30. Apr. 2026 · 
KommentarWirtschaft

Räumungsverkauf der Relevanz: Warum die Hannover-Messe an sich selbst scheitert

Die Ära der Staatsmesse neigt sich dem Ende zu: Sanierungsstau in Milliardenhöhe und Besucherschwund zwingen den Messestandort Hannover zur Neuaufstellung.

Einfach zu groß: Das Messegelände in Hannover wird in diesen Dimensionen einfach nicht mehr benötigt. | Foto: Deutsche Messe

Die Krise des Messestandorts Hannover lässt sich an einer Zahl festmachen: 110.000. So viele Besucher zählten die Veranstalter in diesem Jahr bei der Hannover-Messe, dem Flaggschiff der Deutschen Messe AG. Was in der offiziellen Bilanz als Erfolg trotz „erschwerter Rahmenbedingungen“ verkauft wird, ist in Wirklichkeit ein Alarmsignal. Innerhalb von nur zehn Jahren ist die Weltleitmesse der produzierenden Industrie auf nicht mal 50 Prozent ihrer Reichweite geschrumpft. Im Rekordjahr 2017 verzeichnete die Industrieschau noch stolze 225.000 Gäste. Dieser Schwund lässt sich nicht nur auf Streiks bei Lufthansa und Üstra, Veranstaltungsmüdigkeit seit Corona oder die globalen Widrigkeiten schieben, die dem Event zwar sicher keinen Gefallen getan haben. Das eigentliche Problem aber liegt tiefer: Wer heute nach Hannover fährt, bekommt auf dem Messegelände zwar viel zu sehen. Der Besucher erlebt aber quasi nichts, wo er sagen kann: Das ist neu, das passiert jetzt, und das gibt es nur hier zu sehen.

Das popkulturelle Phänomen Fomo ("Fear of missing out") sucht man bei der Hannover-Messe vergeblich. Wer zur Gamescom fährt, erwartet neue Computerspiele zu sehen, die er noch nicht kennt. Wer die IAA Mobility besucht, rechnet mit neuen Autos. In Hannover ist das anders. Hier dominieren Weiterentwicklungen. Das meiste, was gezeigt wird, war in ähnlicher Form bereits in den vorherigen Ausgaben zu sehen oder wird parallel in anderen Formaten präsentiert. Für Fachbesucher mag das Gezeigte trotzdem relevant und interessant sein, aber es erzeugt keinen Moment der Dringlichkeit. Es gibt kaum Weltpremieren, kaum Produkte, die exklusiv hier gezeigt werden, kaum Inszenierungen. Solange Unternehmen ihre wichtigsten Ankündigungen unabhängig von der Messe platzieren, bleibt die Hannover-Messe ein Ort der Einordnung, nicht der Enthüllung.

Dazu passt, dass die Messe ihre eigenen Highlights zu wenig sichtbar macht. Wer nach den wirklich relevanten Innovationen sucht, muss sie selbst aufstöbern. Es gibt keine klare Achse, keine kuratierte Auswahl, keine Verdichtung der entscheidenden Themen an einem Ort. Stattdessen verteilt sich das Interessante über das gesamte Gelände. Für Experten mag das funktionieren. Für die allgemeine Wahrnehmung und internationale Strahlkraft ist es ein Nachteil. Eine Leitmesse braucht nicht nur Inhalte, sondern auch eine erkennbare Dramaturgie. Mit der Center Stage in Halle 25 hat die jüngste Auflage der Hannover-Messe endlich einen zentralen Ort geschaffen, wo die Redner auftreten, die bekannt und wichtig sind. Auf der Ausstellungsfläche ist es bisher nur gelungen, deutlich zu machen, wohin sich der normale Messebesucher am besten gar nicht hin verirren sollte. Ja, genau, ich meine die Bereiche, wo gelangweilte Standmitarbeiter eigentlich den ganzen Tag nichts zu tun haben und in den spannenderen Momenten ihres Arbeitstages immerhin ein bisschen auf dem Handy herumspielen.

Eine der schöneren Marschrouten auf dem Messegelände: Der Skywalk vom Bahnhof zum Eingang. | Foto: Deutsche Messe

Das Problem beginnt mit dem Gelände selbst, das mit seinen 390.000 Quadratmetern einen logistischen Klotz am Bein darstellt. Das Flächenkonzept für die Hannover-Messe ist deswegen auch kein Konzept, sondern ein historischer Unfall: Die Themenbereiche liegen so weit verstreut, dass der Besuch zum Gewaltmarsch oder zur unglaublichen Reise in einem verrückten Bus ausartet. Und wer eine halbe Stunde auf dem Weg von „Automation“ zu „Energy“ herumirrt, spart diese Zeit beim Netzwerken und Herumstöbern wieder ein oder verbucht das einfach als schlechte Hannover-Erfahrung. Während Veranstaltungen wie die Agritechnica oder die Ideen-Expo ihre Inhalte stark bündeln, die Räume zwischen den Hallen zu nutzen wissen und Besucher gezielt durch wenige zentrale Bereiche führen, zerfasert die Hannover-Messe in zahlreiche Themeninseln. Hier rächt sich, dass andere Standorte wie Düsseldorf längst hunderte Millionen in die Verdichtung und Modernisierung ihrer Flächen investiert haben, während Hannover an seiner gigantischen, an der zerfaserten Struktur festhält. Die Messe Hannover muss schrumpfen, um wieder zu wachsen – durch radikale Verdichtung auf eine erlebbare Kernfläche.

Diese räumliche Zerfaserung korrespondiert mit einer inhaltlichen Beliebigkeit. Die Hannover-Messe will alles gleichzeitig sein: Plattform für industrielle Transformation, Schaufenster für Energiewende, Treffpunkt für Digitalisierung und inzwischen auch Bühne für sicherheitsnahe Industrieproduktion. All diese Themen sind berechtigt und spiegeln reale wirtschaftliche Entwicklungen wider. Doch das Ergebnis ist eine strategische Unschärfe, die im harten Wettbewerb bestraft wird. München hat sich mit der IAA Mobility und der Electronica als globaler Tech-Hub und Chip-Zentrum unentbehrlich gemacht, während Düsseldorf etwa mit der Printmesse Drupa oder Kunststoffschau "K" die absolute Hoheit über die Prozess- und Materialindustrie verteidigt. Hannover flüchtet sich in die Breite, während spezialisierte Fachmessen dem trägen Schlachtschiff die Beute abjagen. Wer heute wissen will, was in der Automatisierung wirklich Stand der Technik ist, fährt oft lieber zur Smart Production Solutions (SPS) nach Nürnberg. Dort ist der Fokus schärfer, die Wege sind kürzer und die Dichte an echten Fachgesprächen höher. Hannover droht zunehmend, zwischen diesen hochspezialisierten Branchenevents einerseits und den großen Inszenierungen andererseits zerrieben zu werden.

Hat man alles schon woanders gesehen: Katherina Reiche und Friedrich Merz erleben auf der Hannover-Messe auch keine großen Überraschungen. | Foto: Deutsche Messe

Am deutlichsten wird diese Schwäche beim Erlebnis vor Ort, das eine emotionale Nulllinie ist. Die Hannover-Messe ist fachlich exzellent, aber atmosphärisch tot. Wer über das Gelände geht, merkt schnell: Hier passiert das, was die Standbetreiber organisieren. Und wenn sie nichts organisieren, passiert auch nichts. Während modernere Formate wie das OMR Festival in Hamburg zeigen, dass man selbst komplexe Business-to-Business-Themen mit der Energie eines Rockkonzerts aufladen kann, um echte Begeisterung und Bindung zu erzeugen, regiert in Hannover die norddeutsche Nüchternheit. Wenn die Aussteller um 18 Uhr ihre Stände schließen, fällt das Gelände weitgehend ins Koma. Und während der Standzeiten fehlen zentrale Bühnen, es fehlt ein Live-Programm und es fehlt ein soziales Zentrum. Diese kühle Atmosphäre passt zwar zum Klischee der Ingenieurskunst, ist aber Gift für ein Event, das Menschen aus aller Welt binden soll. Wer sich nicht wohlfühlt, kommt nicht wieder.

Die Einbindung der Stadt bleibt ebenfalls hinter ihren Möglichkeiten zurück. Partnerländer wie Brasilien werden auf dem Gelände mit großem Pathos begrüßt – in der Innenstadt von Hannover merkt man davon exakt: nichts. Bei jedem Fußballspiel gibt es mehr Atmosphäre. Die Stadt fungiert als Bettenlager, nicht als Gastgeber. Mit einem Ausländeranteil bei den Übernachtungen von nur 20 Prozent – weit unter dem Schnitt anderer Messestädte – bleibt die Messe ein vom Umfeld isoliertes Ereignis. Restaurants, öffentliche Räume, kulturelle Angebote – all das könnte Teil einer größeren Inszenierung sein. Stattdessen existieren Messe und Stadt weitgehend aneinander vorbei. Das nimmt der Veranstaltung einen Teil ihrer Wirkung, denn internationale Gäste erleben die niedersächsische Landeshauptstadt bestenfalls als funktionalen Standort, nicht als lebendigen Gastgeber. Dass das auch viel besser geht, hat man bei jedem Fußball-Großevent beobachten können, in das Hannover irgendwie eingebunden war.

„Grundsätzlich schließen die Anteilseigner eine Beteiligung privater Investoren [...] nicht kategorisch aus.“

Dass ein Wandel nun unausweichlich ist, macht auch ein jüngst bekannt gewordener Bericht des Landesrechnungshofes deutlich, der den Sanierungsstau für das Messegelände auf über eine Milliarde Euro beziffert. „Der Immobilienbestand inklusive des notwendigen Sanierungsbedarfs auf dem Gelände der Hannover-Messe werden derzeit intensiv analysiert“, erklärt Sebastian Schumacher aus dem Wirtschaftsministerium auf Rundblick-Anfrage. Ziel sei es, auf Basis der Ergebnisse „alle Optionen, möglicherweise auch im Zusammenspiel mit externen Akteuren, zur Anpassung des Messegeländes zu prüfen.“ Auch die zukünftige Einbindung privater Partner ist möglich. Das Land Niedersachsen und die Landeshauptstadt Hannover, die jeweils etwa 50 Prozent der Anteile an der Deutschen Messe AG halten, betonen gegenüber dem Politikjournal Rundblick: „Grundsätzlich schließen die Anteilseigner eine Beteiligung privater Investoren, auch in Form anderer Messegesellschaften, unter Erfüllung bestimmter Kriterien nicht kategorisch aus. Ein potenzieller externer Investor müsste jedoch Bezug zum Messegeschäft und idealerweise auch eigene Veranstaltungen im Portfolio haben, die zu einer Auslastung des Messegeländes beitragen würden.“

Dass die Anteilseigner diesen Weg nun offiziell ebnen, lässt darauf schließen, dass die Ära der Staatsmesse in Hannover zu Ende geht. Die Milliarden-Mahnung des Rechnungshofes könnte nun wie ein Brandbeschleuniger für eine Reform wirken, der seit Corona längst überfällig war. Die angekündigte Laufzeitverkürzung für die Hannover-Messe auf vier Tage ab 2027 kann dabei nur ein Anfang sein, um den Fokus zu schärfen. Wenn der Standort langfristig in der Champions League der Messen mitspielen will, muss er auch das Gelände radikal verdichten und endlich wieder jene Exklusivität bieten, die echte Weltpremieren nach Niedersachsen lockt. Ansonsten bleibt die Hannover-Messe das, was sie gerade ist: Ein überdimensioniertes Industrie-Kaufhaus mit bröckelndem Weltruf, dem die Kunden und die Relevanz abhandenkommen.

Dieser Artikel erschien am 30.4.2026 in Ausgabe #081.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link

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