23. Feb. 2026 · 
FeatureSoziales

„Unser Ziel ist der deutsche Pass“: Drei Ukrainer wollen neu starten in Niedersachsen

Vier Jahre nach der Flucht haben Iryna, Olena und Aliaksei in Niedersachsen Sicherheit gefunden. Doch das Ankommen bleibt ein Kampf mit Jobcenter und Bürokratie.

Vier Jahre sind vergangen, seit sie ihre Heimat in Angst und Ungewissheit verlassen mussten. Inzwischen haben Iryna Adullakh in Neustadt am Rübenberge, Olena Gorodyska in Hannover und Aliaksei Zhurauliou in Celle eine neue Heimat gefunden. Aus der eiligen Flucht vor russischen Soldaten und Raketen ist inzwischen ein Dauerzustand geworden. In Deutschland sind sie nicht nur vor der Gewalt der Invasoren sicher, sondern haben hier ihre neue Heimat gefunden. Es ist Arbeitsplatz, Warteschleife, Hoffnungsraum und manchmal auch Frustquelle. Dem Politikjournal Rundblick schildern sie, wie ihr Alltag heute aussieht, wo Integration gelingt und wo sie an Grenzen stoßen.

Sie wollen anderen dabei helfen, in Deutschland anzukommen: Olena Gorodyska (links) und Iryna Adullakh engagieren sich bei der Diakonie in Niedersachsen. | Foto: Link

Iryna Adullakh stammt aus Winnyzja, einer ukrainischen Großstadt mit rund 360.000 Einwohnern und mehreren Hochschulen, die trotz großer Entfernung zur Front immer wieder von russischen Raketen getroffen wird. Seit ihrer Ankunft im Jahr 2022 hatte sie vor allem ein Ziel: „Ich wollte einfach schnell Deutsch lernen.“ Nach Ukrainisch, Russisch, Englisch und Arabisch ist es ihre fünfte Sprache, die sie offiziell auf B2-Niveau beherrscht. Für den Alltag reicht das problemlos, für viele Studiengänge an deutschen Universitäten jedoch noch nicht. Iryna hat deswegen erst einmal ein Philologie-Fernstudium in Deutsch und Englisch an der Universität Dnipro begonnen – auch weil sie einfach keinen Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt findet. „Ich habe mehr als 50 Bewerbungen geschrieben und bekomme immer noch Absagen ohne Grund“, sagt sie. Der Suchradius der 22-Jährigen ist groß: Dolmetscherin, Sozialarbeiterin, Verkäuferin, Business-Managerin, Krankenschwester und Pflegekraft. Auch Ausbildungsplätze suchte sie vergeblich. „Dann sitze ich zu Hause und frage mich: Wie kann man hier Arbeit finden, wenn der Weg dahin so schwierig ist?“ Das Jobcenter helfe kaum weiter. „Die schicken dich raus und sagen: Geh und such.“ Ideen oder konkrete Unterstützung? „Nicht wirklich.“

Um nicht den Mut und den Anschluss zu verlieren, engagiert sich Iryna ehrenamtlich bei der Diakonie Niedersachsen. Im Familien-Café in Neustadt hilft sie anderen beim Ankommen. „Wir trinken Tee zusammen oder spielen. Das ist besonders wichtig für Kinder, denn dadurch können sie sich auf den Kindergarten und die Schule vorbereiten.“ Integrationskurse seien zwar „super“, doch schwer zu bekommen. „Die Leute warten manchmal fünf Monate oder ein Jahr, um einen Integrationskurs zu kriegen.“ Und es fehle an Orten, an denen man Deutsch im Alltag wirklich anwenden könne. „Es gibt nicht so viele Orte, wo man mit Deutschen in Kontakt kommen kann.“ Gleichzeitig beobachtet sie, wie die Bürokratie die Menschen ausbremst. Sie berichtet von einer Bekannten, die seit vier Monaten hier ist und seitdem auf einen Aufenthaltstitel nach Paragraph 24 wartet. „In der Ukraine hat sie die ganze Zeit gearbeitet, hier darf sie es nicht. Jetzt ist sie depressiv und sagt: Ich möchte wieder zurück in die Ukraine.“ Iryna nimmt sie oft mit zur Diakonie, um sie aus der Isolation zu holen, doch sie fühlt sich machtlos: „Ich kann ja selbst keine Arbeit finden.“

Wie wenig das System auf die individuellen Stärken eingeht, hat auch Olena Gorodyska erlebt. Sie arbeitet heute in Hannover als Kinder- und Jugendpsychologin und koordiniert ehrenamtlich Projekte bei der Diakonie. Olena blickt mit einer Mischung aus Anerkennung und Sorge auf die letzten vier Jahre. „Ich sehe, dass viele ukrainische Frauen Deutsch gelernt haben, Arbeit gefunden haben und sich gut integrieren“, sagt sie. Dass sie es geschafft haben, habe in vielen Fällen aber weniger mit staatlicher Unterstützung als mit der eigenen Entschlossenheit und Hartnäckigkeit zu tun. „Das Jobcenter ist wie ein totalitäres System“, kritisiert sie. Lange Wartezeiten, umständliche Verfahren und vor allem die strengen Regeln zur Ortsabwesenheit stoßen bei den Ukrainern auf Unverständnis. „Der Nachteil von Deutschland ist, dass es hier zu viel ‚Muss‘ gibt“, sagt sie. In der Ukraine habe sie eher das Gegenteil erlebt: zu wenig staatliche Kontrolle, was zu viel Korruption geführt habe. Die deutsche Überregulierung habe wiederum Stillstand und Frust zur Folge. „Ich höre diese Geschichte immer wieder. So viele Menschen sind demotiviert“, stellt die Psychologin fest und diagnostiziert: „Deutschland ist nicht flexibel, sondern hat nur den Tunnelblick.“ Auch Iryna, die das deutsche System grundsätzlich zu schätzen gelernt hat, wundert sich über die Behäbigkeit der Behörden: „Der Krieg dauert jetzt schon vier Jahre. War es in dieser Zeit nicht möglich, das System zu ändern?“

Der Überfall auf die Ukraine hat viele Ortschaften verwüstet – die inzwischen russisch kontrollierte Stadt Mariupol ganz besonders. | Foto: picture alliance/ Anadolu | Vladimir Aleksandrov

Dass man sich im deutschen System trotz aller bürokratischen Hürden eine Existenz aufbauen kann, zeigt Aliaksei Zhurauliou. Der Wirtschaftswissenschaftler mit IT-Hintergrund nutzte seine sehr guten Englischkenntnisse, um an der Universität Hildesheim als Dozent auf Honorarbasis Fuß zu fassen. „Deutschland ist ein Land der Möglichkeiten. Man hat hier alle Freiheiten, das zu tun, was man will. Das ist unendlich viel wert“, sagt er. Inzwischen hat er eine eigene IT-Agentur für Web- und Mobile-Entwicklung, Design sowie KI-gestützte Lösungen gegründet. „In der Ukraine ist vieles digitaler und einfacher“, lautet sein Fazit nach der Unternehmensgründung. Allerdings gibt es auch Vorteile: „In Deutschland kann man eine Firma mit wenig Geld gründen. Für Menschen mit Migrationshintergrund ist das eine Riesenchance.“ Mit seiner in Celle ansässigen Mini-GmbH verbindet er deutsche Existenzgründer mit ukrainischen Softwareentwicklern weltweit. Er selbst versteht sich als Vermittler und Manager, nicht als Programmierer. Sein Netzwerk reicht in die USA, nach Kanada, Polen, Vietnam, Israel und in die Ukraine. „Meine Kunden sind hauptsächlich Start-ups, die Kosten sparen wollen, aber hohe Qualität bei der Softwareentwicklung suchen“, sagt Aliaksei.

Hat sich mit einer IT-Agentur selbstständig gemacht: Aliaksei Zhurauliou. | Foto: Link

Mit Freude erinnert sich der 40-Jährige an seinen Integrationskurs an der Volkshochschule Celle. „Ich hatte super Lehrer und Lehrerinnen. Die waren nicht nur professionell, sondern auch empathisch. Ich habe dort so viel über das Grundgesetz, die deutsche Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg und Politiker wie Konrad Adenauer und Willy Brandt gelernt. Das hat viel Spaß gemacht und mir geholfen, Deutschland zu verstehen“, sagt Aliaksei. Dass ein vom Krieg zerstörtes Land den wirtschaftlichen Wiederaufstieg schafft und seine Teilung überwindet, ist für ihn eine echte Erfolgsgeschichte. Dass seine eigene Geschichte in der neuen Heimat vielleicht kein Happy End haben könnte, versucht er auszublenden – ganz gelingt es jedoch nicht. Die rechtliche Unsicherheit macht ihm Sorgen. „Unser Aufenthaltsstatus nach Paragraph 24 läuft im März 2027 aus.“ Für Aliaksei, der gemeinsam mit seiner Frau nach Niedersachsen geflüchtet ist, steht dennoch fest: „Wir sehen unser Leben hier. Unser Ziel ist der deutsche Pass. Nach vier Jahren sind wir gut integriert. Ich unterrichte Deutsche und ich fühle mich hier sehr wohl. Deutschland ist unsere zweite Heimat.“

Bis zur Einbürgerung ist es allerdings noch ein gutes Stück, denn dafür braucht er das C1-Sprachniveau. „Den mündlichen Teil habe ich mit 82 Prozent bestanden. Aber beim schriftlichen Ausdruck bin ich durchgefallen. Da muss man sehr viel, sehr gut, sehr richtig und sehr schnell unter Zeitdruck schreiben“, sagt er. Er will die Prüfung sobald wie möglich wiederholen. Seine Frau, die in der Ukraine als Stadtplanerin gearbeitet hat, ist zwar noch nicht ganz so weit. „Sie hat ein Praktikum gemacht, aber ohne perfekte Sprachkenntnisse ist es in Celle schwer, eine feste Stelle zu finden“, berichtet Aliaksei. Um ihre Deutschkenntnisse zu verbessern, arbeitet sie bei der Celler Tafel. Ob das Ehepaar langfristig in Niedersachsen bleibt, steht jedoch in den Sternen. „In der Ukraine haben wir Eigentumswohnungen, für uns ist das wichtig“, sagt er. Die hohen Immobilienpreise in Deutschland lassen ihnen jedoch nicht viel Spielraum. „Weil ich online arbeite, kann ich mir gut vorstellen, in Ostdeutschland zu leben.“ Er könnte sich gut vorstellen, in die Sächsische Schweiz zu ziehen, die ihn landschaftlich besonders fasziniert. „Dort bekommt man eine Dreizimmerwohnung noch für 50.000 bis 60.000 Euro.“

Trotz all dem Frust und der Unsicherheit, die die drei in Deutschland erleben, überwiegt die Dankbarkeit. „Meine Zukunft hier ist viel, viel besser. Ich kann hier gute Arbeit finden und das Wichtigste: Es gibt hier Frieden. Ich will nicht immer in Angst leben und Raketen über meinem Kopf haben“, sagt Iryna. Sie ist fest entschlossen, sich hier ein Leben aufzubauen: „Ich werde alles möglich machen, um hier in Deutschland zu bleiben.“ Auch Olena denkt inzwischen nicht mehr an Rückkehr. In der Bundesrepublik gebe es gute Jobs, gutes Gehalt und gute Wohnungen – sofern man nicht in einem Flüchtlingswohnheim untergebracht ist. „Ich denke, die jungen Menschen werden hier bleiben“, sagt sie. „Es gibt aber auch Familien, die immer noch Schwierigkeiten haben und am liebsten zurückgehen möchten. Nicht, weil Deutschland so schlecht ist, sondern weil die Ukraine unsere Heimat ist.“

Aliaksei hat derweil schon das nächste Ziel fest im Blick: Ein neues Erasmus-Projekt an der Uni Hildesheim, das durch ukrainische Kontakte nach Amsterdam, Lublin und Kiew möglich geworden ist. „Wir warten nur noch auf die Zustimmung der EU-Kommission“, sagt er und betont: „Gerade in diesen Zeiten müssen wir alle noch mehr vernetzt sein.“ Er träumt von einem geeinten Kontinent, der von Lissabon bis nach Wladiwostok reicht. „Europa ist so einzigartig“, schwärmt er. Doch die Realität des Krieges steht diesem Traum derzeit entgegen. Auf die Frage, ob er trotz der Zerstörung und des Leids an eine Versöhnung zwischen Russen und Ukrainern glaubt, zieht er sein neu gewonnenes Wissen über die deutsche Geschichte heran: „In 30 oder 40 Jahren vielleicht“, sagt er nachdenklich. „Die Russen brauchen ihren eigenen Willy Brandt. Sie müssen verstehen, was sie getan haben."




Dieser Artikel erschien am 24.2.2026 in Ausgabe #036.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link

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