
Dürfen automatisierte Dorfläden und Mini-Supermärkte sonntags geöffnet haben – auch wenn kein Personal im Einsatz ist? Diese Frage beschäftigt derzeit die Republik. Einige Bundesländer haben auf das Aufkommen der sogenannten Smart Stores bereits mit Anpassungen ihrer Ladenschlussgesetze reagiert, in Niedersachsen steht dieser Schritt jedoch noch aus. „Wir denken, dass solche Modelle dort helfen können, wo Nahversorgung fehlt, und dass sie dazu beitragen können, Leerstände nachzunutzen“, sagte IHKN-Hauptgeschäftsführerin Monika Scherf bei einer Expertenrunde. Für die inzwischen fast 90 Smart Stores im Land fehle aber weiterhin eine klare gesetzliche Grundlage. Denn ohne Sonntagsöffnung – darin waren sich alle Beteiligten einig – sei der Betrieb der automatisierten Mini-Supermärkte wirtschaftlich kaum tragfähig.
Dass Smart Stores längst kein Nischenphänomen mehr sind, machte der Heilbronner Handelswissenschaftler Prof. Stephan Rüschen deutlich. Der Professor für Lebensmittelhandel erforscht die „digitalen Kleinstsupermärkte“ seit 2021 und zählt bereits 780 derartige Geschäfte in Deutschland. Rund 310 dienen laut Rüschen der Nahversorgung, 200 der Direktvermarktung durch Landwirte, 110 finden sich in Innenstädten und 80 werden von Fachhändlern wie Bäckern oder Metzgern betrieben. „Mindestens jeden zweiten Tag wird ein neuer Store in Deutschland eröffnet“, berichtete Rüschen. Niedersachsen sei dabei hinter Bayern und Baden-Württemberg der drittgrößte Markt. Die Konzepte seien vielfältig, meist aber unbemannt, bargeldlos, auf kleiner Fläche und rund um die Uhr geöffnet. Der Zutritt erfolgt in der Regel per Identifikation über EC- oder Mitgliedskarte. Eine gesetzliche Regelung sei längst überfällig, sagte Rüschen: „Bisher wurden die Läden geduldet, weil man sie will oder es einen rechtlichen Graubereich gibt.“

Marktführer ist die Enso-Gruppe aus Bremen, die mit „Tante Enso“ ein genossenschaftliches Modell verfolgt. „Wir möchten eine Vollversorgung in die ländliche Region bringen und das mit den Menschen gemeinsam vor Ort entwickeln“, erklärte Geschäftsführer Norbert Hegmann. Nach seinen Angaben haben über 60.000 Menschen rund zehn Millionen Euro in Genossenschaftsanteile investiert – etwa zehn Prozent der Gesamtinvestitionen. Von den bundesweit 79 Filialen befinden sich 35 in Niedersachsen, weitere 17 sind in Planung. „Wir haben in Niedersachsen entweder den Status der Duldung oder der Sondergenehmigung, aber wir hoffen auf eine gesetzliche Klarstellung“, sagte Hegmann. „Sonntag ist unser stärkster Tag, an dem wir 19 Prozent des Wochenumsatzes machen.“ Ohne den Sieben-Tage-Betrieb sei das Konzept kaum wirtschaftlich. Optimal funktioniere es auf 200 bis 300 Quadratmetern, wo eine Vollversorgung möglich sei. Eine Flächenbegrenzung hält Hegmann zwar für richtig, die in einigen Ländern geltende Grenze von 150 Quadratmetern sieht er aber kritisch: „Flächen unter 150 Quadratmetern fassen wir zum jetzigen Zeitpunkt gar nicht mehr an.“
Auch die Bünting-Gruppe aus Leer, bekannt durch ihren Tee sowie die Supermarktketten Famila und Combi, experimentiert mit neuen Vertriebsformen. Das ostfriesische Handelsunternehmen probiert unter der Marke „C-Box“ verschiedene Varianten vollautomatischer Märkte aus, die ohne Personal auskommen. „Sonntags ist unser stärkster Tag, der ist essenziell notwendig, um das Konzept am Laufen zu halten“, betonte Kevin Schröder, stellvertretender Leiter der Unternehmensentwicklung. Dass der Laden rund um die Uhr geöffnet sei, spiele dagegen kaum eine Rolle: „Die Kunden, die um 2 oder 3 Uhr kommen, die bringen uns nicht unbedingt den Umsatz, aber den Ärger.“ Die C-Box-Standorte in Lingen (Landkreis Emsland), Nortmoor und Bingum (beide Landkreis Leer) schließen spätestens um 23 Uhr. Das Sortiment ist je nach Größe unterschiedlich, die Preise entsprechen denen in den regulären Combi- und Famila-Märkten. Sonderangebote gibt es nicht, weil die Ware sonst zu schnell ausverkauft wäre. Auch C-Box befindet sich auf Wachstumskurs: In Leer wurde Mitte November eine neue Filiale eröffnet, im 1300-Einwohner-Ort Wymeer an der niederländischen Grenze startet ebenfalls im November ein Containerstandort. Schröder berichtete: „Wir haben jetzt schon eine zweistellige Anzahl an Bewerbungsanfragen, wo wir Standorte prüfen.“

In der niedersächsischen Landesregierung ist das Thema bereits angekommen. Nach Angaben von IHKN-Referentin Kathrin Wiellowicz arbeitet das Haus von Wirtschaftsminister Grant Hendrik Tonne gemeinsam mit dem Sozial- und dem Innenministerium an einer entsprechenden Gesetzesnovelle. „Wir stehen mit dem Wirtschaftsministerium in einem sehr guten Austausch“, sagte Wiellowicz. Da die digitalen Kleinstsupermärkte gerade bei der Wiederbelebung von Dorfzentren eine wichtige Rolle spielen und zur Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in Stadt und Land beitragen können, lobte auch der CDU-Landtagsabgeordnete Axel Miesner aus Osterholz das Konzept. In Niedersachsen dürfte damit der Weg frei sein für eine eher liberale Regelung zugunsten der Smart Stores – ähnlich wie sie in Sachsen-Anhalt bereits gilt und in Schleswig-Holstein derzeit vorbereitet wird.


