12. Aug. 2026 · 
MeldungGesundheit

Medizinstrategie in der Region Hannover: "Die Menschen sind nicht mitgenommen worden"

Wie wollen die Bewerber für das Präsidentenamt in der Region Hannover die Gesundheitsversorgung verbessern? Das fragte die Diakonie – und lieferte den Realitätscheck gleich mit.

Mehr als zehn Krankenhausträger gibt es in der Region Hannover mit zahlreichen Spezialisierungen. Sind die Patienten im größten Kreis des Landes damit schon auf der Insel der Seligen oder gibt es in der Gesundheitsversorgung noch viel zu tun für den neuen Regionspräsidenten oder -präsidentin? Darüber diskutierten fünf der elf Kandidaten – AfD-Bewerber Nicolas Lehrke war nicht dabei – auf Einladung der Diakonie Niedersachsen und der "Neuen Presse". Sinja Münzberg, die Bewerberin der Grünen, ist als gelernte Pflegefachkraft mit einem Studium in Public Health und Aufsichtsrätin beim kommunalen Klinikum Region Hannover im Thema zu Hause. „Wir haben die Flucht nach vorn angetreten, als sich abzeichnete, dass es eine Krankenhausreform geben würde“, berichtete sie. „Mit unserer Medizinstrategie waren wir die ersten und haben bundesweit Beachtung gefunden. Ich habe nicht den leisesten Zweifel, dass sie die Versorgung in der Region verbessern wird. Umstritten ist nur ein einziger Punkt: Die Umwidmung des Krankenhauses in Lehrte in ein ,Regionales Gesundheitszentrum'.“ An genau diesem Punkt entzündete sich dann auch die Kritik der CDU- und FDP-Bewerber. „Wir unterstützen die Medizinstrategie, aber die Umsetzung ist nicht gut“, kommentierte FDP-Kandidat Robert Reinhardt-Klein. Die Menschen seien nicht mitgenommen worden, sodass der Eindruck eines „Kahlschlags“ in Lehrte entstanden sei. „Es wurde über Gebäude diskutiert, nicht über Qualität und Versorgungslücken.“ Der CDU-Kandidat Oliver Junk mutmaßte, das RGZ in Lehrte sei nur geplant worden, um die aufgeheizte Stimmung in der Bevölkerung zu beruhigen. Regionale Gesundheitszentren (RGZ) rangieren auf dem niedrigsten Level in der Krankenhauslandschaft und haben keine Notaufnahme. Sie sollen ambulante und stationäre Versorgung verbinden, was im aktuellen Vergütungssystem schwer zu finanzieren ist. „Das RGZ ist mit 25 Millionen Euro hinterlegt“, sagte Junk in Richtung von Münzberg. „Ich nehme Ihnen nicht ab, dass das reicht.“ Im Vergleich seien für eine Feuerwache schon zehn Millionen veranschlagt. Der ehemalige Regionspräsident Steffen Krach habe sich mit der Medizinstrategie als Musterschüler profilieren wollen, aber einige Punkte vergessen, rügte Junk und zählte auf: So seien der Katastrophenschutz nicht mitgedacht worden und die Absicherung der Notaufnahme für das Kinderkrankenhaus "Auf der Bult". Außerdem seien nicht alle Orte in der Region gleichermaßen gut an die Versorgung angebunden, sagte der ehemalige Goslarer Oberbürgermeister, ohne jedoch Beispiele zu nennen.

Sieben Personen diskutieren auf einem Podium
Diskutieren über Gesundheit in der Region Hannover: Gastgeber Hans-Joachim Lenke, Sinja Münzberg (Grüne), Robert Reinhardt-Klein (FDP), Eva Bender (SPD), Oliver Junk (CDU), Mizgin Ciftci (Linke) und Gastgeber Carsten Bergmann (v.l.) | Foto: Beelte-Altwig

Der Gastgeber, Diakonie-Vorstand Hans-Joachim Lenke, forderte von den Kandidaten, nicht nur auf die kommunalen Krankenhäuser zu schauen, sondern auch den Beitrag der freigemeinnützigen Häuser zu würdigen. Die freien Träger haben schon wiederholt einen unfairen Wettbewerb beklagt, weil sie – anders als die kommunalen Kliniken – ihre Defizite nicht aus Steuermitteln ausgleichen können. „Dass wir in die Finanzierung mit einsteigen, kann ich nicht versprechen“, sagte SPD-Bewerberin Eva Bender deutlich. Sie versprach aber zumindest, alle Träger an einen Tisch zu holen. „Das Problem ist die Konkurrenz der Träger untereinander“, meinte Linken-Kandidat Mizgin Ciftci. Als einziger in der Runde stimmte er der These aus dem Publikum nicht zu: „Es ist genug Geld im Gesundheitssystem, es ist nur falsch verteilt.“ Der Gewerkschafter Ciftci lobte stattdessen die 8000 Menschen, die zur Gesundheitsministerkonferenz in Hannover gegen Sparmaßnahmen im Gesundheitssystem demonstriert haben. „Die Region Hannover muss die Stimme erheben gegen die strukturelle Unterversorgung“, forderte er.

Schwieriger wurde es für die Kandidaten beim Thema Pflege, Lösungsvorschläge für die alternde Gesellschaft zu präsentieren. Bender und Münzberg wollen sich für Hitzeschutz in den Pflegeeinrichtungen stark machen. Nach der Wahl im September, rechnete Münzberg vor, sei es höchste Zeit, für den kommenden Sommer vorzusorgen. Der CDU-Bewerber Junk dagegen provozierte den Gastgeber mit der Gegenfrage: „Warum sollen wir Klimaanlagen in Heimen subventionieren?“ Stattdessen müsse man die Betreiber verpflichten, für erträgliche Temperaturen zu sorgen. „Ihre Vorstellung geht völlig an der Realität vorbei“, konterte Diakonie-Chef Lenke unumwunden. „Wir haben schon eine Reihe von Insolvenzen von Trägern. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die Situation angespannt ist.“ Um die Personalsituation in der Altenpflege zu verbessern und Nachwuchs aus dem Ausland besser zu unterstützen, brachte Eva Bender die Idee eines „Auszubildenden-Werkes“ analog zum Studentenwerk ins Spiel. Dies könne in Zusammenarbeit mit dem kommunalen Wohnungsunternehmen KSG günstigen Wohnraum für Auszubildende schaffen. Bender lobte die Arbeit der Pflegestützpunkte und versprach, die Beratung für pflegende Angehörige weiter zu verbessern. Einen ergreifenden Realitätscheck dazu gab es aus dem Publikum: Ein Senior berichtete, er habe seine Frau zwölf Jahre lang gepflegt. Er habe keinen einzigen Anbieter gefunden, der ihm zu Hause die gesetzlich vorgeschriebene Beratung geleistet habe. Diesem Zuhörer blieb es auch überlassen, die Politiker daran zu erinnern, dass die Landesförderung für die Pflegestützpunkte zum Jahresende ausläuft.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #136.
Anne Beelte-Altwig
AutorinAnne Beelte-Altwig

Artikel teilen

Teilen via Facebook
Teilen via LinkedIn
Teilen via X
Teilen via E-Mail
Medizinstrategie in der Region Hannover: "Die Menschen sind nicht mitgenommen worden"