„Das interessiert die Leute nicht“ oder: „Das weiß man doch auch so.“ Das bekommt Katharina Schoett oft zu hören, wenn sie vorschlägt, das Thema „Sucht“ ins Curriculum für angehende Ärzte und Fachärzte aufzunehmen. Die Ärztliche Direktorin der Klinik für Suchtmedizin am Ökumenischen Hainich-Klinikum im thüringischen Mühlhausen weiß, dass beides nicht stimmt. Denn ihre Kurse, in denen sie ärztlichen Kollegen ihr suchtmedizinisches Wissen vermittelt, sind gut besucht.

Dass jetzt der 130. Deutsche Ärztetag, der vorige Woche in Hannover tagte, dem Thema einen Tagesordnungspunkt gewidmet hat, kommt einem Paradigmenwechsel gleich. Altgediente Suchtmediziner, das wurde in der Aussprache deutlich, warten darauf schon lange. „Es geht um Entstigmatisierung“, sagte Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer und des Deutschen Ärztetages. Süchte müssten als chronische Krankheiten erkannt und behandelt werden, nicht als Folgen von mangelnder Disziplin und persönlichem Versagen. „Zur Prävention gehören nicht nur individuelle Verhaltensänderungen, sondern auch gesundheitsfördernde Lebensbedingungen.“
Prof. Hendrik Streeck (CDU), Beauftragter der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen und selbst Arzt, berichtete von seinem Besuch in der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik in Ahlhorn (Kreis Oldenburg), die trotz seiner Unterstützung nicht zu retten war. „Es gibt 13.600 Reha-Plätze für suchtkranke Erwachsene in Deutschland“, verglich er. Aber nach der Schließung der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik bleiben für Kinder und Jugendliche im ganzen Land nur 25 Plätze übrig. Für Streeck zeigt dieses Beispiel, was derzeit falsch läuft im Gesundheitssystem: „Wir investieren den größten Teil in Reparatur statt in Vermeidung von Schäden.“

Die zweihundert Euro pro Tag, die ein Reha-Platz in Ahlhorn gekostet hat, hätte sich das Gesundheitssystem leisten können, meint Streeck. „Teuer ist die Logik eines Systems, das Krankheiten erst entstehen lässt, um sie dann aufwändig zu behandeln. Wir müssen früher sehen, früher helfen, früher Verantwortung übernehmen.“ Frühzeitig zu handeln müsse sich für Mediziner aber auch lohnen. Im derzeitigen System suche man eine Vergütung für Prävention vergeblich. „Wir brauchen mehr Gesundheitswissen in der Bevölkerung und eine engere Bindung an die Hausarztpraxen“, forderte Streeck und: „Raus aus der Quartalslogik.“
Die Klinik für Suchtmedizin in Mühlhausen ist eine der größten bundesweit. Ein paar ihrer Patienten haben Katharina Schoett erlaubt, Fotos von ihnen zu zeigen. An den Gesichtern ist nichts Auffälliges zu entdecken. „Meine Patienten kommen aus dem normalen Leben“, sagt die Chefärztin. Eben standen sie noch mitten im Berufsleben oder in der Ausbildung. Sie wurden aus der Bahn geworfen von einer „Welle, die gerade um die Welt läuft“, wie es Schoett formulierte: Synthetische Opioide wie Fentanyl lösten derzeit Heroin ab – und seien dabei um ein Vielfaches potenter. Nachdem die Taliban den Opiumanbau in Afghanistan verboten haben, füllen Chemielabore die Lücke. „63 Millionen Menschen auf der Welt konsumieren Opioide“, weiß Schoett. Man bekomme sie auf legalen Seiten im Internet oder über Telegram-Gruppen, die Rezepte von lokalen Arztpraxen versprechen.

Bevor die Patienten zu ihr finden, berichtet die Suchtmedizinerin, haben sie lange Leidenswege hinter sich. „Wenn ich sie frage: ,Warum sind Sie nicht zum Arzt gegangen?‘, dann antworten sie: ,Ich habe keinen gefunden.'“ Dass die Zahl der Arztpraxen, die eine Substitution anbieten, seit Jahren sinkt, bemängelt sogar der Bundesrechnungshof. „In Deutschland erhalten nur knapp die Hälfte der Menschen mit Opioidabhängigkeit eine Substitutionstherapie“, heißt es in einem Bericht vom April dieses Jahres. Gründe, warum sich immer weniger Mediziner dazu bereitfinden, seien „Fehlanreize im Vergütungssystem und starre Behandlungsvorgaben“. In der Aussprache der Delegierten wurde erkennbar, was es bedeutet, Suchtpatienten mit Ersatzstoffen zu behandeln – und dass diejenigen, die sich dafür entschieden haben, dies mit hohem persönlichen Einsatz tun. „Wer einmal einen Einbruch in der Praxis erlebt hat, weiß um das Risiko“, sagte eine Delegierte. „Suchtpatienten machen es einem nicht leicht“, bestätigte ein älterer Hausarzt und Psychotherapeut. Doch es lohne sich für das Gemeinwesen, denn sechzig Prozent der Substituierten könnten wieder erwerbstätig sein. Er forderte den Verzicht auf anlassunabhängige Kontrollen, die er als Stigma für seine Praxis empfindet.
"Lieber obdachlos in Hannover als zu Hause, wo ich keine Behandlung bekommen kann."
Auch Annette Berthold vom Pharmaunternehmen Camurus GmbH macht sich Sorgen. Ihr Arbeitgeber, der seinen Hauptsitz in Schweden hat, entwickelte ein Präparat, das Opioidabhängige nur einmal wöchentlich oder sogar monatlich einnehmen müssen – im Unterschied zu Methadon, das täglich in der Arztpraxis eingenommen wird. Doch auf dem deutschen Markt habe ihr Produkt es nicht leicht, sagte sie im Gespräch mit dem Politikjournal Rundblick: „Deutschland ist Methadon-Land. Und das bestehende Vergütungssystem macht es lukrativ, Patienten jeden Tag kommen zu lassen.“ Der Bundesrechnungshof zeigt noch eine weitere Alternative zum täglichen Arztbesuch auf: Er schlägt vor, Substitutionsmittel kontrolliert in Apotheken einnehmen zu lassen, um so die Versorgungslücken im ländlichen Raum zu schließen. „Manche Patienten sagen sich: Lieber obdachlos in Hannover oder Berlin als zu Hause, wo ich keine Behandlung bekommen kann“, berichtete Katharina Schoett.

Steht die Medizin heute an einem ähnlichen Wendepunkt wie im 19. Jahrhundert, als es gelang, durch die Verbesserung der Lebensbedingungen die Lebenserwartung signifikant zu steigern? Das meint Prof. Norbert Scherbaum, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e. V., im Angesicht von Zivilisationskrankheiten wie Süchten und Adipositas. „Was Virchow gemacht hat in Bezug auf Trinkwasserhygiene, müssen wir leisten in Bezug auf den Lebensstil“, sagte er vor Journalisten. Die Delegierten fassten zahlreiche Beschlüsse, um die Verfügbarkeit von Suchtmitteln einzuschränken. Nach kontroverser Diskussion stimmten die Vertreter der Landesärztekammern dafür, eine Rücknahme der Teillegalisierung von Cannabis zu fordern. Außerdem setzen sie sich für ein Social-Media-Verbot bis 16 Jahre, ein Verbot von Aromastoffen in E-Zigaretten und ein Tabak-Werbeverbot ein.
Außerdem bestimmten diese Themen den Ärztetag:


