30. Sept. 2026
MeldungWirtschaft

Katerstimmung beim Landvolk: Wenn selbst der Pommes-Riese aus Deutschland fernbleibt

McCain sagt Milliarden-Investition in Mehrum ab: Trotz 60 Millionen Euro Förderzusage zieht der Konzern die Reißleine. Nun richtet sich der Blick auf ein geplantes Rechenzentrum.

Kartoffeln gibt es in Niedersachsen mehr als genug, weshalb das Aus für die McCain-Pommes-Fabrik bei den Landwirten für Verdruss sorgt. | Foto: Silvio Quick via Getty Images

Die Serie verpatzter Industriegroßansiedlungen in Norddeutschland setzt sich fort: Erst fror Intel sein Halbleiterprojekt in Magdeburg ein, dann platzten die Batteriefabrikpläne von Northvolt in der Heide – und nun zieht McCain in Mehrum (Landkreis Peine) die Reißleine. „Nach einer umfassenden Überprüfung der Wettbewerbsfähigkeit und wirtschaftlichen Tragfähigkeit des Projekts hat das Unternehmen entschieden, die geplante Investition in ihrer derzeitigen Form zum aktuellen Zeitpunkt nicht weiterzuverfolgen“, erklärt ein Unternehmenssprecher auf Rundblick-Anfrage. Auf dem Gelände des ehemaligen Kohlehafens am Mittellandkanal wollte der kanadische Weltmarktführer bis zu eine Milliarde Euro investieren und rund 650 Arbeitsplätze schaffen. Es wäre das erste deutsche Produktionswerk des Konzerns geworden, der in Europa bislang in Frankreich, Belgien, Polen und den Niederlanden produziert. Die Pläne waren bereits weit fortgeschritten: Erst im Mai dieses Jahres beantragte McCain die Genehmigung für den Bau der Kartoffelanlieferung, der Sortieranlage und des ersten Abschnitts für das Tiefkühllager. Ab 2028 sollten hier täglich hunderte Tonnen Pommes frites vom Band rollen. Das Aus ist ein schwerer Rückschlag für den Strukturwandel auf dem alten Kraftwerksgelände, wo bis April 2024 noch Kohle in Strom umgewandelt wurde.

Zur Begründung für den Rückzieher verweist McCain auf den Gesamtmarkt: „Diese Entscheidung spiegelt die aktuellen Marktbedingungen in Europa wider, darunter einen erheblichen Anstieg der Projektkosten infolge der Inflation, Überkapazitäten bei verarbeiteten Kartoffelprodukten sowie eine schwächere Nachfrage in wichtigen Märkten.“ Wirtschaftsminister Grant Hendrik Tonne (SPD) und Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte (Grüne) bezeichneten die Entscheidung als „sehr bedauerlich“. Am politischen Engagement der Landesregierung hat es indes nicht gelegen: Schon als damaliger Wirtschaftsminister hatte der heutige Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) das Vorhaben persönlich begleitet und angeschoben. Tonne führte diesen Kurs nahtlos fort und schnürte gemeinsam mit dem Bund ein Förderpaket von knapp 60 Millionen Euro, um die Ansiedlung am Mittellandkanal attraktiv zu machen. Ausgezahlt wurde davon allerdings noch nichts – die Mittel verbleiben nun in der Staatskasse. McCain bestätigt die gute Zusammenarbeit mit den niedersächsischen Akteuren. Doch offenbar hat derzeit auch eine mit zweistelligen Millionenbeträgen subventionierte Industrieansiedlung in Norddeutschland keine dauerhafte Perspektive.

Das ehemalige Kohlekraftwerk in Mehrum wird erst mal kein McCain-Standort. Dafür werden dort Energieprojekte umgesetzt. | Foto: Link

Beim Landvolk sitzt der Schock nach dem McCain-Aus tief, schließlich verlieren die Ackerbaubetriebe zwischen Hildesheim, Peine, Braunschweig und Hannover damit einen potenziellen Großabnehmer. Nach dem Aus für die Erbsenproteinfabrik von Nordzucker in Groß Munzel (Region Hannover) ist es bereits das zweite gestoppte Großprojekt der Ernährungsindustrie in der Region, weshalb die Landwirte bessere Rahmenbedingungen fordern. „Marktpreise sind das eine, aber unsere selbst gemachten Kosten sind das andere“, sagt Karl-Friedrich Wolff von der Sahl. Der Vorsitzende des niedersächsischen Landvolks im Braunschweiger Land fordert: „Wir müssen dringend an unserer Wettbewerbsfähigkeit auch bei der Ansiedlung von Industrieanlagen arbeiten. Es ist wichtig, dass solche Ansiedlungen wieder möglich gemacht werden.“ Zudem litten auch Mühlen, Mälzer und Brauereien unter dem wirtschaftlichen Druck oder gäben auf – wie jüngst das Hofbrauhaus Wolters in Braunschweig, das zum Jahresende die Bierproduktion einstellen wird. „Das Land muss jetzt die Initiative ergreifen und die Kostenstrukturen für den Betrieb und neue Investitionen sowohl für die Landwirtschaft als auch für die verarbeitende Industrie deutlich senken“, sagt Wolff von der Sahl. Ohne Reformen des Bau- und Immissionsrechts sieht er die Versorgungssicherheit in Gefahr.

In der Kommunalpolitik ist die Enttäuschung ebenfalls groß: Hohenhamelns Bürgermeister Uwe Semper, Peines Rathauschef Klaus Saemann und Landrat Henning Heiß (alle SPD) erfuhren nach eigenen Angaben erst am Dienstag durch McCain-Vizepräsident Charlie Angelakos vom Aus. „Eine Ansiedlung in dieser Größenordnung wäre ein bedeutender Impuls gewesen und hätte die wirtschaftliche Entwicklung des gesamten Landkreises nachhaltig gestärkt“, erklärten die Kommunalpolitiker, die zugleich Verständnis für die wirtschaftlichen Gründe des Konzerns äußerten. Komplett gestorben ist der Standort für McCain allerdings nicht: Das Unternehmen bleibt Eigentümer des Geländes und prüft nach Rundblick-Informationen eine andere industrielle Nutzung. Wirtschaftsminister Tonne will sich weiter für eine Ansiedlung starkmachen: „Die Tatsache, dass McCain bereits erheblich in den Standort investiert hat, zeigt, wie vorteilhaft die Rahmenbedingungen sind. Vor diesem Hintergrund bleibt Mehrum als geeigneter Standort im Spiel und wird in den weiteren Gesprächen mit dem Unternehmen eine gewichtige Rolle spielen.“

Vor Ort rückt unterdessen ein anderes Milliardenprojekt in den Vordergrund: Der Berliner Projektentwickler Telis Energie, hinter dem US-Großinvestor Carlyle steht, plant im Mehrumer Industriegebiet „Ackerköpfe“ ein Rechenzentrum für Cloud-Dienste und Künstliche Intelligenz. Rund eine Milliarde Euro soll der Komplex mit sechs Gebäuden und einer Anschlussleistung von 300 Megawatt kosten. Während McCain bis zu 650 Arbeitsplätze schaffen wollte, sollen im laufenden Betrieb des Rechenzentrums allerdings nur 50 bis 80 Stellen entstehen. Damit die Menschen in Mehrum von der Ansiedlung profitieren, fordert der Ortsrat, die Serverabwärme zur Versorgung des örtlichen Schwimmbads zu nutzen. Ob sich darüber hinaus weitere Gebäude oder der gesamte Ort mit Wärme versorgen lassen, soll geprüft werden.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #171.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link