(rb) Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt arbeitet die von Ministerpräsident Stephan Weil während des Philologentags 2015 in Aussicht gestellte „Entrümplungsaktion“ termingerecht ab: Vom 1. bis zum 25. Juni können sich die mehr als 90 000 Lehrkräfte, Schulleiter/ innen sowie pädagogischen Mitarbeiter/innen an den allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen des Landes freiwillig und anonym an einer Online-Befragung beteiligen, die das Zentrum für Angewandte Gesundheitswissenschaften der Leuphana Universität Lüneburg unter Leitung von Prof. Dr. Peter Paulus im Auftrag des Kultusministeriums entwickelt hat. In die Vorbereitung waren das Ministerium, die nachgeordnete Kultus-Verwaltung sowie die Bildungsverbände und -gewerkschaften eingebunden – mit Ausnahme der GEW, die sich verweigert hatte.
Der Titel der Online-Befragung, „Mehr Zeit für Gute Schule“, könnte ein wenig in die Irre führen: Es geht explizit nicht um die Abfrage, wieviel Zeit für bestimmte Tätigkeiten im Schuldienst benötigt wird, sondern welche Aufgaben im Arbeitsalltag als besonders herausfordernd oder belastend empfunden werden. Die Beantwortung des Fragebogens am Computer soll 30 bis 40 Minuten dauern. Die Zielgruppen können insgesamt 58 Tätigkeiten in sechs Arbeitsfeldern – Unterricht, Inklusive Bildung, Sprachförderung und interkulturelle Bildung, Ganztag, Zusammenarbeit, Schule leiten und verwalten – bewerten. Dabei besteht für die Befragten die Möglichkeit, in einer Viererstufung anzukreuzen, wie häufig sie mit der jeweiligen Aufgabe befasst sind, in welchem Maß sie die entsprechenden rechtlichen Vorgaben bzw. die an sie gestellten Erwartungen nachvollziehen können, für wie nützlich sie eine bestimmte Aufgabe für ihre pädagogische Arbeit halten, in welchem Maß sie dabei geeignete Unterstützung durch Landesbehörden, aber auch durch die eigene Schule bekommen und ob sie diese oder jene Aufgabe gut bewältigen können. Zudem soll es die Möglichkeit geben, Verbesserungsvorschläge zu formulieren.
Es gehe ihr um einen differenzierten Blick auf die Belastungserfahrungen und um Entlastungsfaktoren, betonte die Kultusministerin am Dienstag erneut. Ziel sei es, Tätigkeiten zu identifizieren, die eine Anpassung oder Bündelung erforderten oder mehr Unterstützung bedürften. Am Ende soll es Antworten auf die Frage geben, wo das Ministerium und die Schulverwaltung (noch) besser werden könnten, damit die Pädagogen „mehr Zeit für gute Schule“ haben. Bis Ende August wollen die Lüneburger Wissenschaftler erste Ergebnisse an das Ministerium rückmelden. Die detaillierte Auswertung wird aber erst im kommenden Jahr fertig sein. Die Ergebnisse werden mit Grundlage für Entscheidungen sein, wo und auf welche Weise Entlastung der Lehrkräfte im Schulalltag geschaffen werden kann. Zusätzlich sollen weitere Erkenntnisse in eine differenzierte Analyse des Arbeitsplatzes Schule einfließen. Dazu gehören u.a. die Befragung von Schulleitungen durch die Landesschulbehörde aus dem Jahr 2012, eine Online-Befragung aller Grundschullehrkräfte zum Umgang mit den Kerncurricula für die Umsetzung der Eigenverantwortlichen Schule durch das Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung (2010 bis 2012), eine Untersuchung zu Auswirkungen der Bildungsregion auf Schule (2015) sowie die wissenschaftliche Begleitung des Schulinspektionsverfahrens und Vergleichsarbeiten VERA (bis April 2016).
Im Vorfeld der Online-Befragung hatte Heiligenstadt noch beteuert, dass es angesichts des größten Kultushaushalts in der Geschichte Niedersachsens keinen weiteren Spielraum für eine Reduzierung der Unterrichtsverpflichtung oder für mehr Ausgleichsstunden gebe, sondern durch „weniger Papierkram“ mehr Zeit für guten Unterricht generiert werden soll. Allerdings wird wohl noch in diesem Jahr eine weitere Expertenrunde auf Landesebene einberufen, die sich mit der Arbeitszeit von Lehrkräften befasst. Seit dem Debakel um die eine Stunde Mehrarbeit an Gymnasien zum Schuljahr 2014/15, das im Sommer 2013 zu landesweiten Protesten und Großdemonstrationen geführt hatte, bis das Oberverwaltungsgericht Lüneburg die entsprechende Verordnung im Juni 2015 „kassierte“, lassen die GEW, der Philologenverband und die anderen Lehrerverbände erst recht nicht locker: Sie fordern u.a. eine deutliche Arbeitszeitentlastung für die Lehrkräfte. Der Druck auf die Ministerin wird sich erhöhen, wenn die GEW am 1. August die Ergebnisse einer minutengenauen Arbeitszeiterfassung vorlegt, die fast 3000 Lehrer/innen an 250 Schulen in Niedersachsen seit April 2015 ein Jahr lang durchgehalten haben. briDieser Artikel erschien in Ausgabe #104.