7. Okt. 2021
Soziales

Warum viele Veranstalter die Vorteile der 2G-Regel nicht nutzen wollen

2G oder 3G? Die Veranstalter und Betriebe in Niedersachsen müssen sich entscheiden. Foto: GettyImages/Fokussiert

Der VfL Wolfsburg gehört in den Niedersachsen zu den Vorreitern der 2G-Regel. Der Fußballbundesligist hat bereits am 2. September den Zutritt ins Stadion nur noch auf Geimpfte und Genesene beschränkt. 20 Tage später führte das Land Niedersachsen eine neue Corona-Verordnung ein, um noch mehr Veranstalter und Betreiber ins 2G-Lager zu ziehen. Doch die Möglichkeiten werden häufig nicht genutzt und 2G nur zögerlich eingeführt. Das Politikjournal Rundblick hat sich umgehört, warum das so ist.

Gastronomie: Die Restaurants und Kneipen in Niedersachsen können durch 2G zwar wieder zu einer Art Normalbetrieb zurückkehren, doch viele Gastronomen schrecken weiterhin davor zurück. Die Gründe dafür haben auch den Dehoga-Landesverband interessiert, der dazu am Montag eine Umfrage unter seinen Mitgliedern startete. Nachdem bereits mehr als 1000 Betriebe geantwortet haben, fasst Dehoga-Präsident Detlef Schröder die Lage im Gastgewerbe wie folgt zusammen: „50 Prozent unserer Betriebe wollen lieber bei 3G blieben. Ein Viertel der Betriebe wechselt zwischen 3G und 2G hin und her. Und ein Viertel sagt: Wir setzen das 2G-Modell strikt um.“

In den meisten Fällen halten die Gastronomen aus wirtschaftlichen Gründen an der 3G-Regel fest. „Viele gehen nicht auf 2G, weil sie Angst haben, Gäste auszugrenzen“, berichtet Schröder. Bei den Betreibern, die auf das 2G-Modell setzen, sagen 70 Prozent: „Unsere Gästestruktur ist durchgeimpft und fühlt sich sicherer mit 2G.“ Und 50 Prozent von den 2G-Gastwirten halten das Modell für den richtigen Weg, um die Impfquote zu steigern.  Viele Gastronomen und Hoteliers würden sich zwar von der Landesregierung klarere Vorgaben wünschen. Der Dehoga-Chef sagt aber auch: „Die Wahlmöglichkeit zwischen 2G und 3G ist super. Ich glaube, damit kann man ganz gut leben.“ Nachbesserungen an der Corona-Verordnung hält Schröder in diesem Punkt nicht für erforderlich. Die Verbandsmitglieder seien bezüglich der aktuellen Regeln und Möglichkeiten auch gut informiert. „Die Dehoga-Mitglieder wissen schon, was sie tun“, sagt der Präsident. Bei Betrieben, die nicht zum Verband gehören, sei aber häufig ein falscher Umgang mit den Corona-Regeln zu beobachten. Schröder: „Das ist ein Problem für die Branche.“

Nach der schweren Krise sei der Gastro- und Hotelbetrieb endlich wieder im Aufwind. „Die Grundstimmung unter den Gastwirten ist extrem gut“, sagt der Hotelier aus Groß Meckelsen (Landkreis Rotenburg). Viele Kollegen hätten ihm berichtet, dass sie einen extrem guten September erlebt haben. Zudem rechnet Schröder damit, dass in diesem Jahr wieder Weihnachtsfeiern stattfinden werden – vielleicht sogar auf Vorkrisenniveau. „Die Nachfrage ist wieder da“, sagt Schröder und ist zuversichtlich, dass es keinen weiteren Lockdown geben wird. „Wir müssen alles tun, um die Betriebe offen zu halten“, betont er.

Foto: GettyImages

Konzerte und Kinos: Hannover Concerts will ab diesem Wochenende nur noch Geimpfte und Genesene zu Veranstaltungen zulassen. Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten sei 3G nicht mehr möglich, sagte Geschäftsführer Nico Röger dem NDR und kritisierte, dass die Politik ihn zu diesem Schritt dränge. In der Theaterszene setzt sich 2G ebenfalls langsam durch: Im Scharoun-Theater Wolfsburg gilt die Regelung bereits, das Theater Osnabrück zieht am 11. Oktober nach und im Staatstheater Hannover werden ab Dezember in allen Veranstaltungshäusern nur noch Genesene und Geimpfte eingelassen. Die Filmtheater-Kette Astor stellt ab sofort ebenfalls auf 2G um, in den vier niedersächsischen Cinemaxx-Kinos gilt die Regel dagegen nicht.

Prof. Jens Michow | Foto: BDKV

Prof. Jens Michow, Präsident des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV), geht davon aus, dass bald noch mehr Veranstalter auf 2G umschwenken werden. „Bisher waren Veranstalter besorgt, dass sie bei 2G mit ihren Konzerten erhebliche Verluste erwirtschaften könnten, ohne die Hilfe beanspruchen zu können“, erläutert Michow. Nun sei aber geklärt worden, dass der Sonderfonds für Kulturveranstaltungen auch bei 2G-Veranstaltungen hilft. Der BDKV-Präsident sieht die 2G-Regel allerdings kritisch: „Wir werden immer einen gewissen Prozentsatz von nicht Geimpften haben – nicht zuletzt auch, weil sich einige Menschen aus gesundheitlichen Gründen nicht impfen lassen dürfen. Man kann doch diese Menschen nicht auf Dauer von Veranstaltungen ausschließen. Wir haben einen Anspruch darauf, dass die Politik uns mitteilt, wie sie sich die Lösung dieses Problems auf Dauer vorstellt. Und wir wünschen uns, dass in Deutschland kurzfristig einheitlichere Infektionsschutzregeln gelten. Derzeit müssen wir mit einem Flickenteppich leben, auf dessen Grundlage Konzerttourneen einfach nicht planbar sind.“

Sportevents und Messen: Nach dem VfL Wolfsburg hat auch Fußballzweitligist Hannover 96 die 2G-Regel eingeführt. Die Roten drängen jedoch darauf, dass beim Heimspiel gegen Schalke 04 mehr als die derzeit erlaubten 25.000 Besucher ins Stadion dürfen. „Wir respektieren die Vorgaben der Politik. Für uns ist es aber selbstverständlich, dass wir im Sinne unserer Zuschauer die Gespräche fortsetzen, um perspektivisch wieder 49.000 Fans in der HDI Arena begrüßen zu können", sagt 96-Geschäftsführer Robert Schäfer.

Die Veranstalter der Messe „Pferd & Jagd“, die vor Corona an vier Tagen insgesamt mehr als 100.000 Besucher verzeichnete, haben dieses Problem nicht. „Die 25.000-Besucher-Regelung gilt nicht für Messen. Hier greift stattdessen das Hygienekonzept, welches eine Auslastung von 50 Prozent der Gesamtkapazität vorsieht“, erläutert Pferd-&-Jagd-Sprecher Lars Pennigsdorf. Europas größte Messe für Reiten, Jagen und Angeln findet am 9. bis 12. Dezember in Hannover statt. Die 2G-Regel wird dort nicht gelten. „Wir sind zum heutigen Zeitpunkt der Ansicht, dass wir mit der 3G-Regelung für Besucher, Aussteller und Teilnehmer der Messe für die größtmögliche Sicherheit sorgen können. Die Impfung alleine ist bei einer Messe dieser Größenordnung nicht ausreichend“, sagt Pennigsdorf und erklärt auch, warum: „Unsere Hauptzielgruppe besteht aus Jugendlichen, die nicht unter die 2G-Regel fallen. Darüber hinaus ist es auch wahrscheinlich, dass sehr viele Besucher nicht gekommen wären, weil es ihnen zurzeit trotz Impfung noch zu unsicher ist, sich ungeschützt durch volle Hallen zu bewegen.“

Schwimmbäder: Bei den Eintrittsbeschränkungen für Hallenbäder gibt es in Niedersachsen verschiedene Konzepte. Die Stadtbad Braunschweig GmbH etwa hält in Hallenbädern und Saunen weiterhin an der 3G-Regelung fest. Die Stadt Wolfsburg fährt dagegen den entgegengesetzten Kurs: Dort gilt für alle drei städtischen Bäder, zu denen auch das Erlebnisbad „Badeland“ gehört, bereits zum 1. Oktober die 2G-Regelung. „Für den Schritt zu 2G spricht aber die Reduzierung der Infektionsgefahr und die Tatsache, dass der Besuch der Bäder ohne Masken und Abstandsregelungen für viele Menschen ein Stück unbeschwerte Normalität und vertrauten Alltag zurückbringt“, begründete Sportdezernentin Monika Müller die Entscheidung.

Im Nettebad gilt die 2G-Regel, in den anderen beiden Schwimmbädern der Stadtwerke Osnabrück nicht. | Foto: SWO

Einen Mittelweg fährt man dagegen Osnabrück. Während im überregional beliebten Freizeitbad Nettebad die 2G-Regel gilt, gibt es in den anderen beiden Schwimmbädern weiterhin eine Masken- und Abstandspflicht. „Wir möchten unsere Aufgabe der Daseinsvorsoge nachkommen, aber wir müssen auch nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten entscheiden“, erläutert Stadtwerke-Sprecher Sebastian Philipp das Osnabrücker Modell. Nachdem die Bäder monatelang geschlossen bleiben mussten, sei der finanzielle Druck groß. „Unsere ersten Erfahrungen sind gut. Die 2G-Regel ist eine gute Lösung für uns und unsere Badegäste“, sagt Philipp: „Es ist nicht so, dass uns die Leute im Nettebad die Bude einrennen, aber es wird ganz gut angenommen“. Gerade in den kommenden Herbstferien könnte es sich bezahlt machen, keine Kapazitätsbeschränkung mehr zu haben. Dass Badegäste mit gefälschten Impfausweisen sich den Eintritt ins Bad ermogeln wollen, sei zwar schon vorgekommen. „Das betrifft aber nur einen ganz kleinen Anteil der Besucher“, sagt Philipp.

In Hannover gilt derzeit ebenfalls noch die 3G-Regel in den städtischen Bädern wie auch in allen anderen städtischen Einrichtungen. Doch das könnte sich demnächst ändern. „Die Landeshauptstadt Hannover prüft derzeit, wie und in welchen städtischen Einrichtungen sich die 2G-Regel sinnvoll umsetzen lässt“, sagt Rathaussprecher Christian von Eichborn und fügt hinzu: „Unser Ziel ist es, klare Regeln für diese städtischen Einrichtungen aufzustellen. Die Details werden wir in der kommenden Woche vorstellen.“

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #178.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link