25. Jan. 2026 · 
InterviewParteien

„Knappe Aussagen sind wichtig – aber sie müssen immer mit Fakten unterlegt sein“

Bei der Wahl zum „Aufsteiger des Jahres“ haben sich die meisten Rundblick-Leser für Heidi Reichinnek entschieden. Sie äußert sich beim Besuch der Redaktion in Hannover.

Bei der Wahl zum „Aufsteiger des Jahres“ haben die Leser des Politikjournals Rundblick eine klare Entscheidung getroffen: Die meisten Stimmen unter den 15 Kandidaten der Endauswahl bekam Heidi Reichinnek, die Vorsitzende der Linksfraktion im Deutschen Bundestag. Reichinnek ist in Sachsen-Anhalt geboren, lebt in Osnabrück und gilt als Shooting-Star der Linken. Rundblick-Chefredakteur Niklas Kleinwächter hat mit ihr gesprochen.

Preisträgerin: Heidi Reichinnek ist zur „Aufsteigerin des Jahres“ gekürt worden. | Foto: Lada

Rundblick: Frau Reichinnek, glauben Sie, dass sich im Wettbewerb immer die Besten durchsetzen?

Reichinnek: Nein, das ist leider nicht so. Denn der Wettbewerb ist oft verzerrt.

Rundblick: Sie haben trotzdem den Wettbewerb gewonnen – und haben den Titel „Aufsteiger des Jahres 2025“. Sie haben andere aus dem Feld geschlagen wie Olaf Lies, Gitta Connemann, Adis Ahmetovic und Mareike Wulf. Wie finden Sie das?

Reichinnek: Ich freue mich, so viel Unterstützung erfahren zu haben. Bei der Abstimmung habe ich selbst nicht um Stimmen geworben, das fände ich aufgrund der großen Reichweite meiner Kanäle unfair. Es sollte ja eine Entscheidung aus Niedersachsen sein. Viele andere, die zur Auswahl standen, machen sehr gute Arbeit und hätten den Titel auch verdient.

Rundblick: Um Sie noch einmal etwas vorzustellen – Sie sind 1988 geboren, haben sich vor Ihrer Zeit im Bundestag beruflich in der Jugendhilfe engagiert, kamen 2021 in den Bundestag, wurden Spitzenkandidatin und sind heute Fraktionschefin. Die Linke ist dann im Februar 2025 mit 8,8 Prozent in den Bundestag gekommen – obwohl ihr das wenige Monate vorher niemand zugetraut hat. Worauf führen Sie den Erfolg zurück?

Reichinnek: Erstmal leben Totgesagte länger. Und dann hatten wir eine klare Strategie, uns auf das zu konzentrieren, was die Leute bewegt – bezahlbare Mieten, bezahlbares Leben – soziale Gerechtigkeit eben. Alle anderen redeten über Migration und Sicherheit, wir sind ganz klar bei unseren Themen geblieben – und haben diese so lange wiederholt, bis jedem klar war, für was Die Linke steht. Das hat sich ausgezahlt. Wir haben das mit Sozialberatungen und Unterstützungsangeboten wie unserem Mietwucherrechner oder dem Heizkostencheck kombiniert, und das wirkte. Weil wir nicht nur reden, sondern machen.

Rundblick: War das wirklich das Erfolgsgeheimnis? Ich betrachte das ganz anders und sehe einen Wendepunkt Ende Januar 2025. Das war der Moment, als die CDU/CSU einen Antrag zur Migrationspolitik im Bundestag stellte und bewusst in Kauf nahm, dass dieser mit den Stimmen der AfD zum Erfolg gebracht wird. Sie sind in diesem Moment nach vorn gegangen und haben eine Rede voller Wut und Empörung gehalten. In meiner Wahrnehmung war das der Augenblick, als der enorme Zulauf zur Linken begann.

Reichinnek: Ich halte die Rede definitiv nicht für das Entscheidende – denn damit würde die Arbeit der zehntausenden Genossen nicht ausreichend gewürdigt, die in unserem engagierten Wahlkampf mitgearbeitet haben. Aber ja: Meine Rede war voller Wut und Empörung darüber, dass erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg eine Mehrheit im deutschen Parlament gemeinsam mit Rechtsextremisten gebildet wurde. Zurecht sind danach im ganzen Land Menschen auf die Straßen gegangen, um sich für die Demokratie einzusetzen.

Rundblick: In dieser Rede haben Sie gerufen „Auf die Barrikaden“. Wie weit geht dieser Aufruf zum Widerstand bei Ihnen? Gibt es eine Grenze, wenn Anschläge auf Stromleitungen verübt werden?

Reichinnek: Es gibt eine Grenze bei jeglicher Anwendung von Gewalt.

Als Tiktok-Star kennt sie auch die Schattenseiten der Plattform. | Foto: Lada

Rundblick: Sie arbeiten mit dem Medium TikTok, das vorwiegend von der AfD genutzt wird. Warum tun Sie das – jenseits der AfD sind wenige Politiker hier zu finden.

Reichinnek: Das kam 2021, als ich erstmals in den Bundestag kam und mein Schwerpunkt die Kinder- und Jugendpolitik war. Ich wollte junge Menschen ansprechen und dazu braucht es auch TikTok. Wenn man authentisch ist und mit den Menschen auf Augenhöhe spricht, dann klappt das gut und man kommt an. Aber natürlich reicht das nicht, es braucht andere Medien, Haustürgespräche, Infostände.

Rundblick: Aber viele soziale Medien haben ja eine Kehrseite. Wir haben das beim Rundblick erlebt, als wir über Ihre Wahl zum „Aufsteiger des Jahres“ berichtet hatten und tagelang Hass- und Hetze-Kommentare gepostet wurden. Wir waren mit dem ständigen Löschen befasst. Vermutlich erfahren Sie solche Reaktionen noch viel drastischer…

Reichinnek: Ich lese längst nicht mehr alles. Und ich habe ein Team, das mich unterstützt und auffängt. Da finde ich Rückhalt. Bei vielen anderen Menschen, die sich engagieren und angefeindet werden, ist das leider nicht so. Ich finde es wichtig, Beiträge zu melden und zu löschen. Das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Die Plattformen machen viel zu wenig gegen den Hass und die Hetze. Und Organisationen, die hier tätig werden, um Menschen genau davor zu schützen – wie etwa Hate Aid – werden dann von der US-Regierung attackiert. Das muss man sich mal vorstellen – angeblich geht es um Meinungsfreiheit, aber Beleidigungen und Bedrohungen sind keine Meinungsfreiheit. Meine Erfahrung ist: Am besten reagiert man darauf, indem man noch lauter wird, nicht leiser. Denn das ist ja das Ziel solcher Kampagnen: Man soll eingeschüchtert werden.

Rundblick: Brauchen wir hier stärkere gesetzliche Regulierungen?

Reichinnek: Der Digital Service Act muss konsequent umgesetzt werden und wir brauchen Beratung und Unterstützung, auch bei der Polizei.

Rundblick: Eine Strategie, Politik über TikTok zu verbreiten, besteht in der Vereinfachung. Das Politikerdeutsch soll in einfache Sprache übersetzt werden…

Reichinnek: Ja. Wenn man etwas verstanden hat, kann man es auch kurz und bündig erklären. Für mich ist aber wichtig, meine Aussagen immer auch mit Fakten zu untermauern – dann kann man es überprüfen. Die Menschen haben viel um die Ohren, sie wollen nicht auch noch komplizierte Politiker-Sätze hören. Oft habe ich auch das Gefühl, dass einige Politiker sich extra kompliziert und mit Fremdwörtern gespickt ausdrücken, weil sie denken, man nehme sie dann als besonders klug wahr. Die Menschen erreicht man so aber nicht.

Rundblick: Die knappe, reduzierte und einfache Sprache löst immer den Verdacht aus, man sei populistisch. Ist das eine Strategie – linker Populismus als Antwort auf rechten Populismus? In den USA gibt es einige Politiker der Demokraten, die genau mit dieser Methode auf Donald Trump reagieren wollen.

Reichinnek: Der Unterschied ist doch, ob die Botschaften auf Fakten basieren – oder wie bei der AfD erfunden und erlogen sind.

Rundblick: Was Ihre Arbeit im Bundestag angeht, erlebe ich die Linken als sehr staatstragend. Die Linken haben es ermöglicht, dass am Tag der Kanzlerwahl noch ein Wahlgang kam, um Merz zu wählen. Später, als es um das Bundesverfassungsgericht ging, haben die Linken auch bei der Mehrheitsfindung geholfen.

Reichinnek: Nein, es ging nicht um Merz. Es ging darum, dass wir bei einem Verzicht auf einen zweiten Wahlgang drei Tage lang Chaos gehabt hätten, weil kein Kanzler gewählt worden wäre – und davon hätte nur die AfD profitiert. Beim Verfassungsgericht ging es darum, eine Institution handlungsfähig zu erhalten, die zentral ist, um unter anderem das Handeln der Regierung zu kontrollieren. Und unsere Enthaltung bei der Abstimmung über die Renten sollte verhindern, dass die Union den vorher mit der SPD ausgehandelten Kompromiss zum Kippen bringt und das Rentenniveau noch schneller absinkt. Damit haben wir dafür gesorgt, dass 21 Millionen Rentner, von denen jetzt schon jeder 5. in Armut lebt, nicht noch weniger Geld haben.

Rundblick: Wenn Sie also nicht staatstragend sein wollen – was stört Sie an diesem System in der Bundesrepublik, wie wir es haben?

Reichinnek: Wir stören uns am Wirtschaftssystem. Es geht um die Verteilung von Reichtum. Wenn es um die öffentliche Daseinsvorsorge geht, die Bildung, die Wasserversorgung, die Busse und Bahnen, die Gesundheit dann darf das nicht gewinnorientiert laufen, sondern es muss gemeinwohlorientiert sein.

Linken-Fraktionschefin will den „demokratischen Sozialismus“ und nicht zurück zur DDR. | Foto: Lada

Rundblick: Die Daseinsvorsorge vom Staat ohne Markteinfluss – ist das demokratischer Sozialismus?

Reichinnek: Die Ungerechtigkeiten in der Verteilung wollen wir bekämpfen. Das funktioniert mit dem Kapitalismus, wie wir ihn haben, nun aber sehr deutlich nicht. Ja, wir wollen einen demokratischen Sozialismus. Die DDR ist nicht der Sozialismus, an den wir uns orientieren. Als Partei haben wir auch klar mit dem System der DDR gebrochen.

Rundblick: Es gibt ein Problem mit Antisemitismus in der Linkspartei?

Reichinnek: Es gibt in der deutschen Gesellschaft ein Problem mit Antisemitismus – und weil wir Teil dieser Gesellschaft sind, gibt es das auch bei uns. Wo wir es erkennen, gehen wir entschlossen dagegen an. Wenn man den Völkermord der israelischen Regierung an den Palästinensern kritisiert, ist das kein Antisemitismus. Was ich problematisch finde und auch zurückweise, ist der uns oft unterstellte Vorwurf, wir hätten hier ein besonderes Problem. Nein, das haben wir nicht. Palästinasolidarität ist kein Antisemitismus.

Rundblick: Das heißt: Wenn jemand antisemitisch agiert, wird er aus der Linkspartei ausgeschlossen?

Reichinnek: Dafür gibt es Schiedskommissionen, die demokratisch gewählt sind – und in diese Gremien gehört das dann auch.

Rundblick: In diesem Jahr sind mehrere Wahlen, auch in den neuen Bundesländern. Können Sie sich eine gemeinsame Arbeit von CDU und Linkspartei in einer Landesregierung vorstellen?

Reichinnek: Vorstellen kann ich mir das nur sehr schwer, denn die Union und die Linke verbindet wenig. Aber wir werden als Linke alles dafür tun, diese Demokratie zu verteidigen, darauf können die Menschen sich verlassen. Ob das bei der Union genauso ist, da habe ich immer größere Zweifel.

Dieser Artikel erschien am 26.1.2026 in Ausgabe #015.
Klaus Wallbaum
AutorKlaus Wallbaum

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