
Was der Mensch getrennt hat, möchte der Umweltschutz wieder einen: An drei Orten entlang der Oberweser will der BUND gemeinsam mit anderen Projektpartnern den Fluss wieder mit seinen Auen verbinden. In den kommenden fünf Jahren sollen dazu Deiche geschliffen, Drainagen geschlossen und neue Flutrinnen gebaut werden. Das Ziel ist es, den Fluss zumindest an drei besonders geeigneten Stellen seinem ursprünglichen Zustand wieder näherzubringen. Stillgewässer und Auwälder sollen wieder entstehen und so neuen Lebensraum für Tiere und Pflanzen schaffen. Fachleute sprechen von ökologischen Trittsteinen, die dadurch entstehen würden: viele kleine Zufluchtsorte für Lebewesen, denen die Wasserstraße zu hektisch ist. „An der Oberweser sind viele natürliche Überschwemmungsflächen, Auwälder und Feuchtwiesen verloren gegangen. Gemeinsam mit unseren Partnern entlang der Oberweser wollen wir dem Fluss Teile seines natürlichen Überflutungsraumes zurückgeben“, erklärte Niedersachsens BUND-Landesvorsitzende Susanne Gerstner am Dienstag bei der Vorstellung des Vorhabens. Neben dem naheliegenden Vorteil für den Umwelt- und Artenschutz betonte Gerstner auch noch die Bedeutung für den natürlichen Hochwasser- und Klimaschutz: Wo der Fluss sich entfalten kann, überflutet er keine Dörfer, sondern befeuchtet den Boden langfristig, was wiederum in trockenen Zeiten hilft. Wie wichtig derartige Maßnahmen sind, machte Gerstner an zwei Zahlen fest: Nicht einmal zehn Prozent der Flussauen in Deutschland seien intakt und gerade einmal ein Prozent der ursprünglichen Auwälder sei noch vorhanden.
Zwei der drei Teilprojekte liegen in Nordrhein-Westfalen, eines in Niedersachsen. Südwestlich der Ortschaft Dölme (Samtgemeinde Bevern im Kreis Holzminden) soll eine fünf Hektar große Fläche bearbeitet werden. Laut Projektskizze schließt südlich und östlich Grünland an, nördlich grenzt eine Ackerparzelle an die Fläche. Weil ein Damm derzeit verhindert, dass die Weser über das Ufer treten und die Aue sowie die aus dem 19. Jahrhundert stammenden Uferteiche fluten kann, soll der Deich zurückgebaut und das Rinnensystem so umgestaltet werden, dass es das Wasser früher hindurchlässt. Günstige Eigentumsverhältnisse machen die Fläche zu einem geeigneten Standort für das Verbundprojekt, denn 30 Prozent gehören dem Kreis Holzminden, 60 Prozent der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung und lediglich die übrigen zehn Prozent sind in Privatbesitz. „Die Zusammenarbeit aller Akteure an der Oberweser, etwa aus der Landwirtschaft und der Schifffahrtsverwaltung, ist uns wichtig“, erklärte dazu Michael Buschmann von der Naturschutzbehörde des Landkreises. Um die Akzeptanz bei den Bürgern zu steigern, will die Kommune auf einem Naturerlebnis-Platz am nahegelegenen Weser-Radweg Informationsangebote bereitstellen. Während in diesem Fall der Landkreis als Projektträger auftritt, übernimmt der BUND Niedersachsen die Umsetzung des Teilprojektes „Herrengraben“ in der Gemeinde Kalletal im Kreis Lippe. Das dritte Teilprojekt mit dem Namen „Modde“ setzt der Landkreis Minden-Lübbecke in der Gemeinde Porta Westfalica um.
Die Partner aus Verbänden und Behörden bezeichnen das Verbundprojekt als Blaupause oder Pilotprojekt für vergleichbare Vorhaben. Gelernt werden soll daran auch, wie Planungsprozesse in Zukunft beschleunigt werden können. Seit über zehn Jahren arbeitet der BUND an der Idee, entlang der Oberweser etwas für die Wiederherstellung der Flussauen zu tun. Nach der Gründung eines Initiativkreises, der Verabschiedung einer gemeinsamen Erklärung, zahlreichen Vorgesprächen mit Anliegern und der Erarbeitung einer Vorstudie folgt nun endlich die praktische Umsetzung. Möglich macht das auch das Bundesprogramm „Blaues Band“, mit dem die Bundesregierung seit 2017 die Renaturierung der Bundeswasserstraßen fördert. Im Verbundprojekt „Oberweser-Auen“ sorgt dieses Programm nicht nur für nötiges Fördergeld – insgesamt über vier Millionen Euro sind für die Arbeiten an der Weser vorgesehen. Das „Blaue Band“ hilft auch entscheidend dabei, die Grenzen von Zuständigkeiten und Eigentum zu überspringen. Denn darum geht es: den Fluss, der juristisch eine Wasserstraße des Bundes ist, mit den angrenzenden Auen, die mal kommunale, mal private Eigentümer haben, in gutem Sinne zu verbinden und künstliche Grenzen zu überwinden – damit das Wasser wieder freier fließen kann.


