
Seit gut einem halben Jahr ist Matthias Aschern Vorsitzender des Schulleitungsverbands (SLVN) und bringt sich seitdem rege in die bildungspolitischen Debatten ein. Im Rundblick-Interview mit Niklas Kleinwächter äußert sich der Schulleiter der IGS Roderbruch (Hannover) zum neuen Religionsunterricht, der Oberstufenreform, dem Ganztagsanspruch und zu einer breit getragenen Initiative für einen Sozialindex, der wirklich etwas verändert.
Rundblick: Herr Aschern, bildungspolitisch ist gerade viel in Bewegung. Jüngst hat der Lehrplan-Entwurf für den neuen christlichen Religionsunterricht hohe Wellen geschlagen. Können Sie die Aufregung nachvollziehen?
Aschern: Den Grundgedanken eines von beiden Kirchen gemeinsam verantworteten überkonfessionellen Religionsunterrichts finde ich persönlich gut. Auch der Vorlauf, mit dem der Lehrplan nun festgeschrieben werden soll, ist vollkommen ausreichend. Die Annahme religiöser Fundamentalisten und rechtskonservativer Kreise, Jesus sei darin kein Thema mehr, geht völlig fehl. Dass im christlichen Religionsunterricht Bibelkunde dem Dialog zwischen den Religionen nachgeordnet ist, war auch im konfessionsgebundenen Religionsunterricht der Fall. Was da aber gerade passiert, zieht sich durch mehrere unserer Bildungsdebatten.
Rundblick: Was meinen Sie?
Aschern: Es wird versucht, mit Untergangsszenarien Stimmungen zu erzeugen. Wir erleben in den öffentlich geführten Debatten immer wieder das Narrativ der Niveauabsenkung und des Verfalls der allgemeinen Grundbildung. Schulfachlich können wir das nicht erkennen. Zuletzt fiel das besonders bei der Diskussion um das schriftliche Dividieren auf. Einer genaueren Betrachtung hielt das Narrativ aber nicht stand, denn das halbschriftliche Dividieren ist das viel anspruchsvollere Verfahren. Das schriftliche Dividieren kann man auch ohne jedes Zahlenverständnis anwenden.
Rundblick: Die Sorge vor einem Qualitätsverlust in der Bildung hören wir auch bei der Kritik an der Reform der gymnasialen Oberstufe.
Aschern: Die Kritik kommt von den Fachverbänden für die Fremdsprachen oder das Fach Politik/Wirtschaft. Wir finden das Reformvorhaben aber nicht problematisch. Im Gegenteil: Seit dem Prozess zur Einführung der eigenverantwortlichen Schule 2005 haben wir nicht mehr erlebt, dass das Kultusministerium die Bildungsverbände in ein Vorhaben derart gut eingebunden hat wie jetzt bei der Oberstufenreform. Die zuständige Referatsleiterin Gesa Johannes hat den Prozess fachlich sehr gut begleitet und klar die Rahmenbedingungen sowie die Handlungsoptionen aufgezeigt. Wir fühlen uns dadurch tatsächlich als Co-Autoren der Oberstufenreform und wünschten uns, dass das immer so ginge.
Rundblick: Aber was sagen Sie inhaltlich zu der Kritik daran, dass künftig schon ab Klasse 11 die zweite Fremdsprache oder Politik abgewählt werden könnte?
Aschern: Wir finden, es lohnt sich, die Klassenstufen 11 bis 13 als Einheit zu betrachten. Das ist wegweisend. Es gibt eine gemeinsame Philosophie der gymnasialen Oberstufe. Der Ansatz der Ministerin, zu ermöglichen statt zu verordnen, ist hier gut wiederzuerkennen. Die Profiloberstufe, wie wir sie in Niedersachsen bislang haben, verengt die Vorgaben der Kultusministerkonferenz und lässt den niedersächsischen Schülerinnen und Schülern damit deutlich weniger Wahlmöglichkeiten als in anderen Ländern. Das muss so nicht sein. Zu verordnen und zu verengen, verbessert die Bildungsqualität nicht. Bei den Fremdsprachen liegen unsere Anforderungen ohnehin schon über den KMK-Standards, weil wir früher damit beginnen. Was den Politikunterricht angeht, muss ich betonen: Die Gleichwertigkeit aller Fächer ist eine richtige Idee. Historisch setzt sich die SPD eher für den Politikunterricht ein, die CDU dafür stärker für den Geschichtsunterricht. Erdkunde fiel bislang meist hinten runter. Als Schulleitungsverband dürfen wir nicht die Position eines einzelnen Fachverbands einnehmen, sondern müssen immer an das gesamte Orchester denken. Und politische Bildung ist in den Fächern Erdkunde und Geschichte unbedingt zuhause.
Rundblick: Als immer noch recht neu gewählter SLVN-Vorstand melden Sie sich aktuell fast wöchentlich mit einer Stellungnahme zu einem bildungspolitischen Thema zu Wort. Welches Anliegen ist Ihnen das wichtigste?
Aschern: Das ist unsere Initiative zum Sozialindex, die wir gemeinsam mit dem Landesschülerrat, dem Verband Bildung und Erziehung, dem Verband Niedersächsischer Lehrkräfte und dem Verband der Leitungen niedersächsischer Grundschulen angestoßen haben. Denn aus unserer Sicht ist der Sozialindex das größte Zahnrad, mit dem sich wirklich nachhaltig etwas in der Bildungslandschaft verbessern lässt.
Rundblick: Niedersachsen hat einen Sozialindex, mit dem die Schulen ausgewählt wurden, die am Startchancenprogramm teilnehmen. Was wollen Sie mehr?
Aschern: Aus unserer Sicht muss der Sozialindex mehr sein als eine Kennziffer für das Startchancenprogramm. Überhaupt sehen wir derartige Kompensationsprogramme ausgesprochen kritisch. Das ist so, als klebte man ein Heftpflaster auf einen offenen Bruch. Wir wollen das Problem systematischer angehen und den Index zu einer Basiskategorie weiterentwickeln. Unser Vorbild dafür ist Hamburg, wo das Vorgehen sehr erfolgreich ist. Der Sozialindex muss ein Hebel für die Ressourcenverteilung auf allen Ebenen sein. Lehrkräfte-Sollstunden, Zusatzbedarfe zum Beispiel für Inklusion oder Ganztag und auch die Stunden für die Schulverwaltungskräfte müssen in Zukunft dauerhaft nach diesem Schlüssel zugeteilt werden.
Rundblick: Machen Sie sich keine Sorgen, dass sich negative Zuschreibungen durch einen öffentlich einsehbaren Sozialindex noch verfestigen?
Aschern: Das Image einer Schule ist meist eine selbsterfüllende Prophezeiung, das stimmt. Es stürzt schnell ab und steigt nur langsam wieder auf. Aber das Hamburger Beispiel zeigt, dass aufgrund der sechsstufigen Einteilung diese Ängste vor einer negativen Etikettierung sich nicht bewahrheiten müssen. Aktuell haben wir übrigens nur eine zweistufige Einteilung: entweder nimmt eine Schule am – sehr bürokratischen – Startchancenprogramm teil, oder eben nicht. In Hamburg erlebt man sogar das Gegenteil: Das Anwahl-Verhalten der Eltern verändert sich, weil sie jetzt die Schulen annehmen, die staatlich stärker unterstützt werden. Uns droht eine Gentrifizierung der Schulen. Mit dem Sozialindex nach Hamburger Vorbild können wir aber das Betriebssystem verändern.
Rundblick: Das Startchancenprogramm garantiert – auch mit viel Geld aus dem Bundeshaushalt – eine verlässliche Finanzierung der zusätzlichen Maßnahmen über einen Zeitraum von zehn Jahren. Wie soll das Hamburger Modell in Niedersachsen funktionieren?
Aschern: Es ist klar, dass ein solches Modell nicht kostenneutral aufgebaut werden kann. Zumindest für die ersten zwei bis vier Jahre braucht es aus unserer Sicht eine erhebliche finanzielle Starthilfe. Ansonsten haben wir schnell ein Akzeptanzproblem, wenn der einen Schule zugunsten der anderen etwas weggenommen werden muss. Mit der Zeit könnte man diese Subvention dann aber ausschleichen lassen.
Rundblick: Glauben Sie, dass so ein großes Thema noch vor der Landtagswahl abgeräumt werden kann?
Aschern: Wir erinnern mit unserer Initiative eigentlich nur an den Koalitionsvertrag. Der bezieht sich auf die laufende Legislaturperiode. Aber sollte das Thema soziale Fairness im Bildungssystem 2027 zum Wahlkampfthema werden, finden wir das auch nicht verkehrt. Das wird dann ein Punkt in unseren Wahlprüfsteinen.
Rundblick: Herr Aschern, als wir zuletzt ausführlich miteinander gesprochen haben, kritisierten Sie sehr pointiert die Art und Weise, wie der Ganztagsanspruch ab Klasse 1 in diesem Sommer eingeführt werden soll. Haben sich die Wogen geglättet?
Aschern: Noch einmal zur Klarstellung: Wir finden den Ganztag an sich gut. Aber bei den Vorbereitungen zur Umsetzung des Rechtsanspruchs sind aus unserer Sicht zahlreiche handwerkliche Fehler gemacht worden. In unserem Verband haben wir viele sehr erfahrene Grundschulleiterinnen, die jetzt vor erheblichen Problemen stehen. Unsere Aufgabe ist es nun, konstruktiv Schadensbegrenzung zu betreiben.
Rundblick: Und das gelingt Ihnen?
Aschern: Wir wollten zum Beispiel klarstellen, dass ein Schulträger die Schule nicht zwingen darf, einen Ganztagsbetrieb einzurichten. In dieser Sache ist inzwischen zumindest geklärt worden, wie im Konfliktfall die „vermittelnde Rolle“ der Regionalen Landesämter für Schule und Bildung (RLSB) aussehen soll. Wenn eine Schulleitung sachliche Gründe liefert, wieso ein Ganztagsbetrieb aus ihrer Sicht nicht funktionieren kann, muss das RLSB auf den Schulträger zugehen und versuchen, diese Gründe abzustellen. Das kann die Taktung der Schulbusse oder die Stundenzahl für Verwaltungskräfte betreffen. Eine entsprechende Veränderung in der Haltung der Landesämter sowie der Schulträger haben wir erst wahrgenommen, nachdem das Kultusministerium klargestellt hat, dass Schulen nicht zum Ganztag gezwungen werden dürfen. Dagegen steht eine Klärung der Budgetfragen weiterhin aus: Die Ankündigung der Ministerin, dass die Haushaltsmittel um 17,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr angehoben werden, ist für die Schulleitungen nicht übersetzbar in das eigene Handlungsfeld. Hier braucht es nicht nur mehr Geld, sondern auch bessere Kommunikation. Als Exit-Strategie sollte die Umsetzung des Rechtsanspruchs in drei Geschwindigkeiten dort im Blick bleiben, wo die Probleme der Schulen nicht lösbar sind.


