Drei Jahre ist es inzwischen her, dass ein Beschluss der Kultusministerkonferenz die niedersächsische Landesregierung dazu veranlasst hat, eine grundlegende Reform der gymnasialen Oberstufe in die Wege zu leiten. Das Abitur müsse vergleichbarer sein, entschied die Runde der Bildungsminister in Reaktion auf ein entsprechendes Gerichtsurteil. Deshalb sollen sich die Anzahl der Unterrichtsstunden aber auch die Wahl der Unterrichtsfächer, die ein Schüler in der Oberstufe belegen muss, nicht mehr so stark von Land zu Land oder je nach Fächerwahl unterscheiden. Niedersachsens Kultusministerin Julia Hamburg (Grüne) wollte die Gelegenheit nutzen, um noch weitere Dinge anzupassen und die gymnasiale Oberstufe einmal grundlegend neu aufzustellen. Denn schließlich stammt die aktuell gültige Verordnung aus dem Jahr 2005 – und damit aus einer ganz anderen Zeit, wie Hamburg im Rundblick-Podcast sagt: „Das muss man sich mal vorstellen: Damals gab es noch überhaupt keine Smartphones. Damals gab es keine KI.“ Die neue Verordnung soll diesen veränderten Anforderungen an Schule nun Rechnung tragen. Oder wie Hamburg es sagt: „Die Verordnung brauchte dringend ein Update.“ Zwei Ziele will sie damit erreichen: größtmögliche Wahlfreiheit für die Schüler bei gleichbleibendem Leistungsniveau und organisatorische Entlastungen für die Schulen in der Abiturphase.

Zwei Eckpunktepapiere und zahlreiche Gesprächsrunden mit Bildungsverbänden und Oberstufenkoordinatoren später hat die Kultusministerin am Donnerstag nun den vorläufigen Verordnungsentwurf öffentlich vorgestellt. Bis Oktober können die Verbände nun noch schriftlich dazu Stellung nehmen. Viel Zustimmung dürfte dem Ministerium aber gewiss sein, schließlich wurden die wichtigsten Entscheidungsträger bereits im Vorhinein eingebunden. Eine Methode, die im Kultusministerium unter Hamburgs Führung verbreitet ist und sich inhaltlich lohnen soll. Die vorgelagerte Beteiligung hat aber auch ihren Preis: sie kostet Zeit. Bis der erste Schüler nach dem neuen Modell sein Abitur in Niedersachsen ablegt, werden noch einige Jahre vergehen – und zwar mehr, als ursprünglich geplant. Statt im Schuljahr 2027/28 soll die Verordnung nämlich erst ein Jahr später in die Praxis umgesetzt werden. Hier hat das Kultusministerium nachgesteuert, damit die Schulen mehr Zeit bekommen, sich auf die Änderungen einzustellen. „Wenn man ein halbes Jahr vorher erst erfährt, was man umsetzen soll, ist das nicht so dankbar“, sagt Hamburg im Podcast-Gespräch. Wer heute Neuntklässler ist, würde demnach also im Sommer 2028 in die neue Einführungsphase in Jahrgang 11 starten. Zur selben Zeit begönnen dann auch die heutigen Zehntklässler mit der neuen Qualifizierungsphase in Jahrgang 12 – nachdem sie die Einführungsphase noch nach der alten Verordnung absolviert haben.
Von heute an gerechnet in vier Jahren hätte dann im Sommer 2030 der erste Abiturjahrgang nach neuem Regelwerk seine allgemeine Hochschulreife erworben, 2031 der erste Jahrgang dann auch komplett nach drei Jahren neuer Oberstufenordnung. Welche Änderungen dann gelten sollen? Ein Überblick:

- Neue Prüfungsformate: Damit Schüler nicht erst im Abitur mit ihrer mündlichen Prüfung konfrontiert werden, sollen bereits ab Jahrgang 11 alternative Prüfungsformate möglich sein. Im Rundblick-Podcast verrät Ministerin Hamburg, dass Präsentationsfähigkeiten heute sogar schon in der Grundschule eine viel größere Rolle spielten. Ab der Oberstufe sollen künftig die kombinierten Leistungsnachweise eine schriftliche Klausur ersetzen können. Denkbar sei da vieles, sagt Hamburg, es hänge aber auch davon ab, was eine Schule anbieten kann. Schüler könnten einen Podcast erstellen, Experimente vormachen oder eine Quizshow vorbereiten und durchführen. Dabei sollen sie lernen, Projekte zu organisieren und Wissen in anderer Form aufzubereiten. Teil der Prüfungsleistung wäre dann auch eine Reflexion des eigenen Vorgehens. Auf die Frage, wie solche Leistungsnachweise vergleichbar bleiben sollen, verweist Ministerin Hamburg auf den Erwartungshorizont, den ein Lehrer für jede Prüfungsform erarbeiten müsse. Mit Handreichungen will das Kultusministerium die Lehrerschaft darauf vorbereiten. Vorerst werden die kombinierten Leistungsnachweise keine Pflicht, damit sich kein Lehrer überrumpelt fühlt.
- Seminarfach wird Projektfach: Seit 2005 lernen Oberstufenschüler im sogenannten Seminarfach die Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens, fertigen eine Seminararbeit an und können darüber hinaus alternative Lern- und Prüfungsformate ausprobieren. Eigentlich wollte das Kultusministerium das Seminarfach als solches abschaffen – auch weil die Seminararbeit nicht mehr als geeignete Prüfungsform gesehen wird, wenn eine Sprach-KI die Arbeit auch verfasst haben könnte. Die Reaktionen aus der Schulpraxis haben ein Umdenken bewirkt. Das Seminarfach sei „so erfolgreich, das darf doch nicht wegfallen“, hätte es geheißen. Deshalb soll künftig verpflichtend ein Fach angeboten werden, in dem fächerübergreifend und projektorientiert gearbeitet werden kann und an dem auch der jeweilige Tutor unterrichten soll. Das wissenschafts-propädeutische Arbeiten sollen die Schüler unterdessen in allen Fächern der Oberstufe gleichermaßen lernen.
- Mehr Wahlfreiheit ab Klasse 11: Für eine Kontroversen sorgte nach Veröffentlichung der Eckpunkte zur Einführungsphase die geplante Möglichkeit, bereits in Jahrgang 11 sehr viel freigiebiger Fächer abzuwählen. Hamburg betont allerdings: Die Anzahl der Fächer, die abgewählt werden können, nimmt nicht zu. In der Einführungsphase haben alle Schüler 30 Wochenstunden. In der Qualifizierungsphase werden 36 Kurse belegt und pro Wochen 32 Stunden unterrichtet. Allerdings sollen künftig auch die zweite Fremdsprache oder Politik abgewählt werden können – was bei den entsprechenden Fachverbänden für Verärgerung gesorgt hat. Hamburg stellt aber klar: „Der Ausgangspunkt unserer Änderungen war, dass alle Fächer gleich sind. Und deshalb behandeln wir jetzt auch alle gleich.“ Das habe zur Folge, dass einige Fächer schlechter gestellt werden, räumt sie ein. Für das Fach Erdkunde aber gilt das explizit nicht. Bislang musste jeder Schüler, der in der Oberstufe Erdkunde belegen wollte, dafür zusätzliche Stunden in Kauf nehmen. Künftig kann Erdkunde einfach zugunsten von Politik oder Geschichte angewählt werden. Die Demokratiebildung käme dadurch nicht zu kurz, meint Hamburg, weil globale Konflikte um Ressourcen sich auch in Erdkunde abbilden ließen. Die Sorge, dass ein Fach komplett verschwinden könnte, teilt die Ministerin ausdrücklich nicht. Politik/Wirtschaft sei ein beliebtes Fach, Fremdsprachen könnten sogar gestärkt werden, weil dann drei Sprachen gemeinsam belegt werden können. Niedersachsen liege zudem mit dem Stundenvolumen in den Sprachen und den Gesellschaftswissenschaften über den KMK-Vorgaben.
- Fester Platz für berufliche Orientierung: In Jahrgang 11 soll die Berufsorientierung in Zukunft einen festen Platz in der Stundentafel haben. Welche Lehrer hier eingesetzt werden, könne jede Schule eigenständig entscheiden, sagt Hamburg. Denkbar wäre der Politiklehrer, aber auch Quereinsteiger oder Klassenlehrer könnten die nötigen Fähigkeiten mitbringen, um die Elftklässler bei der beruflichen Orientierung gut zu begleiten.
- Weniger Bürokratie: Mit der Oberstufenreform sollen die Schulen auch von unnötiger Bürokratie befreit werden. So soll das Studienbuch wegfallen, in dem bislang die Leistungsnachweise auf dem Weg zum Abitur dokumentiert werden. Zudem soll die Prüfungskommission im Abitur von drei auf zwei Lehrkräfte verringert werden.


