29. Nov. 2017
Soziales

„Pastoren leiden, weil sie als Organisatoren, nicht mehr als Theologen gefragt sind“

Die evangelisch-lutherische Landeskirche Hannover übt Selbstkritik: In teilweise drastischen Worten hat der Vizepräsident der EKD, Horst Gorski aus Hamburg, gestern in einer Rede vor der Synode der Landeskirche mehrere Missstände beschrieben. So sehe er Rollenkonflikte bei den Pastoren, Unzulänglichkeiten in der praktischen Arbeit und eine fehlende Aufgeschlossenheit gegenüber Veränderungsprozessen wie der Digitalisierung. Gorski rief die Kirche außerdem dazu auf, ihr Verhältnis zum Demokratiebegriff neu zu definieren. Die mehr als 30 Jahre alte Vorstellung, wonach die Kirche zu einem „Grundkonsens“ beitragen müsse, entspreche nicht mehr den aktuellen Gegebenheiten. Es müsse künftig stärker darum gehen, die Kirche als Garanten für Freiräume der offenen Diskussion zu begreifen. [caption id="attachment_29233" align="alignnone" width="780"] Die evangelische Landeskirche trifft sich zur Synode. Foto: Wallbaum[/caption] Die 25. Landessynode beschäftigt sich unter anderem mit der Bilanz der Feiern zum Reformationsjubiläum und mit der Situation der Kirchenmusik. Heute hält Landesbischof Ralf Meister seinen Bericht – er dürfte sich zu aktuellen Fragen der Zeit äußern, beispielsweise auch zur „Ehe für alle“. Gestern hat sich das Kirchenparlament mit den eigenen Zukunftsperspektiven beschäftigt. Neben Gorski sprach auch der frühere Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Prof. Hans-Jürgen Papier. Während er sich stärker mit den aktuellen politischen Themen beschäftigte, widmete sich Gorski dem Zustand in der Kirche. „Viele Pastoren leiden, weil sie nicht mehr als Theologen, sondern nur noch als Organisatoren gefragt sind“, sagte der EKD-Vizepräsident. Man stelle bei vielen Pfarrern eine „latente Unzufriedenheit“ fest und eine „Sehnsucht nach der Theologie“. Der pastorale Alltag werde aber leider bestimmt davon „das Vereinsleben am Laufen zu halten und sich gleichzeitig beliebt zu machen“. Eine Mischung aus Über- und Unterforderung bedeute Stress für das Kirchenpersonal. Sie würden überfordert mit vielen Nebensächlichkeiten und unterfordert in ihrer Kernkompetenz. Kritik übte Gorski auch an der Pastorenausbildung: Obwohl immerhin mittlerweile schon psychologische Kenntnisse vermittelt würden, blieben Sozialwissenschaften immer noch ausgeblendet. Das Studium verlaufe „sehr stark textorientiert“, nämlich mit Bezug auf die Bibel. „Über die Welt von Jesus wissen die Pastoren sehr viel, über die Welt der eigenen Gemeindemitglieder oft nur sehr wenig.“ Lesen Sie auch:   Gorski rief dazu auf, die Veränderungen im Zuge der Digitalisierung als Chance zu begreifen. Gottesdienste im Netz gebe es zwar schon, doch sie würden nicht offiziell von der Kirche akzeptiert. Auch die Teilnahme an einem „digitalen Abendmahl“ dürfe in Zukunft kein Tabu mehr sein. Reformbedürftig sei im Übrigen das Verhältnis der Kirche zum demokratischen Staat. Der alte Leitfaden zur Demokratie, den die EKD 1985 herausgegeben habe, beziehe sich noch auf die „Konsensdemokratie der Bonner Republik“ – es werde darin der Grundkonsens der Demokraten betont. Wenn die Kirche heute aber „zu stark wertorientiert“ auftrete, verschrecke sie damit manche, die man mit einem Dialog er überzeugen und gewinnen wolle. „Viele fühlen sich von der Art, wie die Kirche argumentiert, ausgegrenzt.“ In Zukunft werde es wohl stärker darum gehen, dass die Kirche „einen Diskussionsraum eröffnet“ und nicht zu früh mit der Betonung eigener Werte Andersdenkende das Gefühl vermittelt, sie würden nicht wahrgenommen. Der frühere Verfassungsgerichtspräsident Papier setzte sich kritisch mit dem Wunsch von Islamverbänden auseinander, als Glaubensgemeinschaft anerkannt zu werden und Islamunterricht zu erteilen. „Das geht nur, wenn solche Organisationen eine feste Zahl dauerhafter Mitglieder haben“, betonte Papier – bei vielen Islamgruppen sei das aber nicht der Fall. Kritisch beurteilt Papier die Entscheidung des höchsten deutschen Gerichts von 2015, Lehrerinnen das Tragen von Kopftüchern zu gestatten. „Damit wird unterschätzt, dass die Lehrerin nicht als Privatperson, sondern in Ausübung eines öffentlichen Amtes auftritt. Papier betonte die Neutralitätspflicht des Staates in religiösen Fragen – doch gleichbedeutend sei eine Chance der Kirche, in der Gesellschaft umso kräftiger und entschiedener zu agieren. Diese Gelegenheit müsse die Kirche auch nutzen.
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #213.
Klaus Wallbaum
AutorKlaus Wallbaum