
Kultusministerin Julia Hamburg hat ihre Pläne für bessere individuelle Lernangebote an Schüler präzisiert. „Wir werden ein Bildungsregister einführen, mit dem anhand einer Schüler-ID jeder Bildungsweg jedes Schülers nachvollziehbar wird“, sagte die Grünen-Politikerin auf dem „Bildungs-Summit 2026“, einer großen Veranstaltung der Unternehmerverbände Niedersachsen (UVN) mit mehr als 200 Teilnehmern. Nach Angaben der Ministerin soll in diesem Register die Schullaufbahn festgehalten werden – einschließlich eines Schulwechsels. „Mir geht es nicht darum, ob der Schüler mal wegen einer 5 in Mathe nachsitzen musste oder in eine Schlägerei verwickelt war. Es geht um die Frage, warum ein Kind die Schule wechseln musste.“ Auf der Basis des Registers könne es dann möglich werden, den Kindern später gezielte und passgenaue Förderungen zuteil werden zu lassen. Wirtschaftsminister Grant Hendrik Tonne (SPD), der per Video zugeschaltet war, unterstützte den Hamburg-Plan: „Ich begrüße das Anliegen ausdrücklich. Wenn es dann zum Konflikt zwischen Datenschutz und Zukunftsinvestition kommen sollte, weiß ich genau, auf welcher Seite ich stehe. Wir brauchen mehr Mut zur Veränderung.“
Die Ankündigung der Kultusministerin basiert auf einem wachsenden Missverhältnis: Einerseits herrscht großer Fachkräftemangel in der Wirtschaft, andererseits verlassen in Niedersachsen jährlich 5900 Schüler die Schule ohne Abschluss. Ein Viertel der Schulabgänger hat Defizite bei Schreiben, Lesen und Rechnen. Hamburg sagte, eine gezielte Datenerfassung der Schüler sei derzeit noch nicht möglich, daher wolle man nun eine neue Schulverwaltungssoftware einführen, in der jeder Schüler zentral gespeichert ist. Diese soll sicherstellen, dass ein Kind nur an einer Schule abgemeldet werden kann, wenn es zuvor an einer neuen angemeldet worden ist. Verlässt ein Schüler die Schule ohne eine anschließende Beschäftigung oder einen Schulbesuch, solle die Jugendberufsagentur eine Nachricht erhalten. Der derzeitige Missstand, dass Schüler doppelt oder dreifach an verschiedenen Schulen gemeldet sind, solle so beendet werden. Nach den Worten der Ministerin ist dies der Auftakt dafür, „wieder in ein Bildungsmonitoring einzusteigen“. Die vor Jahren abgeschafften Vergleichsarbeiten, die den Unterrichtserfolg in einzelnen Schulen anzeigen können, sollten zunächst auf freiwilliger Basis wieder eingeführt werden. Neu sei, dass dies dann komplett digital laufen und den Lehrern schon in kurzer Zeit genaue Angaben über den Unterrichtserfolg in ihren Klassen geben soll. Die Vergleichsarbeiten könnten dann neben den „Lernstandserhebungen“ eine Grundlage dafür bieten, bedürftigen Schülern individuelle Unterstützung zu geben.

Lob für diese Pläne kam in der Veranstaltung vom Wirtschaftsminister. Er betonte die Wichtigkeit eines Schulabschlusses für den weiteren Weg im Berufsleben. Ergänzt werden müsse das durch ein verständnisvolles Elternhaus, das den Schülern Raum für die Entwicklung ihrer Fähigkeiten gibt, und durch eine andere Arbeitsethik. Der Begriff „Work-Life-Balance“ sei widersprüchlich und falsch, denn auch Arbeit könne ein Beitrag für ein erfülltes Leben sein. Wenn er montagmorgens im Radio manche Sendung höre, in der über die lästige Arbeitswoche und die sehnsüchtige Erwartung des Freitags gesprochen werde, empfinde er das als „fürchterlich“.
Die Stuttgarter Bildungsexpertin Dagmar Wolf von der Robert-Bosch-Stiftung warnte vor einer Verschärfung von Lernschwächen, wenn nicht gemeinsame Hilfen von Schule, Elternhaus, Jugendhilfe und anderen vermittelt werden. Aus Unsicherheiten von Schülern folgten Misserfolge, aus gehäuften Misserfolgen wachse die Haltung heraus, selbst „nichts zu können“, und dies wiederum vernichte jede Motivation zum Lernen. Wolf empfahl als Grundeinstellung die Haltung, dass „Fähigkeiten wachsen können“ und nicht schon naturgegeben seien. Im Bildungssystem spricht sie sich für ein elftes Schuljahr aus - als Angebot an jene, die nach Klasse zehn die Schule verlassen. Dieses Jahr könne gezielt zur Entwicklung von Kompetenzen und zur Vorbereitung auf Berufsausbildungen dienen.


