
Stephan Weil, ehemaliger Ministerpräsident, ist gut ein Jahr nach seinem Amtsverzicht in die Ahnengalerie der Staatskanzlei in Hannover aufgenommen worden. In Anwesenheit des Geehrten sowie seines Nachfolgers Olaf Lies (beide SPD) enthüllte der Künstler Albrecht Gehse am Montagnachmittag das 120 Zentimeter hohe Porträt. „Ich bin kein großer Kunstkenner, aber für mich steht das Bild für Erfahrung, Pflichtbewusstsein und Weitsicht“, sagte Lies. Die Wortwahl ist bezeichnend, fällt doch ein Detail schnell ins Auge: Der kurzsichtige Stephan Weil trägt auf dem Gemälde keine Brille. Man sieht darauf den 67-Jährigen sitzend, in Anzug und weißem Hemd aber ohne Krawatte – so weit ein vertrauter Anblick des früheren Regierungschefs. Dass man ihn ohne Brille hingegen nie gesehen hätte, weist Weil zurück. Beim Aktenstudium habe er die Gläser immer abgesetzt. Der Hauptgrund für die Auslassung war aber diese: Die Brille lenke aus Sicht des Künstlers zu stark vom Gesicht ab. Nun gibt es auf dem Porträt allerdings noch etwas anderes, das durch seine Anwesenheit überrascht und damit die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Der gemalte Weil sitzt vor einer Art bläulichem Vorhang. Doch dort, wo dieser sich lüftet, gibt er den Blick frei auf einen Berg: die Eiger-Nordwand in den Berner Alpen. Der niedersächsische Bergwanderer Weil hatte diese Idee zuerst zurückgewiesen, er sei schließlich kein Bergsteiger. Inzwischen wertet Weil die Bergwand aber als politische Metapher. Sie stehe für zu hohe Erwartungen, mit denen Politiker konfrontiert werden – und für die Klugheit des Wanderers, der zwar das Ziel teilt, aber auf leichterem Wege dorthin zu gelangen versucht. Weil pries Gehse als einen der „wichtigsten deutschen Kunstmaler der Gegenwart“. Er hatte bereits das Kanzlerporträt für Helmut Kohl angefertigt. Wer diesen Künstler kennt, sagte Weil, der wisse allerdings auch, dass am Ende ein Werk steht, dass über die Darstellung eines Gesichts hinausgeht. „In diesem Fall finde ich das Ergebnis mehr als gelungen – bin natürlich aber auch ein wenig befangen.“


