27. Aug. 2025 · 
TagesKolumne

Widerstand will gelernt sein

Aktivisten sabotieren SUVs, die Wirtschaft warnt vor Tempo 30 – doch echter Widerstand sieht anders aus. In Oldenburg bleibt am Ende vor allem eines entschleunigt: der Protest.

Alle dachten, Hannover sei das Epizentrum im Streit um die autofreie Innenstadt. Doch als wahre Frontstadt des Reifenkriegs dominiert derzeit Oldenburg die Schlagzeilen: Dort lassen Autogegner nicht nur Dampf ab, sondern auch Reifenluft – und zwar in der Nacht zum vergangenen Freitag aus rund fünfzig SUVs in einem Autohaus. Außerdem wurden die Fahrzeuge besprüht und beklebt, womit sie laut einer Mitteilung der Aktivisten als „stillgelegt“ gelten. Die Polizei ermittelt wegen Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch und wegen des Vortäuschens eines TÜV-Gutachtens mit Spraydose und Klebestift.

Hinter der Aktion steht eine Gruppe, die sich selbst „Widerstands-Kollektiv Oldenburg“ nennt. „Wir haben angefangen das Monster Autoindustrie zu stoppen“, verkünden die Aktivisten mit zweifelhafter Rechtschreibung auf Instagram und sehen ihre Erfolgsbilanz wesentlich positiver als die Polizei. „Wir lassen uns nicht bequatschen und haben deshalb heute Nacht 100 Blechmonster unfahrbar gemacht“, heißt es in einem Post vom 22. August.

Eine Klimaaktivistin lässt die Luft aus einem SUV-Reifen in Oldenburg. | Foto: Widerstands-Kollektiv Oldenburg

Offensichtlich hat von diesen jungen Kämpfern noch keiner selbst ein Auto gekauft – geschweige denn einen SUV. Sonst wüssten sie, dass zwischen „unfahrbar“ und „verkaufsbereit“ meist nur ein kurzer Werkstatttermin liegt. Die eigentliche Zwangspause beginnt erst danach: Bis die KfZ-Zulassungsstelle irgendwann in ferner Zukunft einen Termin frei hat, stehen die angeblich „stillgelegten“ Fahrzeuge längst wieder hochglanzpoliert und fahrbereit im Showroom – nur eben immer noch ohne Kennzeichen.

Dass Widerstand kein Selbstläufer ist, zeigt zeitgleich die Oldenburgische Wirtschaft. Ab Jahresende soll dort Tempo 30 auf wichtigen Hauptachsen gelten – durchgehend, Tag und Nacht. Doch die Gegenseite, die einen Kaufkraftverlust für die Innenstadt befürchtet, bringt dagegen kaum Schwung auf. Die Protestnote von IHK, Handwerkskammer und der Vereinigung „Gemeinsam für Oldenburg“ ist so zahm, dass man sie glatt überblättert. Statt Aufschrei nur die leise Bitte um mehr Augenhöhe, statt Kampfgeist nur zarte Kammerprosa.

Am Ende bleibt der Eindruck: In Oldenburg kriegt niemand so richtig Widerstand hin, weder die Aktivisten noch die Wirtschaft. Die Reifen platt, die Worte flach – und die SUVs rollen trotzdem weiter, nur eben bald mit Tempo 30.

Bevor auch hier gleich die Luft raus ist, will ich Ihnen noch schnell die Themen der heutigen Ausgabe vorstellen:

  • Soll mit der neuen Immobilienanstalt NIA die Schuldenbremse umgangen werden? Diesen Verdacht hegt der Rechnungshof – und auch die Landtagsjuristen sind skeptisch.


  • Was die Digitalisierung der Verwaltung angeht, gibt es einen enormen Nachholbedarf. Das betrifft vor allem die Kommunen. Die Innenministerin verspricht nun Abhilfe.


  • Anke Pörksen soll künftig die verschleppte Digitalisierung in Niedersachsen vorantreiben. Das ist ein ungewöhnlicher Karriereschritt für die langjährige Weil-Sprecherin.


  • Außerdem gibt es Neuigkeiten von der NOZ-Mediengruppe, dem Klinikum Region Hannover, dem Naturschutzbund Nabu und der Ärztekammer Niedersachsen.

Bleiben Sie widerspenstig und kommen Sie gut durch den Verkehr – wie auch immer.
Ihr Christian Wilhelm Link

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #147.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link

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