7. Juli 2026 · 
TagesKolumne

Weniger nuscheln!

Kein Plan, aber ein an der Waffel: Der Akkusativ stirbt aus. Retten oder gelassen bleiben?, fragt sich die TagesKolumne.

Ja, das gibt es noch: Konfliktherde, die sich still und unbemerkt abgekühlt haben. Einer davon ist die Rettung des Genitivs. Seit Bastian Sick uns alle alarmierte, dass der Dativ dem Genitiv sein Tod sei, sind mehr als zwanzig Jahre vergangen. In der Frage, ob man wegen dem Dativ oder wegen des Genitivs Stress hat, weist der Duden inzwischen eine salomonische Lösung aus: „Mündlich standardsprachlich und schriftlich umgangssprachlich“ geht es auch mit dem Dativ. Böse Zungen behaupten sogar, die Hauptfunktion des Genitivs liege nur „in der Zurschaustellung einer elitären Sprachfertigkeit“.

Schild mit der Aufschrift "Kein Müll abstellen!" mit Stickern und Schmierereien
Kein Müll, kein Akkusativ | Foto: Beelte-Altwig

Nachdem wir uns darauf geeinigt haben, dass der Genitiv schön, aber nicht lebensnotwendig ist, wenden wir uns dem nächsten Sorgenkind zu: Dem Akkusativ, also jenem Fall, der die Antwort auf die Frage „Wen oder was?“ liefert. Mögliche Antworten sind zum Beispiel „keinen Plan“, „keinen Müll“ oder „einen an der Waffel“. Sollten sie zumindest sein. Aber zunehmend lauten die Antworten „kein Plan“, „kein Müll“ oder „ein an der Waffel“, ohne die im Deutschen dafür vorgesehene Endung. Das kommt in den besten Familien vor: Die Bundesagentur für Arbeit empfiehlt ihre Unterstützung allen, die „kein Plan“ haben. In Hannovers traditionsreichem Café Kröpcke fragt mich die Speisekarte, ob ich „ein an der Waffel“ habe.

Transparent am Gebäude der Bundesagentur für Arbeit in Hannover mit der Aufschrift "Kein Plan nach der Schule?"
Kein Plan, kein Akkusativ | Foto: Beelte-Altwig

Müssen wir das hinnehmen? Mit einer ähnlichen Gelassenheit, mit der wir irgendwann geschluckt haben, dass der Genitiv sein Revier mit dem Dativ teilt? Ganz ehrlich, mir fällt es schwer. Soweit ich sehe, ist die Aufregung in der Schweiz größer. Die Berner Zeitung „Der Bund“ hat ihre Kurzpraktikanten beim Zukunftstag erstmal einem Akkusativ-Test unterzogen – und die meisten scheiterten kläglich.

Detail einer Speisekarte von "Mövenpick Restaurants" mit dem Text "hast du ein an der Waffel?"
Kein Akkusativ im Café Kröpcke | Foto: Beelte-Altwig

Offenbar haben bestimmte Schweizer und süddeutsche Dialekte die Fusion von Nominativ (Wer?) und Akkusativ (Wen?) bereits vollzogen. Der schlaue Kollege von „Watson“, den ich oben schon zitiert habe, erklärt achselzuckend: Das Aussterben grammatischer Fälle liege in der Natur der indoeuropäischen Sprachen. „Irgendwann wird diese Entwicklung wohl auch die hochdeutsche Standardsprache erfassen“, prophezeit er. Wenn wir den Trend noch eine Weile aufhalten wollen, hilft, fürchte ich, nur eins: Weniger nuscheln!

Stets grammatisch auf Zack, haben wir heute folgende Themen für Sie:

  • Kommunalwahl: Wo dürfen die Wahlplakate hängen? Welche Partei darf wie stark präsent sein im Wahlkampf? Ein Fachmann rät den Gemeinden zum umsichtigen Vorgehen in dieser sensiblen Frage.


  • Geld für die Hochschulen: Wissenschaftsminister Falko Mohrs verteilt die stolze Summe von 627 Millionen Euro an die Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen im Land für neue Bauvorhaben.


  • Schülervertreter im Interview: Der Vorsitzende des Landesschülerrats, Otto Ellerbrock, äußert sich zur aktuellen bildungspolitischen Debatte in Niedersachsen.


  • Denkmalamt wird gestutzt: Die Landesregierung will den Einfluss der Fachbehörde für Denkmalschutz zurückschneiden, ein Gesetzentwurf dazu geht jetzt in die Anhörung.

Kommen Sie sprachgewandt durch den Mittwoch!

Ihre Anne Beelte-Altwig

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #126.
Anne Beelte-Altwig
AutorinAnne Beelte-Altwig

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