Was war das Besondere an dieser Katastrophe im ukrainischen Kernkraftwerk Tschernobyl vor 40 Jahren? Es war im doppelten Sinn ein Ereignis, das den Leuten in Deutschland Angst einflößte: Erstens war ein Unbehagen gegenüber den Risiken und Gefahren der Atomenergie bereits vorhanden – die Gorleben-Bewegung etwa gab es schon, bereits sechs Jahre zuvor war es zur Konfrontation rund um das geplante Lager gekommen. Aber die Sorgen und Nöte, die von den Kritikern vorgetragen wurden, waren damals noch abstrakt, jetzt wurden sie mit dem Unfall in Tschernobyl konkret. Zweitens geschah das Unglück in der damaligen Sowjetunion, einem totalitären Staat, der keine freien Journalisten, keine unabhängige Berichterstattung und keine freie Meinungsbildung kannte. Von Anfang an schwang daher bei allen Nachrichten über dieses Ereignis eine Sorge mit: Die offiziellen Botschaften aus Moskau könnten weichgespült sein, es könnte alles noch viel schlimmer sein als berichtet.

In der „Tagesschau“, in den „heute“-Nachrichten und in den Tageszeitungen, den Leitmedien jener Zeit, eroberte sich Tschernobyl von Tag zu Tag mehr Aufmerksamkeit. Über das Unglück selbst drang nicht viel durch – aber es kamen dann Bilder, die eine Zerstörung zeigten, und vor allem kamen nach und nach Warnungen. Bilder von der unsichtbaren radioaktiven Wolke wurden verbreitet, und diese betraf auch das Gebiet der DDR und der Bundesrepublik. Dann gab es Warnungen, man solle keine Pilze essen oder keinen Salat, da sich die Radioaktivität dort eingelagert haben könnte. Die alten Reflexe der Gorleben-Debatte schienen teilweise wieder sichtbar zu werden – die einen, die dramatisieren, gegen die anderen, die verharmlosen. Aber was sollte man dramatisieren angesichts der Lage, angesichts von freigewordener Radioaktivität. Der Begriff „Super-GAU“ wurde geprägt und bekam mehr und mehr Raum in der Berichterstattung. GAU steht für „größter anzunehmender Unfall“.

Die Tschernobyl-Katastrophe am 26. April 1986 traf Niedersachsen in einer Wahlkampfzeit. Ernst Albrecht regierte zehn Jahre, er stützte sich auf eine absolute Mehrheit, denn bei der Wahl 1982 hatten die Christdemokraten 50,7 Prozent errungen. Für die SPD trat nun, 1986, nicht mehr Karl Ravens an, sondern der Bundestagsabgeordnete Gerhard Schröder aus Hannover, der einst als Juso-Vorsitzender für seine Willensstärke und seinen Kampfgeist bekannt war. Schröder wollte regieren – und zielte dabei auf die Grünen. Dass die FDP sich früh und klar für eine Koalition mit der CDU festlegte, erleichterte ihm die Orientierung. Aber es gab Gegenwind, ausgestrahlt etwa vom Siegeswillen der damals sehr starken Sozialdemokraten im Nachbarland Nordrhein-Westfalen. Ministerpräsident Johannes Rau hatte im Mai 1985 mit 52,1 Prozent eine absolute Mehrheit errungen und startete entsprechend selbstbewusst in die Vorphase des Bundestagswahlkampfs für 1987, in der er selbst Kanzler werden und Helmut Kohl ablösen wollte. Die Grünen hatten den Sprung in den Düsseldorfer Landtag verpasst.
In solchen Zeiten musste ein klares Bekenntnis zu Rot-Grün manchen Sozialdemokraten irritieren: Wieso sollte man auf die – damals noch weithin skeptisch betrachteten – Grünen zugehen, wenn doch NRW die wahre Stärke der SPD zeigt? So beschreibt der damalige Rundblick-Berichterstatter Helmut Rieger, der in seinem Buch „Alles hat seine Zeit“ auf diese Ereignisse zurückblickt, die Widersprüchlichkeiten in Schröders Wahlkampf. Einerseits brauchte er die Grünen für eine Siegeschance gegen Albrecht, andererseits musste er sich von den Grünen abgrenzen und sprach sich etwa Monate vor der Wahl gegen einen sofortigen Ausstieg aus der Atomenergie aus. Das ärgerte die Grünen seinerzeit, aber das war ja auch noch vor der Tschernobyl-Katastrophe.

Und als es passiert war, rollte eine mediale Welle über Deutschland, ja über ganz Europa. Tschernobyl beherrschte die Nachrichten über Wochen. Nicht ganz so stark wie Jahre später am 11. September 2001, aber dennoch in einer bisher selten erlebten Wucht. Das war im April und Mai, und schon am 15. Juni war Landtagswahl. Bis zur Atomkatastrophe zeichnete sich eine Blockbildung ab – hier Albrechts CDU mit der FDP, die ihn unterstützen wollte und für die Fortsetzung der bisherigen Politik stand. Dort Schröder, der die Macht an sich reißen und die Grünen als bisher unerfahrenen Partner daran beteiligen wollte. Dann kam, wie der damalige Beobachter Rieger schrieb, die abrupte Änderung: „Aus einer Richtungswahl wurde eine Stimmungswahl.“ Sogar Christdemokraten, die bisher die Atomkraft verteidigten, seien plötzlich zu ihr auf Distanz gegangen. Die SPD habe in Hannover ihre klare Distanz zur Atomkraft verkündet, und so rückten die Sozialdemokraten inhaltlich wieder sichtbarer an die Grünen, die in Umfragen als die originellste Anti-Atom-Partei neue Höhenflüge erlebte.
Der damalige CDU-Wahlkampfexperte und Hasselmann-Vertraute Martin Biermann erinnert sich noch, wie die Union kurzerhand ihre Kampagne änderte und er durchaus Mühe hatte, den erfolgsgewöhnten Albrecht von der Notwendigkeit zu überzeugen. Der Ministerpräsident sei anfangs nämlich gar nicht einverstanden gewesen. In Riegers Erinnerung sollte der Slogan der Partei „Uns geht es gut, so soll es bleiben“ lauten. Biermann und die anderen Berater aber setzten sich durch mit den Bedenken, dass ein solches Wohlfühl-Bekenntnis überhaupt nicht in die sorgenvolle Zeit nach Tschernobyl passte. Die CDU schaltete jetzt um auf eine „Stoppt Rot-Grün“-Kampagne, sie mobilisierte die Angst, in unsicheren Zeiten die Verantwortung einer unerfahrenen Partei wie den Grünen zu geben.
Die Strategie hatte Erfolg, wenn auch nur knapp. Die CDU verlor stark, die SPD gewann deutlich hinzu – und die FDP stabilisierte sich. Albrecht konnte mit einem Mandat Vorsprung im Landtag eine schwarz-gelbe Koalition bilden. Der von Schröder erhoffte Machtwechsel verschob sich um vier Jahre nach hinten. Was wäre gewesen, wenn der Sozialdemokrat schon 1986 und nicht erst 1990 bei der Landtagswahl siegreich gewesen wäre? Die Niedersachsen-SPD hätte rund um die Wiedervereinigung ein stärkeres Gewicht gehabt – und womöglich wäre schon 1990 Gerhard Schröder anstelle von Oskar Lafontaine der Kanzlerkandidat geworden. Und wenn dieser dann im Jahr der Wiedervereinigung gegen Helmut Kohl verloren hätte, wie es Lafontaine widerfahren war? Hätte Schröder dann acht Jahre später seinen fulminanten Sieg gegen Kohl erreichen können?
Die Aufregung um Tschernobyl, die über lange Zeit 1986 die Politik beherrschte, legte sich im Laufe des Jahres wieder. Doch das Misstrauen in die Kernenergie verschwand nicht, es stabilisierte sich eher. Ein Grund dafür, dass die CDU die niedersächsische Landtagswahl und ein Jahr später auch die Bundestagswahl gewinnen konnte, könnte in der Reaktionsfähigkeit der Partei gelegen haben. Am 6. Juni 1986, neun Tage vor der Wahl in Niedersachsen, berief Kanzler Helmut Kohl den ersten Bundesumweltminister in sein Kabinett – den damaligen hessischen Ministerpräsidenten Walter Wallmann.


