
Die Zahl der antisemitischen Vorfälle in Niedersachsen hat 2025 mit 672 dokumentierten Übergriffen einen neuen Höchststand erreicht. Das geht aus dem fünften Jahresbericht der „Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) in Niedersachsen“ hervor, der am Montagabend in der Villa Seligmann in Hannover vorgestellt wurde. „Seit dem Beginn der Erfassung hat sich die Zahl der Vorfälle damit fast versechsfacht“, betonte Ulrike Becker, Programmdirektorin für die Arbeit gegen Antisemitismus der Amadeu-Antonio-Stiftung, welche in Niedersachsen und Thüringen Trägerin von RIAS ist. Auf der Straße passieren mit weitem Abstand die meisten Übergriffe, gefolgt vom Internet als Tatort. 67 Prozent der Fälle werden von RIAS als „israelbezogener Antisemitismus“ eingeordnet. Dabei wird immer häufiger der Begriff des „Zionismus“ instrumentalisiert. „Das ist losgelöst vom historischen Kontext“, erklärte RIAS-Mitarbeiter Helge Regner: Ursprünglich sei der Zionismus als Emanzipationsbewegung von Juden in Reaktion auf den europäischen Antisemitismus begründet worden. Er und Projektleiterin Katarzyna Miszkiel-Deppe zeigten zahlreiche Fälle von Schmierereien gegen „Zionisten“ oder kurz „Zios“.
Zwei Beispiele: Eine betroffene Person erhielt an ihre Privatadresse, die sie eigentlich geheim hält, eine anonyme Postkarte mit dem Text: „Zionisten sind Faschisten.“ Am Tag nach dem Massaker bei einer Chanukka-Feier in Australien erwartete jüdische Studierende an der Universität Göttingen eine großflächige Schmiererei mit dem Text: „Free Gaza – Zios töten.“ „Seit 2025 beobachten wir eine Radikalisierung des Feindbildes“, sagte Helge Regner. Ulrike Becker ergänzte: „Juden sind in diesem Weltbild nicht konkrete Gegner, sondern eine Chiffre für das Böse in der Welt. Die Bekämpfung des Zionismus erscheint als Rettung der Welt.“ Mit einem Begriff von Saul Friedländer nannte sie das „Erlösungsantisemitismus“. Der Antisemitismus baue Brücken zwischen gegensätzlichen Ideologien, erläuterte sie: Der Post-Shoa-Antisemitismus, also die Abwehr deutscher Schuld am Holocaust, kam früher von Rechtsextremisten. Solche Fälle gibt es weiterhin, etwa die Zerstörung von Kränzen an der Gedenkstätte Ahlem in Hannover. Aber mittlerweile nutzen auch Linksextreme das Narrativ, die deutsche Erinnerungskultur sei ein Herrschafts- und Unterdrückungsinstrument, und formulieren Slogans wie „Free Palestine from German Guilt“. Und ein islamistischer Influencer brachte den gleichen Gedanken auf die Formel: „Nie wieder Staatsräson“.

Die allermeisten Fälle in Niedersachsen (43 Prozent) lassen sich keinem politisch-weltanschaulichen Hintergrund zuordnen. Für die Opfer sei das besonders bedrohlich, erläuterte Helge Regner. „Anfeindungen können von überallher kommen. Es ist nicht vorhersehbar.“ Fünfzehn Prozent der Fälle lassen auf ein rechtsextremes oder rechtspopulistisches Weltbild schließen, sechs Prozent kamen von links, zwei Prozent von muslimischer oder islamistischer Seite. Weniger als ein Prozent lassen sich einem christlichen Weltbild zuordnen. 190 der 672 erfassten Vorfälle waren antisemitische Versammlungen. „Seit dem 7. Oktober 2023 gab es etwa jeden zweiten Tag eine in Niedersachsen“, rechnete Regner vor. Dabei fielen Sätze wie: „Das einzige Recht, das Israelis besitzen, ist, ihre Koffer zu packen.“ Ein Redner der MLPD griff auf eine Verleumdung aus dem Mittelalter zurück und behauptete, die israelische Armee würde Brunnen vergiften. Für jüdische Bürger seien insbesondere die Versammlungen und Schmierereien belastend, da sie dadurch permanent mit Feindseligkeiten konfrontiert würden, erklärte Regner. Das führe dazu, dass sie bestimmte Orte meiden. „Jede Woche finden diese Demonstrationen in Hannover statt“, meldete sich Rebecca Seidler, die Vorsitzende des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden, zu Wort. Sie sprach Justizministerin Kathrin Wahlmann direkt an und fragte, warum die Staatsanwaltschaften Anzeigen im Zusammenhang damit ablehne oder Verfahren einstelle. Wahlmann antwortete etwas perplex: „Mir wird so etwas in der Regel nicht berichtet.“ Aus den hinteren Reihen erklang Gelächter. „Kommen Sie doch mal!“, rief jemand. Ein Mitarbeiter des Justizministeriums sprang seiner Chefin zur Seite. Er betonte, das Haus sei nicht untätig und organisiere Fortbildungen für Staatsanwälte. Eine Frau aus dem Publikum forderte strengere Gesetze zum Schutz jüdischer Bürger – und zwar „nicht erst in der nächsten Legislatur“. „Antisemitismus ist nicht verboten“, sagte auch der Antisemitismus-Beauftragte des Landes, Prof. Gerhard Wegner. Er rief die Zivilgesellschaft dazu auf, sich an Gegendemonstrationen zu beteiligen.


