Schonfrist für die Nord/LB: Angebote können in Ruhe gewichtet werden
Zum Ende dieser Woche dürften die Würfel fallen, wie es um die Zukunft der Nord/LB bestellt sein soll. Hatten Insider zunächst vermutet, dass die Entscheidungen schon Ende vergangener Woche unter Zeitdruck getroffen werden müssen, so gibt es jetzt eine Verschnaufpause. Derweil ist eine „öffentlich-rechtliche Lösung“, also der Einstieg von Landesbanken und Sparkassen in die Nord/LB, inzwischen die absolut wahrscheinlichste Lösung. Die privaten Anbieter, nämlich die US-Finanzinvestoren Cerberus und Centerbridge, sind zwar noch nicht aus dem Rennen. Sie haben mittlerweile aber deutlich schlechtere Chancen als noch vor ein paar Wochen. Der Grund dafür liegt in den Bewegungen, die mittlerweile im Sektor der öffentlich-rechtlichen Kreditinstitute erkennbar sind.
Am Sonnabend hatten Cerberus und Centerbridge ihre Angebote eingereicht. Beide, die anfangs in Konkurrenz zueinander standen, sollen sich inzwischen miteinander verbündet haben. Für die Prüfung der Vorschläge soll sich der Nord/LB-Aufsichtsrat nun einige Tage Zeit nehmen können. Der Druck in Richtung einer sehr schnellen Entscheidung, der vor allem von der EU-Bankenaufsicht und der Bankenaufsicht der Bundesbank ausgegangen war, ist nun nicht mehr so stark spürbar. Die Europäische Zentralbank hatte zunächst Entscheidungen zur Stärkung der Kapitalbasis der Nord/LB angemahnt und gleichzeitig angedroht, bei einem Fehlschlag der Verhandlungen über einen Investor sofort tätig zu werden. Die Frist endete vergangenen Freitag. Damit sah es zunächst so aus, als würde bei einem Nein des Nord/LB-Aufsichtsrates zu einem Angebot von Cerberus und Centerbridge (andere hatten kein Angebot eingereicht) die Bankenaufsicht sofort tätig werden und die Kontrolle über die Nord/LB übernehmen. In diesem Fall wäre die Abwicklung der Nord/LB eingeleitet worden. Die Gruppe der Landesbanken und Sparkassen hatte zunächst erwogen, diese Eskalationsstufe abzuwarten und dann erst das Modell eines eigenen „Sonderopfers Nord/LB“ vorzuschlagen.
Nord/LB kann stressfrei agieren
Inzwischen sollen die europäische und die deutsche Bankenaufsicht signalisiert haben, dass keine solche Eile mehr besteht. Das heißt nun, dass der Nord/LB-Aufsichtsrat ohne Stress agieren kann. Das neue Angebot der US-Firmen könnte besser aussehen als die bisherigen, was in diesem Fall bedeutet, dass die Finanzinvestoren womöglich ein längeres Investment als sieben Jahre versprechen. Auch eine Klausel, dass bei einem Ausstieg der Investoren das Land als bisheriger Mehrheitseigentümer verpflichtet wäre, die eigene Mehrheit abzutreten (ein Schritt, den Preis der Beteiligung zu erhöhen), dürfte von Cerberus und Centerbridge nicht mehr ernsthaft angestrebt werden. Auch das Lager der Landesbanken und Sparkassen soll, heißt es, seine Strategie geändert haben. Man wolle nun nicht mehr auf ein Scheitern der Verhandlungen mit Cerberus und Centerbridge warten, sondern das eigene Angebot unabhängig davon schon in dieser Woche präsentieren. Angeblich sind Überlegungen im Sparkassenlager, die Nord/LB aufzuspalten und Teile wie die Braunschweiger Landessparkasse herauszulösen, inzwischen vom Tisch. Es geht vielmehr um eine Kapitaleinlage der Sparkassen- und Landesbankenfamilie in die Nord/LB, deren Höhe jedoch noch unklar ist – ebenso wie die Frage, welchen Betrag das Land Niedersachsen als Hauptanteilseigner an der Nord/LB stemmen müsste. Je mehr die Sparkassen und Landesbanken aufbringen, desto kleiner kann der Anteil Niedersachsens werden.
Die Sparkassen und Landesbanken sind auch deshalb genötigt, aktiv zu werden, weil die Alternative für sie dramatisch enden könnte. Sollten die Verkaufsgespräche mit US-Investoren scheitern und keine Auffanglösung der Sparkassenfamilie bestehen, würde die EU-Bankenaufsicht die Abwicklung der Nord/LB einläuten. In diesem Fall müsste der Haftungsverbund der öffentlich-rechtlichen Banken vorrangig einspringen. Wenn sich dieser Haftungsverbund aber weigern sollte, für die Nord/LB einzustehen, könnte die EZB die Glaubwürdigkeit dieses Verbundes als solchen anzweifeln und die tragende Säulen des Sparkassensystems in Deutschland zum Einsturz bringen. Das offenbar will die Bankenaufsicht gar nicht, sie soll in Hintergrundgesprächen den Landesbanken und Sparkassen aber die möglichen Konsequenzen sehr drastisch aufgezeigt haben. Angeblich ist das der Grund dafür, dass die Sparkassen jetzt – sehr spät – Interesse an der Nord/LB zeigen.Dieser Artikel erschien in Ausgabe #016.