26. Okt. 2023
Wirtschaft

Planlosigkeit der Politik macht selbst Ausbauhandwerker zu Pessimisten

Der Modernisierungsbedarf im Immobilienbereich war nie größer oder dringender – doch die Stimmung unter den Gebäudesanierern ist trotzdem schlecht. Zu diesem Ergebnis kommt die aktuelle Konjunkturumfrage der Handwerkskammer Hannover, die in mehreren Gewerken von deutlich zurückgeschraubten Erwartungen berichtet. „In den Jahren zuvor hatten wir ganz gute Ergebnisse, auch wenn die Lage kritisch und unberechenbar war. Das ist jetzt anders, dem Mittelstand droht die Luft auszugehen“, sagt Handwerkskammer-Hauptgeschäftsführer Peter Karst und stellt fest: „Die Verunsicherung im handwerklichen Mittelstand steigt. Sie ist nicht nur mehr spürbar, sondern fest mit den Händen zu greifen.“

Matthias Lankau (links) und Peter Karst von der Handwerkskammer Hannover fordern Klarheit von der Politik. | Foto: Link

Der Erwartungsindex ist von 112 auf 83 Punkte abgesackt und damit wieder auf halbem Weg zur Untergangsstimmung, die auf dem Höhepunkt der Gasmangelkrise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Herbst 2022 vorherrschte. Als Grund für die neue negative Erhaltungshaltung nennt Karst die zunehmende Unberechenbarkeit der Politik, die von unklaren Rahmenbedingungen bei gleichzeitiger Regulierungswut gekennzeichnet sei. Die Handwerkskammer beklagt eine „Transformation ohne Vision“ und fordert klare konsistente Zielsetzungen und Maßnahmen.

„Die Vorgabe der Klimaneutralität bis 2045 allein ist keine Vision, sondern ein Narrativ und ein eindimensionales Argument für Maßnahmen, die keinen ganzheitlichen politischen Handlungsrahmen haben“, kritisiert Karst und ergänzt mit Blick auf die Diskussionen rund um das Gebäudeenergiegesetz: „Wenn die Menschen befürchten müssen, wegen politischer Regulatorik arm zu werden, dann führt das zu Angst und einem bestimmten Konsumverhalten, das auch bei den Betrieben ankommt.“

Bauhandwerker sehen schwarz

„Im Bauhandwerk kommen wir aus Jahren der außerordentlich guten Stimmung. Das hat sich ins Gegenteil verkehrt“, berichtet Matthias Lankau. Umsatz und Beschäftigung sind laut Umfrage rückläufig, für das vierte Quartal rechnet mehr als die Hälfte der Betriebe mit sinkenden Auftragseingängen. „Das wird auch zur Folge haben, dass Arbeitsplätze abgebaut werden“, prophezeit der Abteilungsleiter für ökonomische Unternehmensentwicklung.

Aktuell wird die Geschäftslage im Baubereich allerdings noch als gut bewertet, im Ausbauhandwerk sogar als sehr gut. Der Auftragsbestand ist weiterhin hoch. „Auch Panikumbauten hin zu Gasheizungen sind zurzeit stark nachgefragt“, beschreibt Lankau die Lage. Die Nachfrage nach Wärmepumpen, die Zahl der Luxussanierungen und die Folgeaufträge aus dem Neubau heraus sei dagegen stark gesunken. „Tendenziell profitiert das Handwerk natürlich von der Energiewende“, stellt Lankau klar. Die negative Erwartungshaltung sei dennoch die Grundlage für viele betriebliche Entscheidungen.


Zulieferer und Autohandel schwächeln

Der Erwartungsindex im Zulieferhandwerk liegt bei 76 Punkten im tiefroten Bereich. „Das ist der zweitniedrigste Wert, den wir haben“, sagt Lankau. Getoppt wird der Pessimismus der handwerklichen Zulieferer für Industrie nur noch vom Bauhandwerk (67 Indexpunkte). Die Gründe dafür seien aber nicht vor Ort in Niedersachsen, sondern auf makroökonomischer Ebene zu suchen. „Die deutsche Exportwirtschaft tritt derzeit eher auf der Stelle, als dass von ihr größere Impulse ausgehen“, sagt der Experte für Wirtschaftspolitik.

Im stagnierenden Kraftfahrzeug-Handel sind die Kausalitäten dagegen leicht zu benennen: Durch den Wegfall der Förderung für gewerblich genutzte Elektrofahrzeuge ist der Absatz im Vorjahresvergleich um 29 Prozent gesunken. „Das ist eine Lücke, die sich im Handel deutlich bemerkbar macht“, sagt Lankau. Hohe Preise im Neu- und Gebrauchtwagenmarkt würden zudem zu einer Kaufzurückhaltung bei den Kunden führen. In den Werkstätten trübt folgendes Problem die Stimmung: „Die Betriebe könnten mehr Aufträge abarbeiten, wenn sie die Mitarbeiter dafür hätten. Es fehlt an qualifiziertem Personal.“

Fleischer und Bäcker wieder optimistischer

Eine Stimmungswende ins Positive gibt es dagegen im Nahrungsmittelhandwerk, wo viele Bäcker und Fleischer noch im Frühjahr um ihre betriebliche Zukunft bangen mussten. „Bei den konsumnahen Handwerken macht sich das sofort bemerkbar, wenn die Kunden wieder normal einkaufen. Die existenzielle Krise ist erst einmal überwunden“, berichtet Handwerkskammer-Betriebsberater Farid Daniel Betet und macht für die Normalisierung vor allem die Energiepreisbremse verantwortlich. „Das Thema Energiepreise ist nicht mehr die dringendste Sorge der Unternehmen“, bestätigt auch Hauptgeschäftsführer Karst.



Aufgehellt hat sich auch die Stimmung im Dienstleistungs- und im Gesundheitshandwerk. Die Orthopädie- und Zahntechniker sind allerdings noch skeptisch, ob es ihnen gelingen wird, die gestiegenen Preise auf die Kunden abwälzen zu können. Das wird erst in der nächsten Verhandlungsrunde mit den Krankenkassen entschieden, die im November beginnt. Dass die Preise nicht stärker ansteigen dürfen als die Beiträge sei im aktuellen inflationären Umfeld allerdings nicht so eine große Einschränkung wie zu anderen Zeiten. Laut Betet ist ein Preisanstieg von bis zu 4,22 Prozent möglich.

Dieser Artikel erschien am 27.10.2023 in Ausgabe #187.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link