Handel sorgt für Ablehnung durch den Verbraucher
Was die Tiere und auch die Branche wirklich brauchen, ist keine Verlängerung des Status Quo, sondern endlich rechtsverbindliche Wege, wie Tierwohl und Kastration in Einklang gebracht werden können. Lösungen gibt es längst. Zum Beispiel die sogenannte Immunokastration. Dabei wird den Ebern ein Mittel gespritzt, das die Bildung der Geschlechtshormone unterbindet, die schuld daran sind, wenn das Stück Fleisch später in der Pfanne übel zu riechen anfängt. Auch möglich ist es, die Eber einfach Eber sein zu lassen, denn ob der Eber stinkt und sein Fleisch auch, lässt sich in den meisten Fällen schon im Schlachthof feststellen. Dann wird das Tier einfach aussortiert. Dass diese beiden Wege als völlig unpraktikabel gelten, dafür sorgt erfolgreich der Handel. Verbraucher wollten weder stinkendes Fleisch noch welches von Tieren, deren Hormone sich nicht frei entfalten durften, heißt es. Das mag ja sein. Was aber auch nicht vergessen werden darf: Der Handel und die Schlachthöfe haben dadurch Mehrarbeit, die sie sehr gern vermeiden möchten. Unangenehm riechende Schweine kann eine Maschine nicht erkennen, das muss ein Mensch machen. Der aber muss bezahlt werden. Und Eberfleisch gehört gekennzeichnet und muss anders vermarktet werden als normales Schweinefleisch. Der Verbraucher reagiert zu Recht sauer, wenn er erst beim Kochen merkt, dass ihm Eberfleisch untergeschoben wurde. Wenn er sich bewusst für das (tatsächlich) recht kleine Risiko entscheiden kann, dürfte sich seine Empörung in Grenzen halten. Zahlreiche Umfragen bestätigen es immer wieder: Der moderne Konsument hat nahezu keine Ahnung, wie das Schweinefleisch auf seinem Teller entstanden ist. Hier besteht dringender Aufklärungsbedarf, der sich auch in kurzer Zeit umsetzen lässt, ebenso wie Kampagnen zum Eberfleisch.Für den "vierten Weg" müssen Gesetze geändert werden
Dann wäre da noch der sogenannte „vierte Weg“. Er würde es den Landwirten erlauben, nach einer Schulung durch den Veterinär des Vertrauens selbst die Betäubungsspritze ansetzen zu dürfen, bevor dem Ferkel der Hoden abgeschnitten wird. In Dänemark ist das schon gängige Praxis. In Deutschland müssten allerdings das Arzneimittel- und das Tierschutzgesetz geändert werden, um auch nur einen Pilotversuch zu starten. Tierarztverbände sind dagegen, vor allem weil sie befürchten, dass dann die Hemmschwelle auch bei anderen Tierarten fällt und irgendwann das Frauchen ihre Katze selbst kastrieren könnte. Doch unter der Hand erfährt man von Tierärzten aus der Landwirtschaft, dass die ganz froh wären, wenn der Bauer seine Ferkel selbst betäuben würde. Denn bei einem Stall mit tausend Ferkeln ist man eine ganze Weile beschäftigt. Zumal Landwirte in der Regel durchaus in der Lage sind, ihre Tiere auch medizinisch zu behandeln. Und mal ehrlich: Eine nur zur Hälfte wirkende Betäubung ist immer noch besser als gar keine, wie es zurzeit Praxis ist. Drei Möglichkeiten stehen also zur Auswahl, für die man keine zwei Jahre braucht, um sie umzusetzen. Es ist also nicht glaubwürdig für den Tierschutz, wenn man der Branche, die sich selbst bisher so gut wie gar nicht gekümmert hat, nochmal zwei Jahre Zeit gibt, um jetzt endlich mal Lobbyarbeit für den von ihnen gewünschten Weg macht. Statt mehr Zeit braucht es mehr Druck. Druck auf die Lebensmittelkonzerne und die fleischverarbeitenden Betriebe, ihren Kunden das Eberfleisch schmackhaft zu machen. Und Druck auf die Politik, endlich die gesetzlichen Grundlagen für den „vierten Weg“ zu schaffen. Die Glaubwürdigkeit leidet allerdings, wenn einmal gesetzte Fristen immer weiter hinausgeschoben werden. Mail an die Autorin dieses Kommentars
CONTRA: Der Tierschutz ist eines der Themen, über die in Deutschland gern emotional diskutiert wird. Das hilft aber nicht weiter, denn die Landwirtschaft ist nicht zuletzt auch ein wichtiger Wirtschaftszweig, der geschützt werden muss, meint Klaus Wallbaum.
Die Empörung kann man ja verstehen. Seit fünf Jahren war klar, dass von Anfang 2019 an die betäubungslose Kastration von Ferkeln verboten sein würde. Also hatten sie alle Zeit, sich darauf einzustellen: die Landwirte, die wie jede andere Branche ständig schauen müssen, wie sie mit neuesten Verfahren und Innovation am besten am Markt bestehen können, ebenso wie die Politiker, die berufen sind, für die heimischen Bauern die besten Bedingungen zu schaffen. Passiert ist wenig, denn wie so oft haben alle Beteiligten abgewartet und gehofft, die gesetzliche Vorgabe werde sich schon irgendwie in Luft auflösen. Seit kurzem sieht es so aus, als komme das so. Die Koalitionsspitzen von Union und SPD in Berlin haben sich verständigt, das Verbot noch mal um zwei Jahre herauszuschieben – auf Anfang 2021. Noch ist das nicht Gesetz, aber es dürfte so kommen.


