2. Okt. 2026
TagesKolumne

Zwischen Hopfen und Bangen

In Niedersachsen reißen die Hiobsbotschaften nicht ab, doch ein neues Forschungsprojekt lässt wieder frischen Mut schöpfen. Klingt perfekt – hätte die Sache nicht einen Haken.

Die Woche nach der Stichwahl ist eine Woche der Hiobsbotschaften für Niedersachsen: Die Inflation erreicht den höchsten Stand seit fast drei Jahren, in Salzgitter schließt eines von nur zwei Krankenhäusern, Pommes-Riese McCain sagt eine geplante Milliardeninvestition im Landkreis Peine ab und bei Volkswagen schaukeln sich Vorstand und Gewerkschaft gegenseitig hoch, statt gemeinsam einen Weg aus der Krise zu suchen. Selbst das Deutschlandticket wird teurer. Man möchte sich die Lage gern schöntrinken, aber auch dafür werden die Rahmenbedingungen zunehmend schwieriger – die Braunschweiger Traditionsbrauerei Wolters soll zum Jahresende schließen.

Doch gestern Mittag erreichte uns eine Nachricht der Hochschule Hannover, die uns wieder an Innovations- und Wirtschaftsstandort Niedersachsen glauben lässt: Dort ist ein Forschungsprojekt zum klimafreundlichen Bierbrauen gestartet. „Ziel ist es, ein nachhaltiges Energiesystem zu entwickeln, das den für den Brauprozess benötigten Wasserdampf künftig weitgehend ohne fossile Energieträger erzeugt“, heißt es in der Mitteilung.

Projektleiter Lutz Meyer (rechts) und Torben Salm wollen mit Wärmepumpentechnologie und Solarenergie das Bierbrauen klimafreundlich machen. | Foto: HsH

Die dazugehörige Pilotanlage wird allerdings nicht im Braunschweiger Hofbrauhaus aufgebaut, sondern in der Brauhalle auf Norderney. Mit Solarmodulen und Batteriespeicher deckt die Insel-Brauerei bereits mehr als 60 Prozent ihres Energiebedarfs selbst. Vermutlich gab das den Ausschlag für die Standortwahl. Vielleicht ist es auch eine reine Vorsichtsmaßnahme: Falls das Ding in die Luft fliegt, fehlt hinterher nur eine von sieben ostfriesischen Inseln und nicht gleich die zweitgrößte Stadt Niedersachsens.

Das Forschungsprojekt namens „RenewBrew“ läuft noch bis Ende 2028. Zumindest beim Bier rückt die Erfüllung der Klimaziele also in greifbare Nähe. Doch die Sache hat einen Haken, denn das Norderneyer Brauhaus verfolgt eine eiserne Maxime: „Es gibt keinen Export des Bieres aufs Festland.“ Wer es trinken will, muss auf die Insel kommen.

Das ist mal wieder typisch. Kaum gibt es hierzulande eine gute Idee, stellt sich auch schon heraus: Es ist nur eine Insellösung.



Und während auf Norderney am klimafreundlichen Bier gefeilt wird, gibt es auf dem niedersächsischen Festland noch ganz andere Probleme. Wir berichten heute im Rundblick über:

  • Ermittlungen im Landtag: Wieder wird die Staatsanwaltschaft Hannover im Fall eines hochgestellten Politikers aktiv. Die Immunität von SPD-Landtagsfraktionschef Stefan Politze soll aufgehoben werden.


  • Geldverschwendung mit System: Der Bund der Steuerzahler listet Fälle von Verschwendung auf. Oft hätten Kommunen Fördergelder kassiert und fragwürdige Projekte begonnen, deren Kosten ausuferten.


  • Die Angst vorm Formfehler: Fachleute schildern, wie Kommunen trotz gewährter Freiheiten oft zu zögerlich entscheiden. Dahinter steckt die Angst, bei Bauprojekten etwas falsch zu machen.


  • Personen & Positionen: Jan Hackenberg, Marco Prietz und Hans-Joachim Lenke.

Ein möglichst klimaneutrales Feierabend-Bier trinkt auf Ihr Wohl
Ihr Christian Wilhelm Link

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #172.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link
Zwischen Hopfen und Bangen | Rundblick Niedersachsen