Als ich das erste Mal an einer öffentlichen Wahl teilgenommen habe, war ich hinterher schwer enttäuscht. Nicht weil mir das Ergebnis nicht gefallen hätte. Sondern weil alles so furchtbar schnell gegangen war. Kein Schlangestehen vorm Wahllokal. Nur Ausweis vorzeigen. Stimmzettel entgegennehmen. In einer Wahlkabine verschwinden. Kreuzchen machen. Falten. Vorm Einwerfen noch kurz konzentrieren, damit man die Wahlurne nicht mit dem Müllcontainer verwechselt. Und fertig. Demokratie getan … in unter zehn Minuten.
Was für andere ein Argument zum Wählengehen war (dauert doch nicht so lange), hat mich eher geärgert. Gelegentlich habe ich den Vorgang sogar künstlich in die Länge gezogen, indem ich mir den Stimmzettel wirklich von oben bis unten durchgelesen habe. Wo ich mein Kreuz mache, habe ich mir so gut wie nie erst in der Wahlkabine überlegt. Es war also ein reines Zeitschinden. Denn wie sollte das angehen: staatsbürgerliches Hochamt – schneller vorbei als die Tagesschau?

Bald schon fand ich aber einen Weg, den Wahltag angemessen zu zelebrieren. Manch einer mag das verrückt finden, aber ich fand mein erstes politisches Glück darin, als freiwilliger Wahlhelfer anzuheuern. Wie wichtig kam ich mir vor, als ein städtischer Mitarbeiter mir und gefühlt hunderten anderen in der Schulaula die Regeln erläutert hat – inklusive wichtiger Hinweise, nach welcher Logik man die Stimmzettel bei einer Kommunalwahl vor dem Zählen klug sortiert. Ich nahm die Sache furchtbar ernst. Ist sie ja auch.
Fortan war für viele Jahre klar, wo ich am Wahltag um 18 Uhr stehen werde: In einem abgeranzten Klassenzimmer der örtlichen Realschule, zwischen zusammengeschobenen Schülerpulten, liegengebliebenen Turnbeuteln und jeder Menge raschelndem Papier. Hinter uns ehrenamtlichen Demokratie-Ermöglichern lag zu diesem Zeitpunkt immer schon ein abwechslungsreicher Tag. Wer sich nicht vorher abgestimmt hatte, stand spätestens um 7:30 Uhr im Klassenzimmer. Wer nimmt die erste Schicht und wer die zweite? Wer Glück hatte, wurde vom Bürgermeister besucht und mit Butterkuchen beschenkt. Ansonsten lernte ich die Nachbarschaft einmal ganz anders kennen. Auch wenn man sich hinterher beim Auszählen schon gefragt hat, wer vorhin das eine Kreuz wohl bei jener kuriosen Partei gesetzt hat.
Mit jeder Wahl traute man mir mehr zu. Irgendwann musste ich einen Stapel Unterlagen nach dem Auszählen ins Rathaus bringen. Da kam ich ganz schön ins Schwitzen: Lass bitte alles korrekt sein, damit wir nicht noch einmal auszählen müssen! Zufrieden ging ich dann nach Hause, in dem Wissen, als kleines Zahnrad in der großen Demokratiemaschinerie meinen Beitrag geleistet zu haben.
Heute erlebe ich Wahltage ganz anders. Seitdem ich beim Rundblick arbeite, stehe ich um 18 Uhr in der Regel auf irgendeiner Wahlparty und versuche Freudentaumel, Trauer, Euphorie, Resignation, Stolz und Trotz in den Reaktionen der Parteimitglieder zu erkennen und aus den Reden der Wahlkämpfer herauszuhören. Auch das macht Spaß, jede Menge sogar. Und dennoch denke ich am Wahlabend immer auch an die vielen fleißigen Helfer, die unsere Stimmzettel sortieren, auszählen und die Ergebnisse weitergeben, damit wir sie dann in bunte Balken und viele Buchstaben verwandeln können.
Viele Buchstaben haben wir auch heute wieder für Sie. Das sind die Themen in der vorletzten regulären Rundblick-Ausgabe vor der Sommerpause:
Ein Großteil unserer Leserschaft dürfte an Wahlabenden anderes zu tun haben – aber wenn Sie nichts vorhaben, wollen Sie vielleicht Wahlhelfer werden? Ich fänd’s cool!
Ihr Niklas Kleinwächter



