Wie in einem Casting, bei dem Weil und Althusmann nacheinander auftreten.
Aber jetzt, fast anderthalb Jahre später, hat sich die Situation doch verwandelt. In der FDP hat Birkners damaliges Nein zur Ampel nachhaltigen Widerspruch ausgelöst. Viele in der Partei bedauern, nicht selbst in Teilbereichen mitbestimmen und mitgestalten zu können, wie es nur über eine Regierungsbeteiligung möglich wäre. Bei den Grünen ist es nicht viel anders, die Fraktionsführung um die Vorsitzende Anja Piel, den Finanzpolitiker Stefan Wenzel, den Fraktionsgeschäftsführer Helge Limburg, den früheren Agrarminister Christian Meyer und die Umweltpolitikerin Miriam Staudte wirkt zuweilen leicht geschwächt – was auch damit zu tun haben könnte, dass vielen Grünen nach fünf Jahren Rot-Grün der Abschied aus der Rolle des Mitregierens nicht leicht fällt. Sie merken, wie wenig man eigentlich in der Opposition bewegen kann. Bei Freidemokraten wie Grünen sind nun Strategen am Werk, die eine Neuorientierung als eine Art internes Aufbruchssignal verstehen: Wenn sich Freidemokraten und Grüne pragmatisch annähern, Tuchfühlung aufnehmen und gegenseitige Vorbehalte abbauen, könnten im Fall der Fälle eine Menge emotionaler Hürden auf dem Weg zu einer Zusammenarbeit schon beseitigt sein. Wie es aus der FDP heißt, spielt dann die Frage Ampel oder Jamaika gar keine große Rolle mehr – im Idealfall würden FDP und Grüne nach einem möglichen Bruch der derzeitigen Großen Koalition geschlossen agieren und sich gemeinsam anschauen, ob die SPD oder die CDU ihnen als großer Partner besser passt. „Wie in einem Casting, bei dem Weil und Althusmann nacheinander auftreten“, sagt ein Vertreter der Landtagsopposition.
Das klingt nun in der Theorie ganz klug, ist aber in der Praxis durchaus anstrengend. Beim „Upload-Filter“ und bei allgemeinen Positionen zum Tierschutz mag die Verständigung noch unproblematisch gelingen. Was die innere Sicherheit angeht, den Vorrang von Bürgerrechten vor den Rechten der Polizei, sind sich beide auch schnell einig. Viele in der FDP sind heutzutage auch bereit, bei der Legalisierung der Drogenpolitik auf Grünen-Positionen einzugehen. Sogar die Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahre, ein stets wiederkehrendes Lieblingsanliegen der Grünen, findet bei den Freien Demokraten zunehmend mehr Fürsprecher.
Mobilität und Energiepolitik bleiben Streitpunkte
Aber auf der anderen Seite sind da ein paar Kernthemen, in denen noch Welten zwischen Grünen und Freidemokraten liegen. Die FDP hatte mal mit „freier Fahrt für freie Bürger“ geworben, sie gilt nach wie vor als Interessenvertretung für die Autofahrer. Die Grünen kämpfen für Klimaschutz und ökologischer Verkehrswende, das geht zumeist einher mit Rufen nach mehr staatlicher Regulierung und nicht – wie die FDP will – weniger. In der Wirtschafts- und Energiepolitik hat die FDP sehr stark das Wettbewerbsinteresse der Unternehmen im Blick, bei den Grünen spielt das keine große Rolle. Und in der Agrarpolitik, gerade in Niedersachsen, sind viele Liberale stolz auf ihre Nähe zu den konventionellen Bauern. Die Grünen schlagen sich auf die Seite der Öko-Landwirtschaft. Gerade hier allerdings wird in jüngster Zeit ein wachsender Pragmatismus auf beiden Seiten festgestellt. Der FDP-Landwirtschaftspolitiker Hermann Grupe soll recht angetan von der Argumentation der Grünen zum Tierschutz gewesen sein, heißt es, und der frühere Agrarminister Christian Meyer von den Grünen, Anführer des linken Flügels seiner Partei, soll sich angeblich immer mehr um einen entspannten Kontakt zu führenden FDP-Politikern bemühen. Früher habe er das nie getan.
Und was nützt das alles, wenn die nächsten Landtagswahlen doch erst in dreieinhalb Jahren sein werden? Die Lage ist bundesweit unsicher, heißt es darauf als Antwort, und ob die Großen Koalitionen im Bundestag und im Landtag noch lange halten werden, wisse doch sowieso niemand. (kw)

