(rb) Einmal Provinz, immer Provinz – das werden sich viele gedacht haben, die jenseits von Niedersachsen erstmals über Spiegelonline davon erfahren haben, dass die hannoversche SPD ernsthaft darüber nachdenkt, die Polit-Ikone Helmut Schmidt zunächst auf eine mögliche NS-Vergangenheit hin zu überprüfen, bevor sein Name ein Straßenschild in der niedersächsischen Landeshauptstadt zieren darf. Man tut „der hannoverschen SPD“ sicher unrecht, wenn man die hiesigen Sozialdemokraten allesamt über einen Kamm scheren würde. Aber allein, dass einige wenige, wenn auch einflussreiche Genossen in der Stadt die Ehrung des früheren Kanzlers und langjährigen Vorbilds für Generationen von Sozialdemokrat/innen von einer solchen Überprüfung abhängig machen wollen, lassen die Stadt einmal mehr zur Provinzhauptstadt werden. Man kann förmlich spüren, wie Schmidt-Nachfolger Gerhard Schröder und andere prominente Parteimitglieder wie Herbert Schmalstieg, der ewige Oberbürgermeister, nach Luft schnappten, als sie das Andenken des weltweit anerkannten Elder Statesman Schmidt besudelt sahen, ausgerechnet in Hannover. Selbst der Rückzieher, den die Stadt-SPD und deren Ratsfraktion nach dem bundesweiten Shitstorm vollzogen haben, ist eher halbherzig geraten, immer noch getragen von einem „ja, aber…“ und kaum nachvollziehbarer Prinzipienreiterei.
Diese peinliche Provinz-Posse macht einmal mehr deutlich, in welchem Missverhältnis die SPD oftmals zu ihren Führungspersönlichkeiten steht. Helmut Schmidt, dem dieses absurde Theater Gottseidank erspart bleibt und nach dem in seiner Heimatstadt Hamburg alles Mögliche benannt wird bis hin zu einem Flughafen, hat selbst erleben müssen, dass es mit der Solidarität unter Genossen nicht allzu weit her ist, wenn es ums Eingemachte geht. Seinen Sturz als Bundeskanzler vor fast 35 Jahren hatte er in besonderer Weise der mangelnden Unterstützung in den eigenen Reihen zu verdanken. Auch der spätere Kanzler Schröder und nicht zuletzt der aktuelle Parteichef Sigmar Gabriel sowie etliche seiner Amtskollegen in dem Parteiamt vor ihm können davon ein Lied singen. Allerdings ist die mangelnde Anerkennung einer unbestreitbaren Lebensleistung, wie sie Helmut Schmidt vorweisen kann, der in einer äußerst schwierigen Situation als Kanzler der Bundesrepublik mehr Charakterstärke bewiesen hat als die Mehrheit seiner Vorgänger und Nachfolger, von einer neuen Qualität.
Am Ende wird es natürlich auch in der niedersächsischen Landeshauptstadt mindestens eine Straße geben, die nach dem hanseatischen Altkanzler benannt sein wird. Dafür wird die Empörung in der Stadt darüber, dass man sich quer durch die ganze Republik lächerlich gemacht hat, schon sorgen. azDieser Artikel erschien in Ausgabe #107.