31. März 2026 · 
MeldungVerkehr

Wirtschaftliche Chancen und ökologische Grenzen: Der Streit um die B210n in Aurich

Unternehmen fordern Tempo, Umweltverbände warnen vor Eingriffen in die Landschaft: Warum auch in Ostfriesland ein wichtiges Infrastrukturprojekt nicht vorankommt.

Eine Computeranimation zeigt, wie ein Überflug über die geplante Ortsumgehung für Aurich aussehen könnte. | Foto: NLStBV/Screenshot

Niedersachsen kommt bei seinen großen Verkehrsprojekten einfach nicht voran. Egal ob bei der A39 von Lüneburg nach Wolfsburg, bei der Küstenautobahn 20 oder dem Ausbau der Europastraße 233 im Emsland – das Muster ist immer gleich: Offene Finanzierungsfragen und Klagen verhindern die Umsetzung längst getroffener Beschlüsse. In Aurich sieht das nicht anders aus: Eine neue Schnellstraße, die Bundesstraße 210 neu (B210n), soll die Kreisstadt endlich direkt mit der Autobahn 31 verbinden, die von Emden zur A2 nach Bottrop führt. Gleichzeitig soll sie als Umgehungsstraße fungieren und den Durchgangsverkehr aus den Ortskernen heraushalten. Inmitten festgefahrener Planungsverfahren herrscht beim Straßenbau jedoch Stillstand, während der Unmut in der regionalen Wirtschaft wächst.

"Die Landesregierung und auch die Bundesregierung sagen uns, dass sie für das Projekt sind. Aber irgendwie geht es nicht weiter", stellt Christian Averbeck fest. Der Wäschereiunternehmer ist Vorstandsmitglied im Verein "Pro B210n", in dem allein über 70 Firmen für das Straßenbauprojekt werben. Darunter finden sich regionale Schwergewichte wie der Windenergie-Riese Enercon, der Baustoff-Konzern Trauco oder der Glaskonstrukteur Schüt-Duis, deren Logistik täglich im Nadelöhr der alten Landstraßen feststeckt. „Die Rückmeldung vieler Mitglieder lautet mittlerweile: Ich erlebe die Fertigstellung nicht mehr“, berichtet Averbeck. Das Wirtschaftsministerium wirbt indes für Optimismus. „Wenn der Baubescheid da ist, wird es schnell gehen“, sagte Staatssekretär Matthias Wunderling-Weilbier bei einem Vor-Ort-Termin im Herbst 2025.

Kämpft für einen Baustart der B210n: Unternehmer Christian Averbeck. | Foto: Link

Diese Hängepartie hinterlässt tiefe Spuren im Vertrauen der lokalen Wirtschaft in die Handlungsfähigkeit des Staates, die das Projekt als große Chance für den Standort betrachtet. „Die B210n ist kein Luxus, sondern eine Voraussetzung für den künftigen Erfolg der Wirtschaft und auch des Tourismus", sagt Jörg Thoma, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands für Ostfriesland und Papenburg. IHK-Präsident Theo Eilers erhofft sich ähnliche Effekte wie damals beim Lückenschluss der A31. Und auch Averbeck ist sich sicher: "Die Region wird davon enorm profitieren. Denn wenn die Infrastruktur erst da ist, werden sich weitere Unternehmen ansiedeln. Dann haben die Menschen weiterhin Arbeit und sie können ihr Leben bei uns in der Region positiv gestalten."

Doch den Befürwortern steht heftiger Widerstand gegenüber, der die B210n als „schlecht gealterte Idee“ aus dem vergangenen Jahrhundert ablehnt. Bürgerinitiativen und Umweltverbände warnen vor einer massiven Flächenversiegelung und der Zerschneidung der für Ostfriesland typischen Wallheckenlandschaft. Sie bezweifeln, dass der Neubau von Straßen die Verkehrsprobleme löst, und fordern stattdessen, die Milliardeninvestitionen konsequent in die Schiene und den öffentlichen Nahverkehr zu lenken. Der Auricher SPD-Landtagsabgeordnete Wiard Siebels mahnt jedoch, dass ein mehrheitlich beschlossenes Vorhaben nicht über die Hintertür wieder gestoppt werden dürfe. „Nicht die Lautesten dürfen bestimmen, sondern die Mehrheiten", betont er.

Laut Bundesverkehrswegeplan soll die neue B210 rund fast 34 Kilometer lang werden. Die Kosten werden mit 114 Millionen Euro veranschlagt. | Grafik: Bundesverkehrswegeplan 2030

Zusätzliches Gewicht erhält die Planung durch eine neue sicherheitspolitische Komponente. Staatssekretär Wunderling-Weilbier verweist darauf, dass „leistungsfähige Ost-West-Verbindungen im Norden“ angesichts der Weltlage an Bedeutung gewinnen, um die militärische Mobilität zwischen den Seehäfen Emden und Wilhelmshaven zu gewährleisten. Parallel dazu rückt die medizinische Daseinsvorsorge in den Fokus: Die geplante Zentralklinik in Georgsheil ist auf eine schnelle Erreichbarkeit angewiesen. „Das Projekt ist auch wichtig für die Anbindung an das Zentralklinikum Georgsheil. Durch die Bundesstraße wird die Notfallversorgung viel besser gewährleistet“, betont Averbeck.

Und wie geht es nun weiter? Die B210n ist derzeit in mehrere Planungsabschnitte unterteilt. Für den vordringlichen Bereich rund um Aurich läuft das Planfeststellungsverfahren, in dem die Behörden Tausende von Einwendungen prüfen müssen. Erst wenn der Planfeststellungsbeschluss vorliegt und rechtssicher ist – also mögliche Klagen vor dem Oberverwaltungsgericht abgewiesen wurden – besteht Baurecht. Parallel dazu muss der Bund im Fernstraßenausbaugesetz die nötigen Gelder im Haushalt festschreiben. Bis zum ersten Spatenstich dürften daher, selbst ohne weitere politische Verzögerungen, noch mehrere Jahre vergehen.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #062.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link

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