(rb) Das Thema „Arbeitszeit von Lehrkräften an niedersächsischen Schulen“ ist noch lange nicht erledigt, obwohl Kultusministerin Frauke Heiligenstadt die 2013 verordnete Stunde Mehrarbeit für Gymnasiallehrer/innen längst zurückgenommen hat und neuerdings mit der Lehrerschaft über deren zeitliche und sonstige Belastung ernsthaft sprechen will. Davon unbeeindruckt treiben Philologenverband und GEW ihre eigenen Arbeitszeiterhebungen voran und arbeiten unverdrossen an ihren Forderungskatalogen zur Neudefinition. Daran wird auch die aktuelle Arbeitszeitverordnung für verbeamtete Lehrkräfte an öffentlichen Schulen nichts ändern , mit der das Kabinett am Dienstag die Erhöhung der wöchentlichen Unterrichtsverpflichtung vom 1. August 2014 von 23,5 auf 24,5 Wochenstunden an Gymnasien und anderen Schulen mit entsprechenden Angeboten jetzt auch formell „beerdigt“ hat. Auch der bereits im Vorgriff geregelte Ausgleich für die zu viel geleisteten Stunden durch ein Arbeitszeitkonto und die 700 Lehrkräfte, die nach der Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts vom Juni bereits zur Kompensation eingestellt wurden, ändern nichts an der Überzeugung der Lehrerverbände, dass ihre Klientel zu viel unterrichtet und über die Maßen von weiteren Aufgaben belastet ist.
GEW-Landeschef Eberhard Brandt und seine Stellvertreterin Laura Pooth erläuterten jetzt vor Journalisten in Hannover, wie die Bildungsgewerkschaft die Belastung für die an den Schulen Beschäftigten senken will: Die Regelstundenzahl für Lehrkräfte wird an allen Schulen auf maximal 22 Stunden begrenzt, zu allererst an Grund- und Hauptschulen. Das nichtlehrende Personal bekommt ein Drittel der Arbeitszeit als Vor- und Nachbereitung anerkannt. Die Zug um Zug geschrumpften Entlastungsstunden werden wieder deutlich aufgestockt – vornehmlich in der Primarstufe – und den Schulen zur eigenen Verwendung überlassen. Vierzügige Gymnasien brauchen mindestens sieben zusätzliche Vollzeitstellen zur Entlastung, gleich große Integrierte Gesamtschulen dagegen 14, meint Brandt. Die Größe der Lerngruppen muss sinken, deren Doppelbetreuung Standard werden, jede Klasse ein multiprofessionelles Team haben, jede Schule Sozialarbeiter/innen. Der Ganztag soll zügig mit 100 Prozent Personal ausgestattet werden, die sonderpädagogische Grundausstattung pro Klasse von zwei auf fünf Stunden erhöht werden – auch in der Sekundarstufe I –, die Unterrichtsversorgung um mindestens vier bis fünf Prozent steigen. 2000 bis 3000 neue Stellen seien dafür bestimmt notwendig, schätzt die GEW-Spitze.
Als Belastungsfaktoren, die abgebaut werden müssen, bewertet die Lehrergewerkschaft u.a. Vorgaben durch Rechtsvorschriften und zusätzliche Aufgaben, die Schulinspektion, aber auch Vergleichsarbeiten, die Auswirkungen der „autoritären Schulverfassung“ sowie schulinterne Entwicklungskonzepte. Natürlich gehört dazu auch die Weigerung der Landesregierung, die versprochene zweite Stunde Altersermäßigung zu gewähren. Hier fordert die GEW einen verbindlichen Stufenplan zur Wiedereinführung. Gleichwohl nehme die Gewerkschaft das Gesprächsangebot der Kultusministerin über die Arbeitszeit der Lehrkräfte an. Danach werde der Landesvorstand prüfen, ob eine Kampagne zur Entlastung geführt werden soll. Auf jeden Fall will die GEW den Abbau von Belastungen und die Senkung der Unterrichtsverpflichtung sowie die damit verbundene Forderung nach zusätzlichen Stellen „mit höchster Priorität“ in den Personalratswahlkampf und in den Landtagswahlkampf 2017 einbringen, kündigte Brandt an. Nach den Sommerferien 2016 sollen zunächst die Ergebnisse der von der Universität Göttingen betreuten Arbeitszeitstudie vorgestellt werden, an der sich nach Angaben der GEW mehr als 4000 Lehrer/innen an 160 niedersächsischen Schulen beteiligen. briDieser Artikel erschien in Ausgabe #223.