Digitalisierung: Mehr Komfort bezahlen wir mit mehr Daten
„Haben wir eigentlich noch alles unter Kontrolle?“, wurde vor einer Woche anlässlich des „Safer Internet Days“ vielfach gefragt. Eine Woche später ist die Sicherheit im Netz bei den meisten wieder aus den Augen und aus dem Sinn. Die Gefahren sind aber nach wie vor präsent. Ein Kommentar von Martin Brüning.
Haben wir noch genau im Blick, wo wir überall unsere Kreditkartendaten hinterlegt haben? Eher nicht. Warum wir dem Online-Banking vertrauen? Weil noch nie etwas passiert ist. Und wo landen eigentlich unsere Gesprächsdaten der neuen smarten Sprachassistenten in den Wohnzimmern? Wissen wir auch nicht so genau. Die schöne neue Welt des Internets begeistert uns alle so sehr, dass die möglichen Gefahren häufig ein wenig in den Hintergrund rücken. Anders ist es nicht zu erklären, dass Passwörter wie „Passwort“, „1234“ oder „hallo“ immer noch wesentlich häufiger genutzt werden, als man annehmen sollte.
Wo es uns bereits an Sensibilität mangelt, ist die Herausforderung für die Kinder noch ungleich größer. Dass ein Foto auf Instagram nicht privat bleiben muss, nur weil man in dem sozialen Netzwerk den privaten Modus eingeschaltet hat, müssen einige erst schmerzhaft lernen, wenn das Bild schon in der Welt ist. Auch mit dem Gruppendruck, der im Messenger-Dienst WhatsApp entstehen kann, muss man umzugehen lernen. Und auf Youtube finden Kinder und Jugendliche Filme, die alles andere als für sie geeignet sind. Zugleich gehören die oben aufgezählten Medien für die große Mehrheit inzwischen zum Alltag. Fast 90 Prozent der 12- und 13-Jähigen nutzen WhatsApp, mehr als zwei Drittel YouTube. Und die Hälfte aller 14- und 15-Jährigen ist auf Instagram aktiv.
Ein neues Schulfach zum Datenschutz und zur Mediennutzung wird weder uns noch unseren Kindern weiterhelfen. Stattdessen ist der Umgang mit dem Internet ein fächerübergreifendes Thema. Es sollte – egal in welchem Schulfach - eben nicht nur lapidar auf Wikipedia verwiesen werden, wenn es um die Suche nach Informationen geht. Wie serös ist eine Quelle? Wie kann man Halb- und Unwahrheiten erkennen? Lehrer können in jedem Fach darauf aufmerksam machen, dass man nicht blauäugig jeder Information auf jeder Internetseite trauen kann.
Auch die Eltern nehmen eine wichtige Rolle ein, und dabei müssen viele Erwachsene zunächst einmal bei sich selbst anfangen, um ein gutes Vorbild zu sein. Wie so oft hilft in vielen Fällen der gesunde Menschenverstand. Wer im Internet ohne zu hinterfragen auf jeden sich bietenden Link klickt, geht automatisch ein hohes Risiko ein. Wer auf WhatsApp pöbelt und bei einer Party ein Bild von sich selbst im angetrunkenen Zustand mit Bierglas in der Hand auf Facebook stellt, muss sich nicht wundern, wenn die eigenen Kinder irgendwann genauso handeln. Wir können nicht alles durchschauen, was sich hinter der schönen neuen Online-Welt verbirgt, aber wir können zumindest mit gesundem Menschenverstand selbst Grenzen setzen.
Die Entwicklung ist derweil erst am Anfang. Die Menge der Daten wächst exponentiell. Die weiteren Entwicklungen der Digitalisierung werden uns das Leben im Alltag einfacher machen, den Datenschutz aber vor noch größere Herausforderungen stellen. Durch die Waschmaschine, die online selbst Nachschub bestellt, wird erfasst, ob wir einen Sauberkeitsfimmel haben oder zur Schmuddeligkeit neigen. Das selbstfahrende Auto weiß, wann wir wohin fahren. Und durch die Daten des digitalen Kühlschranks lässt sich ziemlich genau errechnen, ob auf unsere Krankenkasse durch ungesunde Ernährungsgewohnheiten höhere Kosten zukommen.
Wir werden immer wieder neu abwägen müssen: Mehr Komfort werden wir mit mehr Daten bezahlen. Unser Leben wird mit hoher Wahrscheinlichkeit bequemer. Sicherer wird es nicht.
Mail an den Autor dieses KommentarsDieser Artikel erschien in Ausgabe #29.