24. Apr. 2017
Kommentar

Niemand ist eine Insel

Darum geht es: Die steuerliche Förderung von Forschung und Entwicklung für kleine und mittlere Unternehmen ist auf der politischen Zielgeraden. Sie könnte auf Initiative Niedersachsens und Bayerns noch vor der Bundestagswahl eingeführt werden. Ein Kommentar von Martin Brüning. „Niemand ist eine Insel“, hat der englische Schriftsteller John Donne einst geschrieben. Mehr als 400 Jahre später hat man den Eindruck, dass sich Deutschland in vielerlei Hinsicht als Insel begreift. Ob bei dem Ausstieg aus der Kernkraft oder einer um sich greifenden Forschungsskepsis: die Deutschen möchten gerne ihren eigenen Weg gehen, ungeachtet der Entwicklungen um sie herum. Bisher ist alles gut gegangen. Die Wirtschaft brummt, die Arbeitslosenquote ist niedrig. Dennoch mahnt der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher: „Wir müssen uns auch einmal kritisch hinterfragen. Wir vergessen gerne, dass wir vor zehn Jahren noch der kranke Mann Europas waren.“ https://soundcloud.com/user-385595761/investitionsschwache-das-kann-auf-dauer-nicht-gut-ausgehen Wer sich auf einer Insel wähnt, der verliert gerne den Blick auf die Welt drum herum. Deshalb bleiben manche Fehlentwicklungen der vergangenen Jahre durch den fehlenden Vergleich unentdeckt. Dazu gehört eine der niedrigsten Investitionsquoten, sowohl in der Wirtschaft als auch seitens der öffentlichen Hand. Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Denn wer heute nicht im eigenen Land investiert, kann schon morgen nicht mehr Weltmarktführer sein. Und auch bei der steuerlichen Förderung von Forschung und Entwicklung hat Deutschland fast Inselstatus. Bis auf Estland gibt es sie in allen anderen EU-Staaten. Wer sich die Auswirkungen der steuerlichen Förderung genauer ansehen möchte, muss gar nicht weit schauen. Es reicht schon ein Blick nach Österreich. Dort stiegen die Ausgaben für Forschung und Entwicklung seit dem Jahr 2000 um 50 Prozent von zwei auf drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Es sind inzwischen nicht mehr nur die Großkonzerne, die sich die Bedingungen an allen Standorten der Welt genauer anschauen, auch der Mittelstand ist mehr und mehr auf der Suche nach den besten Bedingungen. Österreich ist für manches mittelständische Unternehmen in Sachen Forschung und Entwicklung inzwischen bereits der attraktivere Standort. [caption id="attachment_16909" align="aligncenter" width="780"] Talk mit Politik und Wirtschaftsexperten auf der Hannover Messe - Foto: Nds'metall[/caption] Insofern ist zu hoffen, dass die nahende Bundestagswahl nun ein wenig Druck auf den Entscheidungskessel gibt. Die Initiative Niedersachsens und Bayerns ist sinnvoll. Das ist nicht nur die Meinung des Bundesrats und der Bundestagsfraktionen von Union und SPD, sondern inzwischen auch der Bundeswirtschaftsministerin. Jetzt bedarf es noch der Zustimmung des Bundesfinanzministers und des Kanzleramtes, und das besser früher als später. Das Tempo im Bereich der Forschung und Entwicklung hat deutlich zugenommen, die Digitalisierung führt zu neuen Herausforderungen und zu einem noch stärkeren Wettbewerb. Die Politik muss sich dem Tempo an manchen Stellen auch einmal anpassen. „Was kümmert mich der Schiffbruch der Welt, ich weiß von nichts als meiner seligen Insel“, schrieb Friedrich Hölderlin. Schwierig wird es allerdings, wenn man auf der eigenen Insel einen wirtschaftlichen Schiffbruch erleidet. Wir sollten die Zeit nutzen, ihn zu verhindern, so lange es uns auf unserer Insel so gut geht.   Mail an den Autor dieses Kommentars
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #77.
Klaus Wallbaum
AutorKlaus Wallbaum