11. Mai 2026 · 
Blick in die WirtschaftEnergie

Machtprobe mit Watt: Auf Norderney wird um die Fortsetzung der Energiewende gerungen

Niedersachsen stemmt sich gegen die Pläne des Bundes zur Deckelung des Ökostrom-Ausbaus. Energieminister Meyer verteidigt das hohe Tempo gegen Reiches radikalen Sparkurs.

Wenn sich die Energieminister der Länder in der kommenden Woche auf Norderney treffen, geht es offiziell um Versorgungssicherheit, Netze, Kraftwerke und Wasserstoff. Hinter den Kulissen der Konferenz tobt jedoch ein Richtungsstreit: Wie soll die nächste Phase der Energiewende aussehen und wer bestimmt künftig über das Tempo sowie die Kostenverteilung? Der bisherige Ausbaukonsens lebte von der Erzählung, dass der Übergang zu Wind und Sonne die Strompreise langfristig senken würde. Doch die massiven Investitionen in die Netzinfrastruktur und die Kosten für die Systemstabilität lassen den Strompreis eher nach oben als nach unten gehen. Die positiven gesamtwirtschaftlichen Effekte der Energiewende bleiben weiterhin kaum spürbar, während die Belastungen durch Netzentgelte bereits heute die Bilanzen der Industrie und die Stromrechnungen der privaten Haushalte erreichen. Damit wandelt sich die Energiewende von einem Hoffnungsprojekt zu einer Belastungsprobe für die industrielle Wettbewerbsfähigkeit und zu einer Geduldsprobe für die Verbraucher.

Tritt nur selten öffentlich auf, um ihre Politik zu erklären: Katherina Reiche bei einem Rundgang über die Hannover-Messe. | Foto: Deutsche Messe

In diesem Spannungsfeld treffen zwei Ansätze aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) plant einen radikalen Kurswechsel. Wenn es nach der früheren Eon-Managerin geht, sollen künftig nicht mehr der pauschale Anlagenausbau von Wind und Sonne den Takt der Energiewende bestimmen, sondern die physikalischen Kapazitäten der Netzbetreiber. „Die Netzbetreiber können nicht immer auf Zuruf dort das Netz verstärken und ausbauen, wo gerade in kurzer Zeit ein Wind- oder ein Solarpark entstehen soll“, stellte sie kürzlich in einem „Handelsblatt“-Interview klar. Versorgungssicherheit und Kosteneffizienz stehen bei Reiche ganz oben auf der Agenda. Sie will Subventionen reduzieren und Erneuerbare Energien künftig nur noch „markt- und systemdienlich“ fördern. Die CDU-Politikerin setzt dabei auf Digitalisierung, um Erzeugung und Verbrauch präziser zu synchronisieren und so die ausufernden Systemkosten zu bändigen. „Ich sehe meinen Auftrag darin, die Belastung für Wirtschaft und Verbraucher durch Energiekosten zu reduzieren oder mindestens nicht weiter steigen zu lassen. Wenn wir dieses Ziel erreichen wollen, brauchen wir eine faire Lastenverteilung“, sagte die Bundeswirtschaftsministerin und ergänzte in Richtung ihrer Kritiker: „Wer in diesem Zusammenhang von ,Blockade‘ spricht, manövriert sich ins Aus.“

Die Energieministerkonferenz tagt auf Norderney. Schafft es Christian Meyer, dort einen gemeinsamen Kurs der Länder zu formulieren? | Foto: MU

Niedersachsens Umweltminister Christian Meyer (Grüne), der in diesem Jahr den Vorsitz der Energieministerkonferenz (EnMK) hat, hingegen wertet Reiches Pläne als „fossile Rolle rückwärts“. „Bundesweit zahlen wir schon jetzt jedes Jahr über 80 Milliarden Euro für Öl, Gas und Kohle. Unser Ziel muss sein, das mit heimischen Energien zu machen“, sagt Meyer. Der Grünen-Politiker wirft Reiche vor, unter dem Deckmantel der Kosteneffizienz den Ausbau von Photovoltaik und Biogas gezielt zu sabotieren, um den Weg für eine neue Generation „teurer fossiler Gaskraftwerke“ freizumachen. Besonders kritisch sieht Meyer den geplanten Redispatch-Vorbehalt und den Förderstopp für private Solaranlagen, die er als massives Verunsicherungsrisiko für die Branche und als Bruch mit dem Mehrheitswillen der Bevölkerung geißelt. Meyer kritisiert: Statt die Preise zu senken, treibe die Bundesministerin die Verbraucher durch eine einseitige Kraftwerksstrategie und das Gebäudeenergiegesetz erst recht in eine „fossile Kostenfalle“, während gleichzeitig der Ausbau von Batteriespeichern und Netzen ausgebremst werde.

Das sind die wichtigsten Streitpunkte, die auf der Energieministerkonferenz zur Sprache kommen dürften:

  • Erdkabel contra Strommasten: Sparpotenzial sieht die Bundesregierung unter anderem beim Ausbau der großen Stromautobahnen. Neu zu planende Gleichstrom-Trassen sollen künftig überall dort, wo es technisch machbar ist, wieder als klassische Freileitungen statt als teure Erdkabel realisiert werden. Während Christian Meyer auf die Erdverkabelung als unverzichtbares Instrument für die lokale Akzeptanz und eine resiliente, gegen Sabotage geschützte Infrastruktur pocht, drängt Katherina Reiche auf Kostendisziplin. Berlin will den gesetzlichen Vorrang für das Kabel kippen, um die finanzielle Belastung für Industrie und Haushalte zu begrenzen – ein Vorstoß, der im windreichen Norden als massives Hindernis für einen zügigen Netzausbau gewertet wird.
  • Dezentrale Stabilität oder zentrale Steuerung: Niedersachsen hat den Ausbau der Speicherinfrastruktur massiv beschleunigt, allein im Jahr 2025 erhöhte sich die Kapazität der Großbatteriespeicher im Land um 52 Prozent. Meyer sieht in diesen Systemen einen entscheidenden Hebel, um die Abregelung von Windparks zu verhindern und die ausufernden Redispatch-Kosten zu reduzieren. „Der Ausbau der Batteriespeicher wird die Strompreise dauerhaft senken“, ist er überzeugt. Er wirft der Bundesministerin vor, diese Technologie zugunsten ihrer Gaskraftwerkspläne strategisch auszubremsen. Reiche hingegen betrachtet die unkoordinierte Einspeisung dezentraler Speicher als potenzielles Risiko für die Netzstabilität und fordert ein Marktdesign, das Speicher strikt systemdienlich einbindet.


  • Reservekapazitäten versus Flexibilitätsoptionen: Bei der Kraftwerksstrategie prallen zwei unversöhnliche Vorstellungen von Versorgungssicherheit aufeinander. Während Katherina Reiche wasserstofffähige Gaskraftwerke als unverzichtbare, steuerbare Absicherung für Dunkelflauten plant, warnt Meyer vor einer „fossilen Kostenfalle“. Der niedersächsische Umweltminister fordert, stattdessen flexible Biogasanlagen, Batteriespeicher und intelligentes Lastmanagement zu priorisieren, um das System unabhängiger von fossilen Importen zu machen.
  • Import-Hub trifft Kostendisziplin: Niedersachsen treibt den Aufbau von vier Großelektrolyseuren mit einer Leistung von insgesamt 850 Megawatt voran und beansprucht mit rund 1800 Kilometer Leitungslänge den Löwenanteil am künftigen Wasserstoff-Kernnetz. Christian Meyer sieht das Land als künftigen Import-Hub und zentrale Drehscheibe für die Versorgung der deutschen Industrie – und wähnt sich derzeit dennoch allein auf weiter Flur. „Wir sind das einzige Bundesland, das den Wasserstoffhochlauf noch richtig vorantreibt“, beklagt er und fordert ein klares Bekenntnis zu wettbewerbsfähigen Preisen. Mit dem Vorstoß für ein Wasserstoffgesetz nach dem Vorbild des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) rennt der Branchenverband LEE bei Meyer offene Türen ein. Der Minister möchte die Kosten durch „runtersubventionierten“ Grünstrom an der Küste drücken und schlägt Modelle vor, die sich an den staatlichen Klimaschutzverträgen orientieren. Dem gegenüber steht Bundeswirtschaftsministerin Reiche, die angesichts von Investitionskosten von rund 19 Milliarden Euro für das bundesweite Kernnetz auf strikte Effizienz mahnt. Dass sich die EU-Kriterien für grünen Wasserstoff dringend ändern müssen, finden sowohl Meyer als auch Reiche. Allerdings kritisiert der Grünen-Politiker fehlendes Engagement: „Wenn Deutschland das aktiver einfordern würde, glaube ich, wäre die EU auch dazu bereit.“


  • Der Wille zur Umsetzung: Zumindest die niedersächsische Landesregierung steht geschlossen hinter der Forderung nach grünen Leitmärkten, um die Nachfrage nach grünem Wasserstoff anzukurbeln. Nicht nur Christian Meyer, sondern auch Wirtschaftsstaatssekretär Matthias Wunderling-Weilbier vermisst hier „den Willen der Bundesregierung, die nationale Wasserstoffstrategie tatsächlich umzusetzen“. Da die Herstellung von erneuerbarem Wasserstoff derzeit deutlich teurer ist als konventionelle Alternativen, droht der Hochlauf an fehlender Marktdynamik zu scheitern – ein klassisches „Henne-Ei-Problem“. Ohne verlässliche Abnahmegarantien, etwa durch die Bevorzugung von Grünstahl bei öffentlichen Ausschreibungen, bleibe die Transformation von Industrieunternehmen wie der Salzgitter AG ein unkalkulierbares Risiko. Katherina Reiche hingegen lehnt solche Markteingriffe ab und setzt stattdessen auf Kostensenkungen durch die umfassende Digitalisierung des Energiesystems.


  • Alarmstimmung auf See: Der Offshore-Windenergie droht nach gescheiterten Ausschreibungen und verschobenen Runden im Jahr 2025 die Puste auszugehen. Niedersachsens Wirtschaftsminister Grant Hendrik Tonne fordert daher ein Umdenken beim Bund: „Wir brauchen ein Ausschreibungs- und Marktdesign, das wieder auf Realisierungssicherheit abzielt. Es muss Finanzierungskosten senken, Risiken begrenzen und gleichzeitig die Belastung für Stromkunden im Blick behalten. Nur dann werden Projekte auch tatsächlich umgesetzt.“ Während Niedersachsen auf verlässliche Ausbaupfade und Planungssicherheit für die Unternehmen drängt, fokussiert Katherina Reiche auf die Systemeffizienz. Berlin möchte die Netzanbindungen stärker unter Kostengesichtspunkten diskutieren, um unnötige Mehrbelastungen im System zu vermeiden, was an der Küste als Risiko für die zeitgerechte Umsetzung gewertet wird.
Dieser Artikel erschien am 12.5.2026 in Ausgabe #088.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link

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