Die Zeit des Wundenleckens ist offenbar vorbei – oder sie hat noch gar nicht begonnen. Als die CDU an diesem Wochenende in Braunschweig zusammenkommt und ihren Vorstand neu wählt, ist die Stimmung der 370 Delegierten und rund 200 Gäste betont gelöst und freundlich. Sowohl der scheidende Landesvorsitzende Bernd Althusmann als auch sein Nachfolger Sebastian Lechner werden mit kräftigem Applaus bedacht. Das gilt auch für Marco Mohrmann, den neuen Generalsekretär. Die Wahlergebnisse der Landesvorstandsmitglieder sind auch durchweg prächtig, viele überspringen die 90-Prozent-Marke, Lechner selbst holt 88,5 Prozent.

Ja, die CDU hat im vergangenen Oktober die Landtagswahl krachend verloren. Ein Jahr zuvor schon mussten die Christdemokraten die Schmach der Niederlage bei der Bundestagswahl hinnehmen. Aber dass der Landesverband jetzt nach diesen Erfahrungen deprimiert wäre, orientierungslos oder zerstritten, kann niemand behaupten. Die Machtübergabe an der Spitze gelingt nicht nur reibungslos, sie geht auch – dank der diesmal digitalen Stimmabgabe – im Eiltempo voran. Am Ende des Tages ist Lechner der neue starke Mann der CDU, und fast alle scheinen damit glücklich zu sein.
Was war in den Monaten zuvor geschehen? Schon am Abend der Landtagswahl schälte sich schnell heraus, dass der bisherige Generalsekretär Sebastian Lechner (42) neuer Vorsitzender der Landtagsfraktion werden will – ein Schritt, der schon zwei Tage nach der Wahl vollzogen wurde. Lechner war kurz danach auch einziger Kandidat für den CDU-Landesvorsitz. Das ging vielen in der CDU, gerade vielen älteren, zu schnell. Das Wort von der „Boy-Group“ rund um Lechner und seinen Kumpanen aus der Jungen Union, die jetzt die Alten an den Rand drängen und selbst die Macht an sich reißen wollten, machte die Runde.
„Es geht um eine gemeinsame Idee, die uns verbindet. Es geht nicht um Jung gegen Alt oder umgekehrt Alt gegen Jung.“
So stand dieser Parteitag vor dem Beginn unter der Erwartung, es könne noch ein Generationenkonflikt offen ausbrechen – und die Delegierten könnten sich von Lechners Weg nach oben überfordert fühlen. Doch in Braunschweig spürt man am Morgen des 21. Januar sehr schnell, dass der CDU derzeit nicht nach Streit zumute ist.
Humorvoll beginnt der Parteitag (Titel: „Neustart 2023“) mit der "Star Wars"-Titelmusik und einem Claim, der von der „Rückkehr der Geschlagenen“ spricht. Danach dann kommt es dem Gastredner Sven Schulze aus Sachsen-Anhalt und dem bisherigen Landesvorsitzenden Bernd Althusmann zu, eine Mahnung an die Jüngeren auszusprechen. „Es geht um eine gemeinsame Idee, die uns verbindet. Es geht nicht um Jung gegen Alt oder umgekehrt Alt gegen Jung“, ruft Althusmann in den Saal. Er bekommt dafür ordentlichen Beifall.

Aber Lechner, dessen Rede und dessen Wahl zum Vorsitzenden im Mittelpunkt des Tages stehen, hat das Signal offenbar verstanden. Er zitiert gleich zu Beginn das CDU-Urgestein, den vor 20 Jahren verstorbenen Wilfried Hasselmann. Der habe mal gesagt, er kenne 75-Jährige, die im Kopf 35 seien – aber manche mit 35 hätten innerlich ihren 75. Geburtstag schon hinter sich. Da kommt Beifall auf.
Lechner hat sich sehr gründlich auf seine Rede vorbereitet. Er lässt zuvor das Rednerpult wegräumen und bewegt sich frei auf der Bühne. Er zeichnet das Bild der CDU als eine Familie und verspricht: „Wir werden auch wieder angreifen, zusammen als Team. Ich bin sicher, dass das alles wieder möglich wird – wenn wir zusammenhalten.“

Dieser Satz knüpft an das Schicksal der CDU an, jetzt in der Opposition zu sein. Zugleich will Lechner damit Zuversicht verbreiten. Dann schildert er, der heute 42-Jährige, wie er vor 20 Jahren zur CDU Niedersachsen stieß, im Landtagswahlkampf 2003 mitwirkte und sich begeistern ließ. Er berichtet über seine Zeit als Geschäftsführer einer Tee-Firma mit 20 Mitarbeitern, bei der er unternehmerisches Risiko erleben konnte und manche schlaflose Nacht verbracht habe.
Lechner spricht von Begegnungen mit Menschen in schwierigen Situationen – mit einem Bäcker, der viel zu spät die zugesagte Unterstützung für seine Energiekosten bekam, mit einer Mutter, die mit ihrem kranken Kind in der Klinik zu lange habe warten müssen, mit einer Polizistin, die immer wieder angepöbelt worden sei, und mit einem Landwirt, der die Tierschutz-Auflagen nur erfüllen könne, wenn das Baurecht und die Förderprogramme auf den Bau von größeren Ställen zugeschnitten sind.
Die CDU, betont Lechner, müsse für die bürgerlichen Werte stehen und dafür, „dass man aufsteht und seinen Platz räumt, wenn eine ältere Dame in die Straßenbahn einsteigt“. Zum Schluss ruft Lechner den Delegierten zu: „Das ist mein Angebot an Euch: Schlagt ein!“
Diese schwungvolle Rede kommt an – und das, obwohl es zunächst so ausgesehen hatte, als würde der bisherige Landesvorsitzende Bernd Althusmann seinem Nachfolger die Show stehlen. Althusmanns Rede ist die erste auf diesem Parteitag, und er hält eine der besten, die er je gehalten hat. Selbstkritisch fragt er, ob die CDU womöglich im Landtagswahlkampf zu wenig eigene Themen gesetzt habe, ob man zu viel Rücksicht auf mögliche Koalitionspartner nahm („dabei wollten die Grünen eben nicht mit uns“) oder ob es daran gelegen habe, dass Stephan Weil sich mit den Erfolgen der CDU-geführten Landesministerien habe schmücken können.
Nachdrücklich verteidigt Althusmann die Entscheidung, die CDU-Landesliste nach Geschlechtern paritätisch zu besetzen. „Ich weiß, viele haben das mit geballter Faust verfolgt – aber hätten wir es unterlassen, wäre der Start der neuen Landtagsfraktion mit Lechner an der Spitze nicht so gut gelungen.“

Dann legt Althusmann noch die Forderung nach, die Ukraine müsse jetzt auch schwere Kampfpanzer geliefert bekommen, damit sie gegen die Russen bestehen kann. „Wenn die Ukraine verliert, verliert der demokratische Aufbau Europas.“ Das bekommt einen Extra-Applaus.
Althusmann vermittelt das Gefühl, dass er zwar ungern aus der ersten Reihe abtritt, aber mit sich im Reinen ist – und auch nicht im Groll zurückblickt. Mit kräftigem Beifall wird er verabschiedet – und wenig später, nach der Wahl des neuen Vorsitzenden, stehen Lechner und seine Frau Wiebke im Scheinwerferlicht der Kameras. Die Ablösung ist vollzogen, der Parteitag feiert.
Neuer Generalsekretär wird Marco Mohrmann aus Zeven, er bekommt sogar glänzende 94,2 Prozent. 92,5 Prozent gibt es für Schatzmeister Fritz Güntzler, während die drei stellvertretenden Vorsitzenden Gitta Connemann (Leer), Reinhold Hilbers (Grafschaft Bentheim) und Lena Düpont (Gifhorn) jeweils um 80 Prozent erhalten. Bei der Kür der Präsidiumsmitglieder sind die Ergebnisse gemischt, und für die 15 Beisitzerposten treten gleich 21 Bewerber an.
Bei den Vorstellungen ragt einer heraus, der Schulleiter Denis Ugurcu aus Schiffdorf (Kreis Cuxhaven). Er wagt als einziger bei diesem Parteitag einen Verbalangriff auf Rot-Grün, der jede sachliche Zurückhaltung vermissen lässt: „Wir werden eines Tages zurückkehren in die Staatskanzlei“, ruft Ugurcu und ergänzt: „Denn wir wollen nicht mehr, dass diese linken Bagaluten in Hannover das Geld aus dem Fenster herausschmeißen.“
Das kommt so gut an, dass die Delegierten kräftig johlen und ihm prompt das beste Resultat der Beisitzerwahl bescheren. Aber es bleibt die einzige wirklich große Attacke auf die Regierenden an diesem Tag – ansonsten kommt das Delegiertentreffen ohne diese Würze aus.



