
Olaf Lies hat ein neues Vorzeigeprojekt für den klimaneutralen Umbau der Industrie entdeckt: Nach dem Stahl nimmt Niedersachsen nun den Zement ins Visier. „Zukünftig werde ich immer die Salzgitter AG und Holcim in Höver als wunderbare Beispiele dafür nennen, wie unterschiedlich der Weg zur Klimaneutralität aussehen kann: Der eine kann das CO2 im Produktionsprozess vermeiden, der andere kann es nach dem Prozess abscheiden und nutzen“, sagte der Ministerpräsident bei der Inbetriebnahme der neuen CO2-Testanlage im Holcim-Zementwerk Höver (Region Hannover). Holcim will mit der Anlage einen Teil des Kohlendioxids auffangen, das bei der Zementherstellung entsteht und nicht vermieden werden kann. Mit rund 500.000 Tonnen CO2 pro Jahr zählt das Werk im Osten Hannovers zu den größten Treibhausgasemittenten des Landes. Im Testbetrieb werden zunächst zwar nur zwei Prozent davon abgeschieden. Langfristig will Holcim den Anteil jedoch auf 90 Prozent steigern und das aufgefangene Kohlendioxid als Rohstoff weiterverarbeiten.
„Billiger als in anderen Ländern zu produzieren, wird schwierig“, sagte Lies. Den entscheidenden Standortvorteil sieht er deshalb darin, neue Verfahren früher als andere zu entwickeln und in den heimischen Industriebetrieben einzusetzen. „Wenn wir die Lösung eher haben, durch eine starke Wissenschaft und durch starke Forschung, dann haben wir eine Vorreiterrolle.“ Der technologische Vorsprung dürfe allerdings nicht auf Kosten der bestehenden Betriebe erzwungen werden. „Wir müssen darauf achten, dass die Prioritäten immer auch die Arbeitsplätze bleiben, weil wir am Ende sonst Klimaziele durch den Wegfall von Produktion erreichen. Das darf uns nicht passieren“, betonte der SPD-Politiker. Besonders deutlich werde der Zielkonflikt beim CO2-Preis: „Auf der einen Seite kann ich Technologie nur voranbringen, wenn CO2 teuer ist, weil es sich dann lohnt. Und auf der anderen Seite habe ich ein Problem für Unternehmen, die noch nicht so weit sind. Dann können sie nämlich nicht mehr überleben.“ Die Politik müsse daher einen Zeitrahmen und wirtschaftliche Bedingungen schaffen, die den Umbau ermöglichen, ohne die Unternehmen vorher aus dem Markt zu drängen.

Warum die Zementproduktion nicht so einfach klimaneutral werden kann wie andere Branchen, erklärte Holcim-Deutschland-Chef Stephan Hinrichs. „Wir müssen einen Baustoff zukunftsfähig machen, ohne den unsere Gesellschaft so gar nicht denkbar wäre. Beton ist das Fundament unserer modernen Welt“, sagte der Wirtschaftsingenieur. Seine Festigkeit verdankt Beton dem Zement, der in Höver in einem rund 80 Meter langen Drehrohrofen hergestellt wird. Kalkstein und Mergel werden darin bei mehr als 1400 Grad zu Zementklinker gebrannt. Etwa ein Drittel der dabei entstehenden Emissionen entfällt auf die Beheizung des Ofens. Holcim kann diesen Anteil verringern, indem fossile Energieträger durch alternative Brennstoffe ersetzt werden. Die übrigen zwei Drittel werden jedoch durch die chemische Reaktion des Rohstoffs freigesetzt. „Egal, wie wir diesen Ofen betreiben, ob mit erneuerbaren oder traditionellen Energien: Sie entstehen immer“, sagte Hinrichs. Um auch diese Emissionen in den Griff zu bekommen, muss Holcim das CO2 nachträglich abscheiden. „Der Star dieser Technologie ist eine 50 Nanometer dicke Membran. Das ist das Tausendstel eines menschlichen Haares", erklärte Prof. Oliver Zielinski, Geschäftsführer des Helmholtz-Zentrums Hereon. Die Membran wirke wie ein Filter: CO2 durchdringe sie rund 50-mal schneller als Stickstoff und lasse sich dadurch vom übrigen Abgas trennen. Die aktuelle Anlage kann zwar nur 10.000 Tonnen CO2 pro Jahr herausfiltern, Zielinski hält eine erhebliche Vergrößerung jedoch für machbar: „Das ist dann technologische Skalierung – und das können wir in Deutschland.“
Ministerpräsident Lies bezeichnete die geplante Abscheidung und Nutzung des CO2, kurz CCU, als „ideal“. Er stellte jedoch klar, dass sich für die gewaltigen Mengen nicht überall Abnehmer finden lassen werden. „Wenn wir die gesamte Industrie, bei der wir die CO2-Emissionen nicht anders beseitigen können, klimaneutral machen wollen, wird es nicht anders gehen, als dieses CO2 auch in die Erde zu bringen“, sagte er. Für diese als CCS bezeichnete dauerhafte Speicherung müsse zunächst eine Transportinfrastruktur aufgebaut werden. Lies nannte als ersten Schritt den Export des Kohlendioxids zu Speicherstätten unter dem Meeresboden. Dass die unterirdische Lagerung schwer zu vermitteln sei, räumte er ein: „Das ist kein schönes Thema, weil die meisten Menschen Angst davor haben.“ Ausblenden könne die Politik die Frage dennoch nicht. Johannes Steiniger (CDU), Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, bezeichnete die neue Offenheit für CCS als überfälligen Kurswechsel. „Seit 20 Jahren haben wir über diese Frage diskutiert. Das war oft eine ideologische, hochumstrittene Debatte, die uns aber nicht weitergeführt hat, weil die Leute es in anderen Ländern einfach gemacht haben“, kritisierte der Nachfolger von Gitta Connemann. Erst im vergangenen November habe der Bundestag die Weichen dafür gestellt, CO2 künftig speichern und die nötige Leitungsinfrastruktur schneller aufbauen zu können. Doch auch damit sei Deutschland noch nicht am Ziel: „Wir müssen in Zukunft schneller werden. Wir brauchen weniger Ideologie, mehr Pragmatismus.“


