Wenn man von Hannover aus Richtung Nordrhein-Westfalen fährt, kommt man zwangsläufig dort vorbei - am Landkreis Schaumburg. Das ist eine sehr schöne Gegend mit Hügeln, Wald und Flüssen. Bad Nenndorf liegt hier, Bückeburg und Stadthagen, ebenfalls Rinteln. Teile dieser Region waren zwischen 1919 und 1946 der "Freistaat Schaumburg-Lippe", und dieser war ein eigenständiges Land im Deutschen Reich. Heutzutage ist das schwer vorstellbar: Ein so kleiner, weltpolitisch wenig bedeutsamer Fleck auf der Landkarte ein eigener Freistaat? Wenn man sich die Karte der niedersächsischen Kreise anschaut, könnte man aktuell an der Berechtigung eines eigenen Landkreises für die Region zweifeln. Aber ein eigenes Bundesland? Undenkbar!
Damit kommen wir zum Historiker Heiko Holste, der in Großenheidorn am Steinhuder Meer geboren ist - und damit in einer Region, die früher zu diesem "Freistaat Schaumburg-Lippe" gehörte. Holste hat die Gegend seiner Vorfahren näher untersucht, und er ist auf ein erstaunliches Ergebnis gestoßen: So oft man früher auch über den Mini-Freistaat am westlichen Rand Hannovers gespottet hat, so beeindruckend ist doch auf der anderen Seite, wie entschlossen und zielstrebig wichtige politische Akteure die Republik in der Weimarer Zeit geprägt haben. Von 1918 bis 1933 hat es bei Wahlen immer eine Mehrheit für demokratische Parteien gegeben, die Ablösung der Monarchie gestaltete sich geräuscharm und friedlich, das Beharrungsvermögen der demokratischen Kräfte war angesichts des Vormarsches der NSDAP groß. So habe sich Schaumburg-Lippe als Bollwerk zum Schutz der Demokratie bewiesen - ganz im Unterschied zu dem weit verbreiteten, aber unzutreffenden Ruf, hier habe es eine zu lange und zu intensive Verehrung der Fürstenherrschaft gegeben. Für die Stadt Bückeburg, räumt der Autor ein, mag das gegolten haben - für den Rest des Freistaates nicht.
Das Buch von Holste zeigt allerdings auch die Schattenseite: Schon damals war der Freistaat viel zu klein, um sich im Konzert der 17 deutschen Gliedstaaten der Weimarer Republik zu behaupten. Die Abhängigkeit vom überragenden Preußen war natürlich gegeben - nur wurde sie verschleiert. Und als es dann vor fast genau 100 Jahren (am 6. Juni 1926) zur Volksabstimmung über einen Anschluss an Preußen kam, waren es die irrationalen, populistischen Kräfte, die einen solchen Schritt verhinderten. Dabei muss doch klar sein: Wirklich funktionstüchtig kann ein föderales System nur sein, wenn die Länder über eine ähnliche Größe, Stärke und Leistungsfähigkeit verfügen. Wo gravierende Ungleichgewichte herrschen, kommt es zu Abhängigkeiten - oder wie im Fall Schaumburg-Lippe zu einer Verschleierung der wirklichen Machtverhältnisse.

Man kann das im Übrigen auf die Gegenwart übertragen: In Zeiten von Fachkräftemangel und Verwaltungsvereinfachung sind Mini-Landkreise wie Lüchow-Dannenberg, Helmstedt oder Holzminden eben nicht mehr tragbar. Wenn wichtige Fach-Positionen in den Verwaltungen nicht mehr besetzt werden können und ein armer Landkreis die Hilfe eines stärkeren Nachbarn braucht, gleichzeitig aber nach außen das Selbstbewusstsein seiner angeblichen Eigenständigkeit demonstriert, dann stimmt etwas nicht im Verwaltungsaufbau - und das merken früher oder später auch die Bürger. Das ist dann so wie mit dem schein-selbstständigen Freistaat Schaumburg-Lippe, der sich seine eigene Überforderung vor 100 Jahren nicht eingestehen wollte.
Das sind die Themen im heutigen Rundblick:
Abschied von Hildesheim: Bischof Heiner Wilmer wechselt nach Münster - und nimmt viele gute Erfahrungen aus Niedersachsen mit.
Zukunft mit Doktortitel: Promovieren konnte man in Niedersachsen bislang nur an der Universität - oder wenn die Fachhochschule mit einer Uni kooperierte. Das soll sich nun ändern.
Erinnerung an Heinrich Lorenz: Der Sozialdemokrat im Freistaat Schaumburg-Lippe hat segensreich für die Demokratie gewirkt. Das hat der Historiker Heiko Holste erforscht.
Klatsche für die AfD: Der AfD-Landesverband hat vor dem Verwaltungsgericht Hannover verloren. Ein Eilantrag gegen die Hochstufung der Partei durch den Verfassungsschutz wurde abgelehnt.
Ein kleiner Tipp für das Wochenende: Am Sonnabend können Sie Bischof Wilmer in Hildesheim verabschieden, er hat alle Menschen auf den Domplatz eingeladen. Alternativ kann man in das Schaumburger Land fahren und an die Volksabstimmung vor 100 Jahren zurückdenken.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Dienstag,
Klaus Wallbaum


