Die Wählergemeinschaft „Die Hannoveraner“ möchte die verunglückte Stadtbild-Debatte aus dem vergangenen Jahr wieder aufleben lassen. Im Kommunalwahlkampf plakatiert die derzeit noch im Rat der Landeshauptstadt vertretene Partei die Forderung nach einem „schönen Stadtbild“. Was für die „Hannoveraner“ ein schönes Stadtbild wäre, illustrieren sie auf dem Plakat mit einem bekannten Postkartenmotiv. Die Aufnahme wirkt wie ein Abziehbild einer mitteldeutschen Altstadt. Fachwerk im Vordergrund, ein Kirchturm im Hintergrund. Ein bisschen traurig nur, dass die hannoversche Kramerstraße so ziemlich menschenleer gezeigt wird. Die Vision der Wählergemeinschaft ist keine Belebung der Innenstadt, sondern wohl eher eine Zeitreise in eine gute alte Zeit, die es so – zumindest an dieser Stelle in Hannover – so auch wieder nicht gegeben hat.

Zugutehalten möchte ich den Schöpfern dieses Plakats, dass es sich bei dem Motiv augenscheinlich immerhin um ein echtes Foto der Altstadt handelt. Erschreckender finde ich die Stadtbilder politischer Bewerber oder anderer Protagonisten, die zwar Hannover zeigen wollen, dabei aber ganz sicher eines nicht zeigen: Hannover. Selten handelt es sich dabei um eine kreative Leistung, die unter Zuhilfenahme künstlicher Intelligenzen immerhin eine Zukunft imaginieren will, die es schlichtweg noch nicht gibt. Gesehen beispielsweise bei einem Bild, auf dem in Anlehnung an die Aktion der Berliner Volksbühne ein Schwimmbecken irgendwo in die Innenstadt gebaut wird. Wenn an anderer Stelle aber nur das Neue Rathaus abgebildet wird, im Hintergrund aber Hochhäuser in den Hauptstadthimmel ragen, die es dort wahrscheinlich auch am Ende der nächsten Ratsperiode nicht geben wird, finde ich das eher traurig. Ist die Sicherheitslage im Maschpark inzwischen so dramatisch, dass man sich nicht mehr dorthin traut, um mal schnell ein Rathausfoto zu knipsen?
Während die KI-Kampagneros nicht nur dem Wähler, sondern auch der Kreativbranche auf moderne Weise etwas vormachen, haben sich die „Hannoveraner“ einer altmodischen Variante der Bildmanipulation bedient. Statt etwas künstlich hinzuzudichten, zeigen sie nur die halbe Wahrheit. Denn der Hannover-Kenner weiß: Dreht man sich an jener Stelle, an der das Foto der Kramerstraße entstanden ist, nur einmal um die eigene Achse, steht man vor einem brutalistischen Betonbau (no shame, liebes Historisches Museum!) wie er zum hannoverschen Stadtbild eben auch dazugehört. Oder sollen wir jetzt all unsere Nachkriegsbauten in Fachwerk verkleiden?
Apropos Stadtbild: In unserer neusten Podcast-Folge frage ich die neue Landesbischöfin in Braunschweig, ob die Kirche im Dorf bleibt. Anhören können Sie sich das Gespräch zum Beispiel hier:
An dieser Stelle möchte ich Sie einladen, den Blick von Wahlplakaten und Stadtbildern abzuwenden, und ihn kreisen zu lassen – das sind die Rundblick-Themen an diesem Montag:
Starten Sie gut in die neue Woche!
Ihr Niklas Kleinwächter


