Hat ein Schwein, das zu zwölf Prozent menschliche DNA in sich trägt, andere Rechte als das Schwein, das 100 Prozent tierisch ist?
Auch das Projekt zur Xenotransplantation an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) wird schon seit Beginn durch das Cells begleitet. Die Xenotransplantation, also die Transplantation von tierischen Organen, Geweben oder Zellen ist eine mögliche, wenn auch noch weit entfernte Alternative für Patienten, die auf der Warteliste für ein neues Organ stehen. Chirurgisch stellt beispielsweise die Transplantation eines Schweineherzens in den menschlichen Körper kein Problem mehr dar. Was es bisher unmöglich macht, ist die Abstoßungsreaktion. Menschliche Antikörper erkennen das fremde Organ und zerstören es innerhalb kürzester Zeit. „Den Körper hier zu überlisten, daran arbeiten die Kollegen der MHH. Sie versuchen das Spenderorgan unsichtbar zu machen für den Empfängerkörper“, erklärt Hoppe. Gelänge das, könne die Zukunft so aussehen: Ein Patient mit Herzproblemen, der in wenigen Jahren sicher ein neues Herz benötigt, könnte seine Stammzellen spenden. Diese würden benutzt, um ein Schwein-Embryo herzustellen, welches eine Sau austrägt. Das daraus entstandene Tier hätte das Herz mit Zellen des Patienten. Sobald das Organ groß genug wäre, würde das Tier geschlachtet, das Herz könnte transplantiert werden.
Schon beim Lesen gehen einem viele Fragen durch den Kopf, oder wie Hoppe sagt, ethische Sollbruchstellen. Von „Wollen wir so mit Tieren umgehen?“, über „Was ist mit dem Tier, das teilweise menschlich ist?“ bis zu „Hat ein Schwein, das zu zwölf Prozent menschliche DNA in sich trägt, andere Rechte als das Schwein, das 100 Prozent tierisch ist?“ Verändern wir die Art und Weise, wie die Gesellschaft funktioniert, wenn wir diese Speziesgrenzen auflösen? Und wie würde sich der Patient fühlen mit einem Schweineherzen in der Brust?
Um die gesellschaftliche Akzeptanz so eines Projektes zu beurteilen, müssen die Cells-Mitarbeiter auch die naturwissenschaftlichen Hintergründe verstehen. Nicht wenige sind doppelt qualifiziert, haben Molekularbiologie und Philosophie oder Tiermedizin und Wissenschaftsphilosophie studiert. Andere kommen als Philosophen oder Juristen und arbeiten sich je nach Projekt in die Thematik ein. Das gilt auch für Hoppe: „Ich bin nur Jurist und es hat ewig gedauert, bis ich Genetik ausreichend verstanden habe, um bestimmte Zusammenhänge direkt zu verstehen“, verrät er. Die Kollegen, die Molekularbiologie studiert hätten, seien da im Vorteil. Das Cells berät universitäre Forschungsprojekte der Leibniz-Uni und kooperiert eng mit der MHH.
Auf tausend getötete Tiere pro Person, pro Jahr in Deutschland kommen ein bis zwei Versuchstiere. Der Rest sind Lederschuhe, Gürtel, Schnitzel, Wurst und andere Verbrauchsmöglichkeiten.
Eine ethische Frage, die auch über diesem Forschungsprojekt schwebt, lautet: Wollen wir so mit Tieren umgehen? Den Gedanken findet Hoppe etwas schwierig, „weil wir selbstverständlich längst so mit Tieren umgehen.“ Wo sei der Unterschied, ob man sich ein Schnitzel brate oder ein Herz züchte? „Gibt es nicht eine viel bessere ethische Begründung dafür, ein Schwein zu töten, um mit einem neuen Herzen zu überleben, als ein Schwein zu töten, um ein Schnitzel zu essen?“, fragt der Jurist und zitiert eine Studie der Initiative „Tierversuche verstehen“: „Auf tausend getötete Tiere pro Person, pro Jahr in Deutschland kommen ein bis zwei Versuchstiere. Der Rest sind Lederschuhe, Gürtel, Schnitzel, Wurst und andere Verbrauchsmöglichkeiten.“ Ob die auf den Markt kommen oder nicht, kann jeder mit seinem Portemonnaie entscheiden. Bei Versuchstieren sei das nicht möglich. „Wir können nicht in die Apotheke gehen und sagen, ich möchte nicht das Medikament, das an Tieren getestet wurde, ich möchte das andere“, erklärt Hoppe und fügt hinzu: „Keiner will Tierexperimente, wir müssen sie reduzieren, soweit wir können. Aber es gibt Bereiche, in denen können wir nicht ohne.“
Neben den ethischen Fragestellungen wirft die Xenotransplantation auch juristische Fragen auf: „Was ist, wenn das Schwein mit dem menschlichen Herzen in der Züchtung stirbt? Hätten wir dann zwei machen müssen? Oder drei?“, fragt Hoppe. Oder es funktioniert nicht - oder die Chirurgen machen einen Fehler. Man sei da schnell bei den ganz normalen Produkthaftungsfragen, wie bei anderen Implantaten auch. Geklärt werden müsse auch die Herkunft der für die Forschung in diesem Bereich verwendeten Stammzellen, zu deren Herstellung oft Nabelschnurblut verwendet wird. Eltern können einer Spende nach der Geburt ihres Kindes zustimmen. Meist unter der Prämisse, dass das Blut für die vielfach lebensrettende Stammzellen-Therapie verwendet wird. Darf das Nabelschnurblut auch zu Forschungszwecken verwendet werden, ist eine gesonderte Einwilligung notwendig. Nur, wie konkret muss die sein? Reicht der Hinweis „zu Forschungszwecken“? „Bedenken die Eltern im Moment der Einwilligung, dass daraus vielleicht mal ein Schwein entsteht, das teilweise genetisch von mir abstammt?“, bemerkt Hoppe. Müsste nicht schon in der Einwilligung explizit darauf hingewiesen werden?
Womit wir wieder bei der Eingangsfrage wären: Könnten Sie sich vorstellen, dass ein Herz, gewachsen aus Ihren Stammzellen, in einem Schwein schlägt? Die Antwort fällt nicht so leicht.

