Straßen müssen sicherer werden, und die Strafen für Raser höher
Gestern hat Innenminister Boris Pistorius die Verkehrsunfallbilanz des vergangenen Jahres vorgestellt. Dabei zeigte sich, dass die meisten Unfälle noch immer passieren, weil der Fahrer zu schnell unterwegs ist. Ein Kommentar von Isabel Christian.
Einer von vier, lautet die Quote. Einer von vier Auto- Motorrad- oder Lastwagenfahrern kommt nicht zu Hause oder bei der Arbeit an, weil er unterwegs zu stark aufs Gaspedal gedrückt hat. Im schlimmsten Fall kommt er sogar nie wieder irgendwo an, weil die Eile ihn das Leben gekostet hat. Hinterm Lenkrad sind die meisten Menschen selbstbewusst. Was soll schon passieren, immerhin halten sie das Steuer selbst in der Hand. Und man kann ja wohl einschätzen, ab wann es gefährlich wird. Anders als etwa im Flugzeug, da ist man ausgeliefert und muss einem fremden Menschen vertrauen, dass er weiß, was er tut. Wie trügerisch die Wahrnehmung ist, zeigt ein Zahlenvergleich. 140 Menschen sind 2016 weltweit bei Flugzeugabstürzen gestorben. Fast doppelt so viele verloren im vergangenen Jahr ihr Leben allein auf Niedersachsens Landstraßen. Weil jemand gedacht hat: „Ach, das Überholmanöver schaff‘ ich noch.“ Oder: „Ich hab versprochen, um sieben da zu sein, jetzt muss ich mich beeilen." Bewusst oder unbewusst, es ist oft die Selbstüberschätzung, wegen der ein Unfall geschieht.
Gegen dieses tief verwurzelte Gefühl lässt sich keine schnelle Lösung finden. Aber es gibt Möglichkeiten, das zeigt sich am Beispiel Alkohol am Steuer. Galt es bis in die neunziger Jahre hinein als Kavaliersdelikt, sich nach zwei Bier, einem Glas Wein und einem Schnaps noch hinters Steuer zu setzen, um schnell selbst nach Hause zu fahren, ist das heute für die meisten Autofahrer undenkbar. Das zeigt auch die Statistik. Bei nur drei Prozent der Unfälle waren im vergangenen Jahr Alkohol oder Drogen im Spiel. Aber wie lässt sich das Bewusstsein der Autofahrer verändern - in einem Land, in dem das Auto mehr Wettschätzung erfährt als ein gutes Essen und in dem Tempolimits auf allen Straßen nie Erfolg haben werden, weil sonst die vielen Sportwagen „made in Germany“ nicht mehr ausgefahren werden könnten? Appelle bringen hier nicht viel, denn sie kommen gegen besagtes Selbstüberschätzungsgefühl nicht an. Also muss es die Furcht vor höheren Strafen richten.
Mit 261 Todesopfern sind über die Hälfte der Menschen im vergangenen Jahr auf Landstraßen gestorben, 100 von ihnen, weil sie gegen einen Baum geprallt sind. Nun könnte man fordern, alle Bäume entlang von Straßen abzuholzen. Doch das kann nicht die Lösung sein. Denn die Bäume wirken oft als Lärmschutz. Und wären sie weg, würde das Auto ungebremst aufs Feld rasen und sich dort vermutlich überschlagen. Deshalb müssen Landstraßen besser geplant werden. Die Straßen müssen so konstruiert werden, dass sie kleine Fahrfehler „verzeihen“. Etwa, indem Bäume nicht direkt an der Fahrbahn, sondern mehrere Meter dahinter gepflanzt werden. Entlang der Fahrbahn sollte stattdessen eine Leitplanke führen. Denn kracht ein Auto gegen einen Baum, so muss das Auto die gesamte Energie abbauen und wird dementsprechend stark beschädigt. Fährt es dagegen gegen eine Leitplanke, kann diese einen Teil der Energie abbauen, weil sie beweglich ist. Ist der Autofahrer in etwa so schnell wie erlaubt unterwegs, kann ihm die Leitplanke deshalb sogar das Leben retten.
Darüber hinaus muss es mehr Tempolimits und Kontrollen geben. Denn was bringt ein Tempo-80-Schild auf der Landstraße, wenn sich niemand daran hält. Zur eigenen Selbstüberschätzung gehört schließlich auch, die Gefahren einer Strecke unabhängig von der Straßenverkehrsbehörde bewerten zu können. Und diese Bewertung fällt in der Regel lockerer aus als die des Gesetzgebers. Auto-, Motorrad- und Lastwagenfahrer müssen lernen, dass schneller fahren als erlaubt kein Kavaliersdelikt ist, und das geht nur, wenn es Konsequenzen hat. Das gilt besonders für Motorradfahrer, die gern die Stärke ihrer Maschine auskosten. Es kann aber nicht sein, dass gerade sie mit 230 Kilometer pro Stunde am Blitzer in der Tempo-80-Zone vorbeirauschen können und unbehelligt bleiben, weil das Gerät nur von vorn ein Foto macht. Besonders auf Landstraßen muss es mehr beidseitige Radarfallen geben. Darüber hinaus hilft bei diesem Thema nur der Grundsatz: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Denn sonst kommt weiterhin einer von vieren nicht nach Hause.
Mail an die Autorin dieses KommentarsDieser Artikel erschien in Ausgabe #51.