Die Exporterwartungen der niedersächsischen Unternehmen sind zuletzt leicht gestiegen und nähern sich wieder einer positiven Grundstimmung an. Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine ist die niedersächsische Erwartungshaltung an den Welthandel erheblich gedämpft.
In Kombination mit der weiterhin dramatisch schlechten Konsumneigung gibt das wenig Grund für Optimismus. „Die hohen Preissteigerungen bei Produkten des täglichen Bedarfs animieren die Verbraucher unverändert zum Sparen“, berichtet die IHKN-Hauptgeschäftsführerin. Der niedersächsische Einzelhandel beklagt trotz Inflationsausgleichsprämien einen neuen Tiefpunkt: Per Saldo berichten 59 Prozent der niedersächsischen Unternehmen von einer Kaufzurückhaltung bei ihren Kunden. Bielfeldt sieht jedoch einen Silberstreifen am Horizont: „Für die zweite Jahreshälfte rechnen wir mit einem leicht zunehmenden Konsum, da die vereinbarten Tarifsteigerungen dieses Jahr wirksam werden.“



