24. Okt. 2021
Soziales

In 86 Prozent der Fälle von sexualisierter Gewalt sind die Täter in der Familie

Die Formen sexualisierter Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen sind vielfältig – und das, was bisher darüber bekannt ist, könne als „Spitze eines Eisbergs“ bezeichnet werden. Das erklärt Julia von Weiler, Sprecherin der Organisation „Innocence in danger“ aus Berlin. Die Psychologin hat jetzt ihre Erkenntnisse vor der Landtags-Enquetekommission zur Verbesserung des Kinderschutzes vorgetragen.

Foto: Gerald (Pixabay)

Ihr Appell an die Abgeordneten in Niedersachsen lautete: „Prävention ist wichtig, ohne Frage. Aber Prävention allein kann nicht helfen. Die Intervention des Staates muss besser werden.“ Sie sprach sich klar dafür aus, die Aufmerksamkeit für Missbrauchsfälle zu steigern – und auch die Eingriffsmöglichkeiten von Polizei und Justiz zu verbessern. Auch der Austausch von Informationen, über Länder- und Behördengrenzen hinweg, müsse unbedingt verbessert werden. Die Helfer, die mit Missbrauchsopfern zu tun haben, müssten ausreichend qualifiziert sein. Als einen Mangel beschrieb sie, dass in 14 der 37 niedersächsischen Landkreise beim Blick auf die Internetseite nicht erkennbar wird, wer ein Ansprechpartner für Fragen der sexualisierten Gewalt gegen Kinder sei. Sie nannte diese 14 Kommunen „leere Landkreise“, da hier wichtige Angebote offenbar fehlten.

Bericht: Bundesweit werden 1,4 Millionen Missbräuche pro Jahr nicht entdeckt

In ihrem Bericht führte Weiler aus, dass nach allen bisherigen Erfahrungen nur ein Prozent aller Fälle von Kindesmissbrauch bei den Jugendämtern und der Polizei bekannt werden. Bei bundesweit bis zu 14.000 gemeldeten Fällen heiße das, dass bis zu 1,4 Millionen Missbrauchstaten bundesweit in jedem Jahr nicht entdeckt würden und damit die Täter auch nicht zur Verantwortung gezogen werden könnten. Das Risiko für die Täter, erwischt und bestraft zu werden, sei also relativ gering. Daneben sei von vielen Mitwissern, die lange geschwiegen haben, im Fall der Aufdeckung von Taten ein immer ähnliches Reaktionsmuster festzustellen: Sie würden die Opfer beschuldigen, dass sie sich nicht selbst früher geäußert hätten. Dabei werde oft unterschlagen, dass die Opfer häufig unter Druck gesetzt oder genötigt werden und zur einer offenen Kommunikation nicht in der Lage sind.

Nach den Erkenntnissen der Kinderschützer, die der Verein „Innocence in danger“ zusammengetragen hat, gehört die Gefährdung für Kinder, Opfer von sexualisierter Gewalt zu werden, inzwischen zu den „Alltagsrisiken“. Der bisherige unabhängige Missbrauchs-Beauftragte der Bundesregierung, Johannes Wilhelm Rörig, habe erklärt, dass in jeder Schulklasse durchschnittlich zwei Kinder säßen, die in irgendeiner Weise davon betroffen seien. Ein Teil betreffe den organisierten Kindesmissbrauch, wie es ihn beispielsweise auf dem Campingplatz im nordrhein-westfälischen Lügde gegeben hat. Was diese Fälle angeht, seien 86 Prozent der Täter entweder die Eltern der Opfer oder andere Familienangehörige wie etwa Onkel. 

„Je später die Kinder mit einem eigenen Smartphone ausgestattet sind, desto besser ist das für ihre Entwicklung.“

Julia von Weiler, Sprecherin der Organisation „Innocence in danger“

Wichtig ist für Weiler eine Verstärkung der Aufklärungs- und Ermittlungsarbeit. Im Netz kursierten derzeit 43 Millionen Abbildungen, die auf sexualisierte Gewalt hindeuten. Im ersten Schritt müsse es darum gehen, herauszufinden, ob sich dahinter Formen von Gewalt verbergen. Sofern das bejaht wird, könne man mit künstlicher Intelligenz zur näheren Auswertung schreiten. Diese Methoden könnten ausgebaut werden, dafür müsse der Staat mehr Geld bereitstellen. Ein besonderes Problem sei auch die sexualisierte Gewalt unter Jugendlichen. In einer Studie von 2017 hatten 52 Prozent der befragten Schüler angegeben, schon einmal sexualisierte Gewalt von Gleichaltrigen erlebt zu haben – oft verbunden mit Drohungen und Erpressungen. Der Drang vieler Jugendlicher, sich im Netz selbst darzustellen, fördere das ebenso wie die Nutzung sozialer Medien. Online-Spiele seien „ein Eldorado für die Täter“, da sie so Zugang zu den Opfern finden könnten. Die Psychologin Weiler meint nun: „Je später die Kinder mit einem eigenen Smartphone ausgestattet sind, desto besser ist das für ihre Entwicklung.“

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #189.
Klaus Wallbaum
AutorKlaus Wallbaum