So hatten sich das die Vertreter der Ärztekammern ganz sicher nicht vorgestellt: Seit zwei Wochen ist der Ärztetag jetzt schon ein Medienthema. Aber es geht nicht darum, wie wir gesünder werden, sondern um den Aufschrei einer Gruppe von Studentinnen. Mit ihren Anliegen als Berufseinsteigerinnen wurden sie nicht ernst genommen. Stattdessen bekamen sie ungefragte Kommentare zu ihrem Aussehen und unerwünschte Berührungen. Die Autorität des Ärzteparlamentes hat durch die Enthüllungen am letzten Veranstaltungstag arge Kratzer abbekommen.

Am Tag davor, als ich im Plenum und beim Pressegespräch in Hannover zuhörte, war die Autorität noch intakt. In markigen Worten wurde vor den Folgen unseres Lebensstils gewarnt und zahlreiche Verbote gefordert. Prof. Norbert Scherbaum sieht seinen Berufsstand vor einer ähnlichen Mammut-Aufgabe wie die Medizin-Ikonen des 19 Jahrhunderts. So wie es damals gelungen war, mit sauberem Trinkwasser und grundlegenden Hygienestandards die Lebenserwartung gewaltig zu steigern, so gelte es heute, den Kampf aufzunehmen gegen die legalen und illegalen Drogen und die Adipositas (mehr dazu hier).
Seitdem frage ich mich, ob beide Aspekte dieser Veranstaltung nicht irgendwie zusammenhängen. Wer die Körper anderer Menschen kommentieren darf, hat eine Menge Macht. Wer nicht Arzt im Dienst ist und es trotzdem tut, nimmt sich diese Macht einfach heraus. Das geht nicht nur mit Kommentaren über Ausschnitte, sondern auch zum Beispiel so: „Du hast aber toll abgenommen.“ Oder: „Ihr Sohn ist ganz schön proper geworden.“ Dadurch werden Menschen beschämt, aber nicht motiviert, gesünder zu leben. Dazu gibt es sogar Studien: Verlangt man von fülligen Probanden, einen diskriminierenden Text über Dicke vorzulesen, dann greifen sie hinterher beherzter zu den angebotenen Snacks als die Kontrollgruppe, die einen neutralen Text vorlesen sollte.
Das macht das Anliegen, unser Leben gesünder zu machen, ja nicht falsch. Ich denke nur, man müsste es in einem anderen Rahmen diskutieren – und mit weniger Machtgefälle. Warum gibt es eigentlich Kirchen- und Katholikentage, aber keine Gesundheitstage? Dabei gibt es inzwischen sicher mehr Menschen, die sich über ihren Körper Gedanken machen als über ihre Seele (und beides hängt ja sogar miteinander zusammen). Es fehlt ein Forum, um auf einer breiten Basis zu diskutieren: Wie wertvoll ist ein langes Leben? Was sind wir bereit, dafür in Kauf zu nehmen? Und was wollen wir nicht mehr, weil es uns krank macht? Der Zucker in Softdrinks, um den es heute in der aktuellen Stunde im Landtag ging, ist so ein Beispiel: Die meisten Leute sind für eine Zuckersteuer, aber die Politik ließ sich erst bitten. Ich bin mir sicher: Wenn es solche breit rezipierten Foren gäbe, dann wären mangelndes Gesundheitswissen und überflüssige Arztkontakte nicht mehr so große Probleme.
Über mangelndes Wissen klagen Sie als Rundblick-Leserin oder -Leser natürlich nicht. Heute berichten wir über folgende Themen:
Ich wünsche Ihnen einen Freitag ohne ungebetene Kommentare!
Ihre Anne Beelte-Altwig


