9. Apr. 2026 · 
MeldungGesundheit

„Notfälle kennen keine Uhrzeit“: Luftrettung fordert mehr Flüge in der Dunkelheit

Niedersachsens Luftretter fordern das Ende starrer Flugzeiten. Das Argument: Wenn immer mehr Kliniken schließen, darf die Hilfe mit dem Helikopter nicht bei Sonnenuntergang enden.

Bei Nachtflügen müssen zwei Piloten an Bord sein. Spezielle Nachtsichtbrillen sorgen für zusätzliche Sicherheit. | Foto: ADAC/Marvin Aleksa

Niedersachsens Luftrettung kann mehr, als sie darf: Moderne Hubschrauber sind längst in der Lage, bei Nacht und schwieriger Witterung zu fliegen und Patienten bereits am Einsatzort intensivmedizinisch zu versorgen. Doch bundesweit sind bislang nur wenige Stationen für die Luftrettung bei Dunkelheit und Dämmerung aufgestellt. Die beiden großen Betreiber ADAC und DRF Luftrettung fordern deswegen eine Ausweitung der 24-Stunden-Notfallhilfe aus der Luft. „Eine umfassende und flächendeckende Notfallversorgung darf nicht von Tageszeiten abhängen“, sagt DRF-Chef Krystian Pracz. „Notfälle kennen keine Uhrzeit.“ Von den bundesweit 31 Stationen der gemeinnützigen Rettungsorganisation dürfen nur 15 auch rund um die Uhr arbeiten. Beim ADAC sind Nachteinsätze sogar nur an fünf von 38 Stützpunkten möglich, weshalb Luftrettungs-Geschäftsführer Frédéric Bruder fordert: „Der Rettungsdienst muss weiterentwickelt werden. Wir brauchen dringend längere Einsatzmöglichkeiten auch in der Dunkelheit.“

Innerhalb von nur 15 Minuten schafft es die Luftrettung von Hannover bis nach Soltau. | Grafik: DRF Luftrettung

Die Einsatzstatistik für das Jahr 2025 zeigt, dass der Bedarf an schneller Hilfe aus der Luft bei Dunkelheit zunimmt. Beim ADAC ist die Zahl der bundesweiten Nachtflüge von 3159 auf 3314 gestiegen (plus fünf Prozent). In den 24-Stunden-Stationen der DRF Luftrettung findet mittlerweile jeder vierte Einsatz bei Dunkelheit statt. In Hannover wurde „Christoph Niedersachsen“ insgesamt 799-mal angefordert, davon 239-mal nach Sonnenuntergang. Der ADAC hat in Sanderbusch (Kreis Friesland) mit „Christoph 26“ einen weiteren Nachtflieger für Niedersachsen im Einsatz, der auch die medizinische Versorgung für die ostfriesischen Inseln sicherstellt. Hinzu kommt der grenznah stationierte „Christoph Westfalen“ am Flughafen Münster-Osnabrück, der die 100 Kilometer nach Friesoythe in einer guten halben Stunde schafft und Emden in etwa 43 Minuten erreicht. In allen drei Fällen handelt es sich um Intensivtransporthubschrauber vom Typ „H145“. Der Airbus-Helikopter ist trotz seiner 1072 PS vergleichsweise leise und fliegt mit 220 km/h bis zu 650 Kilometer weit.

„Nachteinsätze können anstrengend sein, aber ich fliege sie gern, weil wir Menschen erreichen, die sonst zu lange warten müssten. Dabei unterstützt mich in der Dunkelheit die gesamte Crew an Bord, ein zweiter Pilot und auch die Nachtsichtgeräte geben uns ein Plus an Sicherheit, damit wir alle Hindernisse beim Landeanflug rechtzeitig erkennen können“, sagt DRF-Pilotin Stefanie Hahnl. Gerade bei Schlaganfällen, Herzinfarkten oder schweren Verletzungen entscheiden oft Minuten über den Behandlungserfolg. Luftrettung kann diese Zeit entscheidend verkürzen – vor allem dann, wenn der Weg in die nächste geeignete Spezialklinik weit ist. Mithilfe mobiler Ultraschallgeräte können Notärzte und Notfallsanitäter bereits am Einsatzort innere Blutungen, Verletzungen und Erkrankungen erkennen und die Behandlung gezielt vorbereiten. „Bereits heute spielt die Luftrettung eine signifikante Rolle in der Versorgung besonders komplexer und zeitkritischer Fälle in ländlichen Gebieten“, sagt Pracz.

Seit 30 Jahren gibt es die DRF Luftrettung in Hannover. Sie flog seitdem mehr als 25.000 Einsätze, heute hat sie dafür einen "H145". | Foto: DRF Luftrettung/Maike Glöckner

Die Betriebszeiten sind nicht das Einzige, wo die Luftretter nachbessern wollen: Auch bei schlechtem Wetter wollen sie künftig häufiger fliegen. Dafür fehlen laut DRF allerdings oft noch die notwendigen gesetzlichen Rahmenbedingungen zur Etablierung spezieller Instrumentenflug-Verfahren (IFR), die einen Einsatz auch bei widrigen Sichtverhältnissen rechtlich absichern würden. Die Betreiber drängen darauf, dass die Politik die strukturelle Bedeutung der Luftrettung stärker berücksichtigt und entsprechende Voraussetzungen schafft. Der ADAC fordert neben der technischen Aufrüstung zudem flexiblere Arbeitszeitmodelle für die Crews, eine flächendeckende digitale Vernetzung der Leitstellen sowie eine länderübergreifende Einsatz- und Bedarfsplanung mit einheitlichen Qualitätsstandards. Die klare Ansage der Luftretter lautet: Wenn die Krankenhauslandschaft in der Fläche weiter ausgedünnt wird, muss die Infrastruktur in der Luft stärker in die Versorgung eingebunden werden – und darf nicht länger nur als unverbindliche Ergänzung verstanden werden.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #067.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link

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