Schreibe ich Grußkarten zum Geburtstag oder ähnlichen Anlässe, kommt es schon mal zu einem fast inflationären Einsatz von Ausrufezeichen. Ich wünsche Dir alles Gute! Hab einen ganz tollen Tag! Lass Dich reich beschenken! Der gute Wunsch kommt mit Nachdruck, das Glück wird geradezu befohlen.
Ansonsten spielt das Ausrufezeichen in meinem Leben eine eher untergeordnete Rolle. Beruflich ist es geradezu verpönt. Ausrufezeichen in Überschriften überlassen wir in der Regel anderen. Allenfalls in dieser Kolumne darf die entsprechende Taste mal betätigt werden. Schleicht sich das Satzzeichen in einen redaktionellen Text, dann wird es wohl aus einer wörtlichen Rede stammen, die aus einer Pressemitteilung kopiert wurde. Ein Ausrufezeichen am Ende einer politischen Botschaft – das ist schon eine Menge Interpretation des Gesagten!

Ist das geeignetere Satzzeichen unserer Zeit nicht viel eher ein anderes, vielleicht das Fragezeichen? Wer heute vorgibt, eine einfache Antwort zu haben, die mit der Intensität eines Ausrufezeichens unterstrichen gehört, steht direkt unter Populismusverdacht. Doch wer Fragen formuliert, ist ein Suchender, tastet sich voran durch den Nebel der Ungewissheiten. Flankiert wird der Setzkasten moderner Rhetoriker von Kommata, die, klug eingesetzt, den Leser mitnehmen können auf eine Reise durch verschachtelte Gedankenwelten, in denen jeder kleine Strich um eine weitere Ecke des Labyrinths führt.
Skepsis löst unterdessen ein anderer Strich aus, der sich wachsender Beliebtheit zu erfreuen scheint. Seinen zwischenzeitigen Siegeszug verdankt der waagerechte Strich den gängigen Large Language Modellen – beispielsweise ChatGPT. Gespickt mit einer ganzen Batterie von Gedankenstrichen – dem Halbgeviertstrich, wie Kenner ihn nennen – kommt die künstliche generierte Sprache so dem dahergeplapperten Wortschwall wohl am nächsten. KI-Texte scheinen sich dadurch aber auch selbst zu entlarven. Ein Verdacht, der im Universitätskontext inzwischen schon dazu führen soll, dass Präsentatoren mit Fußnoten am Gedankenstrich belegen, selbst Urheber dieses Satzzeichens zu sein.
Mich betrübt der Halbgeviertstrich-Trend – war ich doch schon lange großer Fan des Zeichens. Nun reizt es mich, ihn bewusst nicht mehr zu verwenden. Mal sehen, wie das wohl in der heutigen Ausgabe gelingt? Im Rundblick lesen Sie heute diese Themen:
Haben Sie einen ganz tollen Tag!
Ihr Niklas Kleinwächter


