18. März 2026 · 
TagesKolumne

Publizistik oder Prostitution?

Stürmische Zeiten – auch für Zeitungen. Die Medienbranche wandelt sich und geht dabei nicht zimperlich miteinander um.

Wer allen einen Schritt voraus sein will, steht manchmal auch einfach einsam und allein da. Gabor Steingart versteht sich selbst als Medienpionier. Und wir haben ihm einiges zu verdanken. Er hat das Briefing groß gemacht. Und er bietet Podcasts hinter Bezahlschranken. Das ist nicht dumm, das war sehr innovativ. Und doch weckt auch sein Modell eines modernen Massenmediums Zweifel und Skepsis. Wie finanziert er die Flotte, während andere eine Flaute spüren?

Papierboot auf hoher See. | Foto: Sandra Kamerbeek via Getty Images

Manchmal hilft es, einen Stein ins Wasser zu werfen, um den Wellen ein wenig Schwung abzuringen. So lässt sich vielleicht Steingarts Kolumne vom Montag verstehen, mit der er ehemalige Weggefährten erheblich gegen sich aufgebracht hat – allen voran Dagmar Rosenfeld und Robin Alexander, die sich gerade mit ihrem „Machtwechsel“-Podcast selbstständig gemacht haben.

Was war da los? Steingart bewarb ein neues Abo-Modell für seine Plattform „The Pioneer“. Für 5000 Euro kann man lebenslange Leserechte erwerben. (Vielleicht auch eine Idee für den Rundblick?) Die Werbung in eigener Sache garnierte Steingart mit gepfefferter Kritik an „renommierten Journalisten“, die in ihren Podcasts Werbetexte vorlesen. Host-Read-Ads nennt man das – ich kenne das aus vielen meiner Lieblingspodcasts von Micky Beisenherz bis Anne Will.

Steingart findet das „klebrig“ und meint, diese Form der Erwerbsarbeit sei keine Publizistik mehr, sondern Prostitution. Wenig verwunderlich, dass Rosenfeld und Alexander das wiederum stil- und anstandslos finden. Aber immerhin hat diese Welle nun dazu geführt, dass sowohl ich als auch Sie nun vom Lifetime-Abo-Modell aus dem Hause „Pioneer“ erfahren haben. Der Motor läuft gut mit Empörung, auch wenn Steingart gönnerhaft die Entpörung fordert.

In der Politik ist aktuell gar nicht so wenig los, aber manchmal schreiben die Medien ihre Schlagzeilen auch selbst. Kürzlich lud die Madsack-Mediengruppe zum Branchentreffen in die "Alte Druckerei", in der längst keine Zeitungsseiten mehr schwarz gemacht werden. Mein Kollege Christian Wilhelm Link hat sich angehört, wie man dort über die „Future of German Media“ nachgedacht hat. Der deutsche Journalismus – ob Tageszeitung oder öffentlich-rechtlicher Rundfunk – befinde sich in der „Crunchtime“, heißt es da.

Was das bedeuten soll und wieso Altbundespräsident Joachim Gauck eine mediale Beistandspflicht fordert, lesen Sie gleich im Rundblick. Hier sind unsere Themen in der Übersicht:

  • Göttingen: Nun muss Göttingens Landrat Marcel Riethig doch gehen: Das Innenministerium hat ihn suspendiert. Das Zerwürfnis zwischen ihm und seiner Führungscrew wird unterdessen immer größer.


  • Kinderbilder: Experten warnen, doch die Landesregierung hält ein Verbot von Kinderbildern im Netz nicht für erforderlich. Laura Hopmann (CDU) fordert „klare Leitplanken“ für Einrichtungen.


  • Medienwandel: Alte Geschäftsmodelle bröckeln, neue sind noch nicht stabil. Beim Madsack-Branchentreffen in Hannover wird deutlich, wie umkämpft die Zukunft der Medien ist.


  • Medizintechnik: Niedersachsenmetall lud Gesundheitsexperten und Fachleute aus klassischen Industrien ein, Potenziale zur Zusammenarbeit auszuloten.

Mit Vorkämpfern ist das so eine Sache: Hört er einmal auf zu kämpfen, überholen ihn die anderen. Wir rudern fleißig weiter...

Ihr Niklas Kleinwächter

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #052.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter

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