Dass es in den meisten Regionen Niedersachsens noch genügend Ärzte gibt, meint Prof. Stephan L. Thomsen, ist vor allem einer viel geschmähten Altersgruppe zu verdanken: „Die Boomer tragen die Versorgung“, sagt der Experte vom Institut für Wirtschaftspolitik der Universität Hannover. Im Auftrag der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) hat er eine Prognose erstellt, wie sich die ärztliche Versorgung in Niedersachsen bis 2040 entwickeln wird. Bereits jetzt liegt der Altersdurchschnitt der niedergelassenen Ärzte bei 56 Jahren. In Bad Pyrmont allerdings, dem Spitzenreiter in dieser Kategorie, sind 42 Prozent der Mediziner bereits über 68 Jahre alt, gefolgt von Nordenham mit 36 Prozent. Bei 68 Jahren lag bis 2008 die Altersgrenze, bis zu der Mediziner praktizieren durften. Dass sie aufgehoben wurde, meint Thomsen, sei ein Glücksfall für die Versorgung. In seinem Szenario geht er davon aus, dass ein Teil der Boomer-Generation bis ins hohe Alter tätig sein wird. Thomsen hat sich alle „Planungsbereiche“ einzeln angesehen und kommt zu dem Schluss: „Die Allokation funktioniert nicht gut. Es wird überversorgte und unterversorgte Bereiche geben.“ Eine hausärztliche Unterversorgung droht unter anderem in Helmstedt, Quakenbrück und Bad Pyrmont. Überversorgung ist in dem Szenario deutlich häufiger als Unterversorgung. Insgesamt wird es jedoch einen Rückgang geben.

Dagegen steuert die KVN erfolgreich an, betont der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Thorsten Schmidt: „Wir geben 35 Millionen Euro im Jahr aus, um die Niederlassung und Weiterbildung zu fördern.“ Wer in einer Mangel-Region eine Praxis übernimmt, kann von der KVN einen Investitionskostenzuschuss bekommen. 35 Praxen haben 2024 davon profitiert. Zudem zeige die „Landarztquote“ im Medizinstudium Wirkung. Auch, dass niedergelassene Ärzte keine verpflichtenden Bereitschaftsdienste mehr übernehmen müssen, habe die Situation entspannt. „Der Rückgang wird nicht so groß sein wie 2020 prognostiziert“, betont Schmidt. „Allerdings gibt es eine Entwicklung, die uns das Ganze wieder kaputt machen wird.“ Er meint das „GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz“, das der Bundestag am Freitag beschließen soll. Ärztevertreter rechnen – je nach Fachrichtung und Geschäftsmodell – mit Honorareinbußen bis zu dreißig Prozent. Gerade ältere Ärzte, die aus Idealismus weiterarbeiten, werden unter diesen Bedingungen aufgeben, befürchtet Schmidt.

Was helfen könnte: Studienplätze weiter auszubauen. „Niedersachsen liegt auf dem vorletzten Platz beim Verhältnis Medizinstudienplätze pro Einwohner“, gibt er zu bedenken. Das Szenario geht davon aus, dass jährlich 1000 neue Ärzte auf den Arbeitsmarkt kommen und sich 282 davon für eine Karriere als Hausarzt entscheiden. Mitgerechnet sind hier auch die Psychotherapeuten. „Hier sehen wir Nachwuchs“, sagt Schmidt. Allerdings war ihre Branche schon vor den Ärzten von Sparmaßnahmen betroffen. Wie viele Psychotherapeuten angesichts der Umsatzeinbußen im System bleiben werden, sei fraglich. Neben dem Trend zum Praktizieren bis ins hohe Alter beobachtet Thomsen noch eine zweite Entwicklung: Der Arztberuf wird weiblicher. Allerdings bevorzugen es Frauen, angestellt zu arbeiten statt eine Arztpraxis zu übernehmen. Es sind deutlich mehr Männer als Frauen, die über die Altersgrenze hinaus arbeiten.


