
Anne Wittenberg sorgte mit ihrem Vortrag immer wieder für spontane Verzückung in den Reihen der Gäste. Die Försterin aus dem niedersächsischen Forstamt Neuhaus berichtete am Dienstagabend beim „naturschutzpolitischen Empfang“ der Grünen-Landtagsfraktion über ihre Fortschritte bei der Renaturierung der Moore im Solling. Die Fotos von Wollgras, Sonnentau oder Moosbeeren begeisterten nicht nur die leidenschaftliche Naturfotografin Anne Kura, die als Fraktionsvorsitzende in den „Speeldeel“ genannten Sitzungsraum der Grünen eingeladen hatte. Auch von den versammelten Naturschützern war immer wieder ein anerkennendes Raunen, gelegentlich sogar Applaus für die Arbeit der Försterin zu vernehmen. Der Effekt sei schön, sagte Wittenberg – aber die Maßnahmen sehen brutal aus. „Wiedervernässung ist radikal“, erläuterte sie. „Viele Maschinen brummen, es ist kostenintensiv und es wird viel Material benötigt.“ Ausgestattet mit anschaulichem Bildmaterial nahm Wittenberg das interessierte Publikum mit in ihren Forstamtsbereich. Insgesamt 30 Moore zählt der Solling, 35.000 Hektar, fast komplett in Landesbesitz. Eigentlich hervorragende Bedingungen um das umzusetzen, was sich die rot-grüne Landesregierung vorgenommen hat: Die kohlenstoffreichen Moorböden wieder in ihren ursprünglichen feuchten Zustand zurückbringen, damit sie künftig wieder Kohlenstoff speichern statt ihn in die Atmosphäre abzugeben – und zugleich wieder artenreiche Landschaften schaffen, wo seit Jahrzehnten ökonomisch wertvoller Fichtenwald dominiert.
Torfabbau, Salzgewinnung und Glasherstellung haben die Natur im Solling verändert, der Boden wurde systematisch entwässert. Försterin Anne Wittenberg macht das nun mit schwerem Gerät wieder rückgängig. Die Hanglage macht das Unterfangen nicht einfacher. Mitunter hat sie für das höhere Ziel der intakten Moorböden sogar Naturwald abholzen müssen – ein Vorgang, der in den Reihen der Naturschützer beim Grünen-Empfang auch für Irritation gesorgt hat. Wittenberg verteidigt den Schritt aber. Es sei wichtig, das „richtig zu machen“. Am Anfang ihrer Arbeit stehe deshalb immer die landschaftsökologische Systemanalyse: Wie sieht der Wasserhaushalt aus? Wie hängen die Kanäle und Bachläufe zusammen? Schließlich rückt sie mit dem Bagger an und verschließt jeden einzelnen der vielen, vor Jahrzehnten händisch angelegten Gräben wieder. Die Spalten werden mit Mineralboden oder Sägespäne verfüllt, mitunter geschichtet wie ein Sandwich, damit das natürliche Strömen des Wassers wieder möglich wird. Kammern dürfen dabei nicht bestehen bleiben, weil bei Starkregen oder Schneeschmelze sonst Erosion droht. Das Ergebnis überzeugt Wittenberg und die geladenen Naturschützer. „Wir schaffen wunderschöne Lebensräume“, sagt sie und berichtet vom Kranich, der wieder im Solling brütet, und neu erschienenen Bachläufen, die man nur noch von alten Landkarten her kannte.
Trotzdem ist Anne Wittenberg noch nicht zufrieden. „Seit 2012 haben wir bisher nur 60 Prozent der Moore wiedervernässt“, sagt sie hörbar enttäuscht. Unter den Gästen kann man ein gemurmeltes „Immerhin“ heraushören, die Försterin scheint aber ungeduldig. „Wir sind motiviert, haben das Knowhow und die Pläne“, sagt sie und fügt an: „Aber an manchen Stellen hapert es noch.“ Dass die Förderprogramme des Landes den Landeswald ausschließen, sei ein wesentliches Hemmnis. Außerdem seien die Eigenanteile, die man zur Co-Finanzierung der Landesförderung aufbringen muss, sehr hoch. Darüber hinaus werden die langfristigen Folgekosten nicht gefördert: das vorgeschriebene Monitoring für die folgenden 20 Jahre nach der Wiedervernässung, die Übergangspflege oder der Nutzungsverzicht. Und dann fehlt einfach das Personal. „Im Solling ist genau eine Person für den Naturschutz zuständig“, sagt Wittenberg, und meint sich selbst. Sie sei allerdings im sechsten Monat schwanger und werde deshalb im kommenden Jahr beruflich ausfallen und in dieser Zeit keine Projekte mehr umsetzen. Die Aufgabe sei aber nicht trivial, Torf müsse erkannt, Maschinen gelenkt werden. Das kann nicht jeder, will sie sagen. Auf 24 Forstämter bei den niedersächsischen Landesforsten kämen lediglich 17 Stellen für den Naturschutz. Beim anwesenden Umweltminister Christian Meyer (Grüne) sowie den Mitgliedern der Grünen-Fraktion dürfte Wittenberg damit offene Türen eingerannt haben. Finanzminister Gerald Heere, ebenfalls von den Grünen, wurde an dem Abend nicht gesehen.


