Ja, das gibt es noch: Konfliktherde, die sich still und unbemerkt abgekühlt haben. Einer davon ist die Rettung des Genitivs. Seit Bastian Sick uns alle alarmierte, dass der Dativ dem Genitiv sein Tod sei, sind mehr als zwanzig Jahre vergangen. In der Frage, ob man wegen dem Dativ oder wegen des Genitivs Stress hat, weist der Duden inzwischen eine salomonische Lösung aus: „Mündlich standardsprachlich und schriftlich umgangssprachlich“ geht es auch mit dem Dativ. Böse Zungen behaupten sogar, die Hauptfunktion des Genitivs liege nur „in der Zurschaustellung einer elitären Sprachfertigkeit“.

Nachdem wir uns darauf geeinigt haben, dass der Genitiv schön, aber nicht lebensnotwendig ist, wenden wir uns dem nächsten Sorgenkind zu: Dem Akkusativ, also jenem Fall, der die Antwort auf die Frage „Wen oder was?“ liefert. Mögliche Antworten sind zum Beispiel „keinen Plan“, „keinen Müll“ oder „einen an der Waffel“. Sollten sie zumindest sein. Aber zunehmend lauten die Antworten „kein Plan“, „kein Müll“ oder „ein an der Waffel“, ohne die im Deutschen dafür vorgesehene Endung. Das kommt in den besten Familien vor: Die Bundesagentur für Arbeit empfiehlt ihre Unterstützung allen, die „kein Plan“ haben. In Hannovers traditionsreichem Café Kröpcke fragt mich die Speisekarte, ob ich „ein an der Waffel“ habe.

Müssen wir das hinnehmen? Mit einer ähnlichen Gelassenheit, mit der wir irgendwann geschluckt haben, dass der Genitiv sein Revier mit dem Dativ teilt? Ganz ehrlich, mir fällt es schwer. Soweit ich sehe, ist die Aufregung in der Schweiz größer. Die Berner Zeitung „Der Bund“ hat ihre Kurzpraktikanten beim Zukunftstag erstmal einem Akkusativ-Test unterzogen – und die meisten scheiterten kläglich.

Offenbar haben bestimmte Schweizer und süddeutsche Dialekte die Fusion von Nominativ (Wer?) und Akkusativ (Wen?) bereits vollzogen. Der schlaue Kollege von „Watson“, den ich oben schon zitiert habe, erklärt achselzuckend: Das Aussterben grammatischer Fälle liege in der Natur der indoeuropäischen Sprachen. „Irgendwann wird diese Entwicklung wohl auch die hochdeutsche Standardsprache erfassen“, prophezeit er. Wenn wir den Trend noch eine Weile aufhalten wollen, hilft, fürchte ich, nur eins: Weniger nuscheln!
Stets grammatisch auf Zack, haben wir heute folgende Themen für Sie:
Kommen Sie sprachgewandt durch den Mittwoch!
Ihre Anne Beelte-Altwig


