Alle dachten, Hannover sei das Epizentrum im Streit um die autofreie Innenstadt. Doch als wahre Frontstadt des Reifenkriegs dominiert derzeit Oldenburg die Schlagzeilen: Dort lassen Autogegner nicht nur Dampf ab, sondern auch Reifenluft – und zwar in der Nacht zum vergangenen Freitag aus rund fünfzig SUVs in einem Autohaus. Außerdem wurden die Fahrzeuge besprüht und beklebt, womit sie laut einer Mitteilung der Aktivisten als „stillgelegt“ gelten. Die Polizei ermittelt wegen Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch und wegen des Vortäuschens eines TÜV-Gutachtens mit Spraydose und Klebestift.
Hinter der Aktion steht eine Gruppe, die sich selbst „Widerstands-Kollektiv Oldenburg“ nennt. „Wir haben angefangen das Monster Autoindustrie zu stoppen“, verkünden die Aktivisten mit zweifelhafter Rechtschreibung auf Instagram und sehen ihre Erfolgsbilanz wesentlich positiver als die Polizei. „Wir lassen uns nicht bequatschen und haben deshalb heute Nacht 100 Blechmonster unfahrbar gemacht“, heißt es in einem Post vom 22. August.

Offensichtlich hat von diesen jungen Kämpfern noch keiner selbst ein Auto gekauft – geschweige denn einen SUV. Sonst wüssten sie, dass zwischen „unfahrbar“ und „verkaufsbereit“ meist nur ein kurzer Werkstatttermin liegt. Die eigentliche Zwangspause beginnt erst danach: Bis die KfZ-Zulassungsstelle irgendwann in ferner Zukunft einen Termin frei hat, stehen die angeblich „stillgelegten“ Fahrzeuge längst wieder hochglanzpoliert und fahrbereit im Showroom – nur eben immer noch ohne Kennzeichen.
Dass Widerstand kein Selbstläufer ist, zeigt zeitgleich die Oldenburgische Wirtschaft. Ab Jahresende soll dort Tempo 30 auf wichtigen Hauptachsen gelten – durchgehend, Tag und Nacht. Doch die Gegenseite, die einen Kaufkraftverlust für die Innenstadt befürchtet, bringt dagegen kaum Schwung auf. Die Protestnote von IHK, Handwerkskammer und der Vereinigung „Gemeinsam für Oldenburg“ ist so zahm, dass man sie glatt überblättert. Statt Aufschrei nur die leise Bitte um mehr Augenhöhe, statt Kampfgeist nur zarte Kammerprosa.
Am Ende bleibt der Eindruck: In Oldenburg kriegt niemand so richtig Widerstand hin, weder die Aktivisten noch die Wirtschaft. Die Reifen platt, die Worte flach – und die SUVs rollen trotzdem weiter, nur eben bald mit Tempo 30.
Bevor auch hier gleich die Luft raus ist, will ich Ihnen noch schnell die Themen der heutigen Ausgabe vorstellen:
Bleiben Sie widerspenstig und kommen Sie gut durch den Verkehr – wie auch immer.
Ihr Christian Wilhelm Link