5. Aug. 2026 · 
TagesKolumne

Moralphilosophie aus der Kreisliga

Fairness muss man sich leisten können: Was der Landtag vom SV Dalum lernen kann – und wie Rot-Grün die Opposition mit Tiki-Taka zur Verzweiflung bringt.

Der SV Dalum ist die fairste Fußball-Mannschaft in Niedersachsen. Der Kreisligist aus dem Emsland hat in der vergangenen Saison in 26 Spielen nur 13 Gelbe Karten kassiert und den VGH Fairness-Cup gewonnen. Doch Trainer Thomas Hessel stellte klar, dass man aus seiner Truppe bitte keine Klosterschüler machen soll. Dass seine Mannschaft den größten Konkurrenten um den Cup, den TuS Schwarz Weiß Enzen, in der Rückrunde noch abfangen konnte, habe ganz praktische Gründe gehabt. „Als Spitzenreiter in unserer Staffel war es für uns deutlich einfacher, auch mal auf ein Foulspiel zu verzichten“, lautet seine erfrischend ehrliche Erklärung für den Sieg.

So philosophisch kann nur Fußball sein: Fairness ist eben nicht nur eine Frage des Charakters, sondern auch der persönlichen Ausgangslage. Wer unangefochten an der Tabellenspitze steht, kann sich Großzügigkeit leisten. Er muss den gegnerischen Stürmer auf dem Weg zum Ehrentreffer kurz vor Abpfiff nicht mehr umgrätschen. Er kann ihn milde lächelnd durchwinken und ihm auf dem Weg zum eigenen Tor sogar noch aufmunternd auf die Schulter klopfen.

Das kennt man auch aus dem Landtag. Wer die unbestrittene Mehrheit auf seiner Seite hat, muss nicht bei jeder Zwischenfrage den Ellbogen ausfahren und den politischen Gegner auf dem Weg zum Podium am Sakko oder Blazer zupfen. Es reicht völlig, den Gesetzentwurf noch ein paar Mal quer durch den Plenarsaal zu passen und auf den Schlusspfiff der Landtagspräsidentin zu warten. Die Opposition darf sich müde laufen, während die Regierungsbank routiniert das parlamentarische Tiki-Taka zelebriert und den Ball so lange zwischen Ministerbank und Koalitionsfraktionen hin- und herschiebt, bis die Uhr abgelaufen ist.

SPD-Fraktionschef Stefan Politze erklärt seinem Team die Strategie für die nächste Plenarsitzung. | Foto: SPD, Landtag, mit KI verändert

Und doch braucht vielleicht auch die Landespolitik ihren eigenen Fairness-Pokal. Ordnungsrufe zählen als Gelbe Karten, der Entzug des Wortes als Gelb-Rot. Persönliche Beleidigungen werden als Rote Karte gewertet. Wer eine Zwischenfrage zulässt, bekommt einen Fair-Play-Punkt. Und wer die Antwort anschließend auch noch aufmerksam anhört, gleich zwei. Die Fraktion mit dem besten Punkteverhältnis gewinnt am Ende den Wanderpokal, einen neuen Trainingsball für die Jugendmannschaft und einen Kasten isotonischer Freigetränke für die nächste Fraktionssitzung. Und die Fraktion auf dem letzten Platz muss zur Strafe die Trikots der Landtagsverwaltung waschen.

Bevor der erste Waschgang gestartet wird, werfen wir aber noch schnell einen Blick auf die Themen der heutigen Ausgabe. Wir berichten über:

  • Millionenablöse für Berater: Sanierungsstau, schrumpfende Einnahmen und Beraterkosten in Millionenhöhe: Wer zahlt am Ende die Zeche für die Rettung der Deutschen Messe AG?


  • Gemischte Signale aus der Kabine: Schrumpfende Betriebe und sinkende Umsätze auf der einen, steigende Ausbildungszahlen und unbesetzte Lehrstellen auf der anderen Seite: Das Handwerk sendet gemischte Signale.


  • Taktikschulung fürs vegane Schnitzel: Die Zukunft der Ernährungswirtschaft entscheidet sich nicht nur auf dem Acker. Drei Unternehmer aus Niedersachsen erklären, worauf es heute wirklich ankommt.


  • Personen und Positionen: Meik Portmann (JVA Lingen), Nico Succolowsky (Porzellanmanufaktur Fürstenberg), Sabine Ulrich (Diakonischer Dienstgeberverband) und Professor Sjoerd van Wijk (TiHo).

Einen fairen Mittwoch wünscht
Ihr Christian Wilhelm Link

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #130.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link

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