15. Apr. 2026 · 
TagesKolumne

Politamorphosen

Es gibt das Leben nach der Politik. Es birgt die Chance für einen jeden Politiker, ein neues Sprechen zu lernen – und das Misstrauen zu verlieren.

Unsere Politiker verwandeln sich, sobald sie aus dem Amt scheiden. Die Verwandlung geschieht nicht bei allen in der gleichen Geschwindigkeit und auf dieselbe Weise. Einige müssen sich erst einmal vergraben, abtauchen oder sich verpuppen – bevor sie manchmal Monate, manchmal Jahre später wieder erscheinen und dann wie ausgewechselt wirken. Nicht mehr so verkrampft. Nicht mehr so verbissen. Nicht mehr so abgehoben. Nicht mehr so beschädigt.

Auch ein Politiker entpuppt sich früher oder später. | Foto: Michela Siqueira Okada via Getty Images

Es ist gewissermaßen die Rückverwandlung vom Politiker zum einfachen Menschen. Und plötzlich werden die ehemaligen Polit-Profis wieder von begehrten zu tatsächlich beliebten Gesprächspartnern. Denn nun sprechen sie frei von Zwängen. Haben den einen oder anderen Fehler der Vergangenheit tatsächlich aufgearbeitet. Liefern wahrhaft ehrliche Analysen.

Altkanzlerin Angela Merkel gehört gemeinhin noch nicht zu dieser Gruppe. Zwar zog sie sich nach ihrem Zapfenstreich einstweilen zurück. Doch seitdem sie mit ihren Memoiren durch die Welt tourt, spricht sie wieder in derselben Weise wie damals, als sie noch Kanzlerin war. Durchdacht aber nicht durchgestylt. Zwar reflektiert, aber noch lange nicht so hart mit sich selbst, wie zeitgenössische Beobachter das gerne hätten.

Andere Weggefährten der Altkanzlerin haben sich stärker verändert. Da ist zum Beispiel Karl-Theodor zu Guttenburg, den man allein optisch heute nicht mehr mit der Gel-Locke von damals verwechseln kann, der gönnerhaft auf dem Times Square posiert hat. Heute spricht der Sparfuchs alter Tage ausgerechnet mit dem Altlinken Gregor Gysi über Gott und die Welt. Ein anderer Mann, der jenseits des Merkel-Schattens neu erblüht ist, ist ihr vierter Vizekanzler: Philipp Rösler.

In einem bemerkenswerten Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ beschrieb der frühere FDP-Vorsitzende und Wirtschaftsminister im Kabinett Merkel II, wie der Berliner Politikbetrieb ihn verändert habe. „Sie werden misstrauischer“, gab er da zu Protokoll und erinnerte sich an die wohlwollendere Welt in Hannover zurück: „Wenn ich in meiner Zeit als Landespolitiker in Niedersachsen meine beiden Stellvertreter als Fraktionsvorsitzender beim Bier getroffen hätte, hätte ich mich gefreut und mich dazugesetzt. Bei derselben Situation in Berlin hätte ich gewusst: Die sitzen da nicht nur, um Bier zu trinken, sondern machen gerade aus, wer Vorsitzender anstelle des Vorsitzenden werden soll.“

Was Rösler da erzählte, stellt der Politik kein gutes Zeugnis aus – und es ist eine Warnung: „Wenn Sie ständig mit so viel Misstrauen an Ihre Mitmenschen herangehen müssen, werden Sie komisch. Und die meisten Politikerinnen und Politiker werden irgendwann komisch.“ Für uns Niedersachsen bleiben derweil zwei Hoffnungen bestehen: Erstens ist Hannover auch 13 Jahre später nicht wie Berlin. Und zweitens bleibt immer noch die Politamorphose – die Rückkehr zu sich selbst im Leben nach der Politik.

Die FDP hat zuletzt vielen Spitzenpolitikern die Chance gegeben, ein neues Leben anzufangen. Einer von ihnen kommt heute im Rundblick zu Wort. Wir haben aber auch noch ein paar andere Themen:

  • Deepfake-Skandal: Die CDU-Fraktionsführung will jetzt keine weiteren arbeitsrechtlichen Schritte gegen Mitglieder der Chatgruppe einleiten, in der ein Deepfake-Video erstmals auftauchte.


  • Ideen-Expo: Wie schafft man es, die Bundeswehr in sicherheitspolitisch heiklen Zeiten für junge Leute attraktiver zu machen? Die Bundeswehr geht auf der Ideen-Expo in die Offensive.


  • Christian Lindner: Der deutsche Reformmotor stottert, die Lage der Wirtschaft ist düster. Christian Lindner, jetzt nicht mehr Politiker, liest seinen Nachfolgern in Hannover die Leviten.


  • Personen und Positionen: Michel Golibrzuch, Lars Drebold und Haiko Meents, Grant Hendrik Tonne, Michael Bosse-Arbogast

Begegnen Sie Ihren Arbeitskollegen heute doch mal etwas weniger misstrauisch – selbst wenn Sie im Politikbetrieb beschäftigt sein sollten.

Ihr Niklas Kleinwächter

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #070.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter

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