Eine Anfrage der AfD-Landtagsfraktion zur Messerkriminalität im ÖPNV deckt auf: Den Wortakrobaten im niedersächsischen Sicherheitsapparat ist auf halber Strecke die Puste ausgegangen. Was als Akronym-Feuerwerk begann, endet in der tristen Öde bürokratischer Buchstabensalate.
Die AfD wollte wissen, was die Landesregierung außer Waffenverbotszonen und KNIFE noch für Pläne hat, um Bus und Bahn sicherer zu machen. KNIFE, das muss man wissen, steht für „Kriminalitätsanalyse, Nachhaltige Interventionen, Fallanalysen, Eskalationsvermeidung“ – und das ist kein Scherz, sondern der echte Name eines LKA-Forschungsprojekts. Vermutlich hat hier das Semantische Eskalations-Kommando (SEK) zugeschlagen, das so lange an den Begrifflichkeiten feilte, bis das Ergebnis der Akronymsuche exakt die Tatwaffe buchstabiert. Ein sprachlicher Volltreffer mit maximaler Durchschlagskraft.
Aber zurück zur Antwort: Neben KNIFE hat das LKA Niedersachsen auch noch SINN. Das Projekt „Sicherheit im innerniedersächsischen Nahverkehr“ soll analysieren, wie behütet sich die Nutzer fühlen. Dass die Daten dafür unter anderem aus der bundesweiten Dunkelfeldstudie SKiD stammen, klingt nach einer vertanen Chance. Entweder versteht man beim BKA keinen Spaß oder stellt dort aus Prinzip keine Germanisten ein.

Allerdings haben offenbar auch die Akronym-Asse aus Hannover ihr Pulver verschossen: Bei der „Niedersächsischen periodischen opferbezogenen Dunkelfelderhebung“ wurde die Fahndung nach einem griffigen Namen eingestellt, sodass nur N-PoD herauskam. N-PoD? Das klingt nach einem veralteten MP3-Player, nicht nach Gefahrenabwehr. Dabei wäre mehr drin gewesen: In der Logik des Hauses hätte man die Erhebung doch auch NIGHT („Niedersächsische Initiative gegen Hinterhalte und Tatgeschehen“) nennen können.
Völlig erschöpft zeigten sich die Wortschöpfer schließlich bei KURBAS. Das „Kompetenzzentrum Urbane Sicherheit“, das SINN durchführt, kommt ohne jeden sprachlichen Pfiff daher. Dabei hätte es doch auch FIST sein können, das „Fachzentrum für Innerstädtische Sicherheit und Teamarbeit“.
Aus der Antwort der Landesregierung lernen wir allerdings noch etwas anderes: In Niedersachsen sitzt das Akronym möglicherweise lockerer als das Messer. Denn schon in der Einleitung stellt das Innenministerium fest: "Derzeit liegt keine statistische Grundlage vor, die eine gestiegene Messerkriminalität speziell im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) belegt." Man bekämpft also ein Phänomen, dessen Ausmaß man erst noch ermitteln muss – hat dafür aber schon mal richtig scharfe Namen parat.
Und während man mancherorts noch mit Buchstaben jongliert, um statistische Leerstellen zu füllen, wird anderswo in Niedersachsen bereits mit harten Fakten und handfesten Gesetzen hantiert:
Ein scharfsinnigen Start in den Tag wünscht
Ihr Christian Wilhelm Link


