(rb) Gewalttaten hinterlassen tiefe Spuren. Neben den oft ein Leben lang traumatisierten Opfern und den betroffenen Angehörigen auf beiden Seiten nimmt auch die Gesellschaft insgesamt Schaden etwa durch ein gesteigertes Gefühl der subjektiven Bedrohung. Die Idee von einer Justiz, die gemeinsam mit den direkt und mittelbar Beteiligten nach Lösungen sucht, um die Gerechtigkeit und den Rechtsfrieden wiederherzustellen und Wege der Wiedergutmachung über das Verbüßen von Haftstrafen hinaus, etwa durch ehrenamtliches Engagement, zu eröffnen („Restorative Justice“), nimmt jetzt auch in Niedersachsen Gestalt an.
Seit ihrem Amtsantritt treibt Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz unter diesem Blickwinkel das Thema „Opferorientierung“ voran: Bereits zu Beginn des Jahres 2013 haben das Innen-, Kultus-, Sozial- und Justizministerium eine Opferschutzkonzeption der Landesregierung erarbeitet. Im Justizministerium wurde die Fachstelle Opferschutz (FOS) im Landespräventionsrat Niedersachsen unter Leitung der ehemaligen Staatsanwältin Dagmar Freudenberg eingerichtet. Ziel der Fachstelle ist es, allen Betroffenen von Straftaten und deren Angehörigen einen sicheren „Zugang zum Recht“ zu verschaffen sowie Möglichkeiten aufzuzeigen, wie die Folgen einer erlittenen Straftat gemildert und ausgeglichen werden können. Das setzt voraus, dass Betroffene sich einfach und schnell über die wichtigsten Fragen informieren können. Dafür bietet die Internetseite www.opferschutzniedersachsen.de einen guten Einstieg.
Die unter dem Dach des Justizministeriums angesiedelte Stiftung Opferhilfe hat Informationsblätter und Formulare entwickelt, die Betroffenen dabei helfen, ihr gesetzlich verbrieftes Auskunftsrecht gegenüber Staatsanwaltschaften und Justizvollzugsanstalten, etwa über den Haftverlauf des Täters, auszuüben. Auf Antrag werden die Opfer benachrichtigt, wenn der Täter Ausgang oder Urlaub hat oder ob ein Kontaktverbot verhängt wurde. An elf Standorten ist die Stiftung mit Regionalbüros vertreten, in denen Sozialarbeiter/innen oder Sozialpädagogen/innen beratend tätig sind. Als erstes Bundesland hat Niedersachsen außerdem ein Fortbildungsmodul für die psychosoziale Prozessbegleitung entwickelt. In Kürze stehen die ersten speziell geschulten 27 Begleiter/innen zur Verfügung, die die Opfer auf Vernehmungen und Prozesse vorbereiten und diese dabei psychisch stärken können.
Mit der Einrichtung der Projektgruppe „Opferorientierung im Justizvollzug“ im Juli 2015 unter Federführung von Dr. Susanne Jacob, Leiterin der Sozialtherapeutischen Abteilung der JVA Uelzen, soll auch der Justizvollzug stärker als bisher an den Bedürfnissen der Opfer ausgerichtet und mit der Resozialisierung der Täter verknüpft werden. Die Opferorientierung soll zum Gestaltungsmerkmal des Justizvollzuges werden: Künftig sollen Informationen über die Tatsituation, das Opfer und die Einstellung des Täters zum Opfer systematisch erfasst werden und die Grundlage für die Maßnahmen im Vollzug bilden. Ziel ist es u.a., ungewollten Begegnungen von Tätern und Opfern bei Ausgängen und Urlauben entgegenzuwirken. Künftig sollen Justizvollzugsanstalten und Opferhilfeeinrichtungen wie z.B. der Weiße Ring und die Stiftung Opferhilfe enger kooperieren und ein landesweites Netzwerk bilden.
In einem Pilotprojekt soll zudem die Möglichkeit sogenannter Zirkelgespräche ausgelotet werden: In Gruppengesprächen bekommen Tatopfer, Täter und andere von der Straffälligkeit betroffene Personen die Gelegenheit, über ihre Erfahrungen zu berichten und einander zuzuhören. Die Leiterin der Justizvollzugsabteilung im Justizministerium, Christiane Jesse, die jahrzehntelange Erfahrung mit „schweren Jungs“ gesammelt hat, verweist u.a. auf erfolgreiche Initiativen im belgischen Strafvollzug. Dabei habe sich gezeigt, dass für beide Seiten die Chance bestehe, die eigenen Perspektiven zu erweitern: Die Opfer könnten von ihren Ängsten und ihrer Wut erzählen und hätten die Möglichkeit, Straftätern zuzuhören, die sich mit der Verantwortung für ihr Handeln auseinandergesetzt haben. Gefängnisseelsorge und externe Träger der Opferhilfe werden dieses Pilotprojekt in Niedersachsen gemeinsam gestalten. „Wir sind Experten im Umgang mit Tätern, für die Opfer aber so etwas wie ein geschlossenes System“, räumt Jesse ein. Das soll sich jetzt ändern. briDieser Artikel erschien in Ausgabe #204.