31. Aug. 2026
MeldungWirtschaft

„Zu viele Anlaufstellen“: Niedersachsen will Fachkräfteeinwanderung weiter vereinfachen

IHKs und Behörden wollen Fachkräfte schneller nach Niedersachsen holen. Doch die neue Zusammenarbeit ist für die Beteiligten erst ein Zwischenschritt.

Der demografische Wandel setzt den niedersächsischen Arbeitsmarkt unter Zugzwang. In den kommenden zehn bis zwölf Jahren dürften im Land rund 800.000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte in den Ruhestand gehen – sie gehören zu den geburtenstarken Jahrgängen der Babyboomer. „Wir brauchen ausländische Fachkräfte, denn die demografische Lücke werden wir nicht allein durch inländische Potenziale füllen können“, sagt Johannes Pfeiffer, Chef der Regionaldirektion Niedersachsen-Bremen der Bundesagentur für Arbeit. Bundesweit wird der Beschäftigungszuwachs bereits seit 2024 ausschließlich von ausländischen Beschäftigten getragen. „Ohne diese gibt es kein Wachstum in Deutschland“, sagt Pfeiffer. Gleichzeitig konkurriert Deutschland um Menschen, die auch anderswo arbeiten könnten. Für eine Fachkraft etwa aus Indien oder Kolumbien sei Niedersachsen nicht unbedingt die erste Adresse. „Deswegen ist es so wichtig, dass wir uns im Wettbewerb gut aufstellen.“

Einen Hebel sehen Arbeitsagentur und Wirtschaft bei den Einwanderungsverfahren. Die sieben niedersächsischen Industrie- und Handelskammern, die Landesaufnahmebehörde Niedersachsen (LAB NI) und die Bundesagentur für Arbeit haben dazu eine Kooperationsvereinbarung für das beschleunigte Fachkräfteverfahren geschlossen. Die IHKs sollen Unternehmen künftig beraten und deren Unterlagen auf Vollständigkeit prüfen, bevor sie an die Zentralstelle bei der LAB NI in Osnabrück gehen. „Es soll nicht das Problem der Unternehmen sein, sich die benötigten Informationen zu beschaffen“, sagt Pfeiffer. LAB-NI-Präsident Klaus Dierker sieht vor allem bei unvollständigen Anträgen Zeitverluste: „Jede Rückfrage kostet Zeit.“ Seine Behörde könne den Prozess gemeinsam mit den Kammern „noch effizienter gestalten“.

Die Zentralstelle in Osnabrück hat seit ihrem Start am 1. Juli 2025 nach Angaben Dierkers rund 3000 Anträge bearbeitet und etwa 1500 Vorabzustimmungen erteilt. Seit Anfang dieses Jahres ist sie für neue beschleunigte Fachkräfteverfahren in ganz Niedersachsen zuständig; zuvor lag die Aufgabe bei den kommunalen Ausländerbehörden. Knapp 30 Vollzeitkräfte arbeiten dort. Die Verfahren dauern Pfeiffer zufolge derzeit in der Regel sechs bis acht Wochen. „Das ist schon ein ziemlich guter Wert, wir versuchen das Ganze aber noch weiter einzukürzen.“ Zugleich nimmt die Größenordnung einzelner Fälle zu. „Wir bekommen zunehmend größere Anfragen – da geht es auch mal um mehrere hundert Arbeitskräfte“, sagt Pfeiffer. Sein Ziel für die weitere Entwicklung: „Weniger Bürokratie, mehr Tempo und klare Ansprechpartner.“

Die neue Arbeitsteilung reicht den Beteiligten allerdings noch nicht. IHK-Präsident Gerhard Oppermann lobt die Welcome-Center zwar als „Erfolgsgeschichte“, sieht aber weiterhin „zu viele unterschiedliche Anlaufstellen in zu vielen Ebenen“. Hoffnung setzt er deshalb auf die geplante Work-and-Stay-Agentur des Bundes. Dahinter soll keine neue Behörde stehen, sondern eine Art One-Stop-Agency für die Fachkräfteeinwanderung: Anträge sollen zentral über eine digitale Plattform gestellt und Unterlagen nur einmal eingereicht werden, während die beteiligten Behörden darauf zugreifen können. Pfeiffer befürwortet eine stärkere Bündelung: „Es braucht eine noch konsequentere Digitalisierung und noch schlankere Prozesse – aber das ist gar nicht so einfach, weil so viele Akteure mitwirken.“ Oppermann sieht daneben ein grundsätzliches Problem: „Warum soll sich eine Fachkraft für Deutschland und Niedersachsen entscheiden, wenn es hier keine Willkommenskultur, sondern nur eine Misstrauens- und Kontrollkultur gibt?“

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #149.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link
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